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Caritas in Münster startet mit jungen Erwachsenen neues Projekt

Anonym und auf Augenhöhe - wie Suizidprävention per Mail funktioniert

  • Online-Suizidprävention für junge Menschen ist das Ziel des Beratungsprojekts [u25] des Caritasverbands für die Stadt Münster.
  • Dabei ist eine anonyme Beratung per Mail durch gleichaltrige, geschulte Menschen möglich.
  • Ein neuer Ausbildungskursus für sogenannte Peerberaterinnen und Peerberater soll Ende Oktober beginnen.
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Vor der ersten Mail hatte Hanna, genannt „Joe“, gehörigen Respekt: Denn nach all der Theorie im Ausbildungskursus landete mit dieser Nachricht das reale Leben in ihrem Postfach – und damit die Sorgen, Nöte und Ängste eines jungen Menschen, der in einer Lebenskrise steckt. Die junge Frau, die seit kurzem als „Peerberaterin“ beim Online-Beratungsprojekt [u25] des Caritasverbands für die Stadt Münster ehrenamtlich mitwirkt, fühlte sich allerdings bestens gerüstet und begleitet für diese anspruchsvolle Aufgabe.

Sie gehört zur Gruppe von zehn Studentinnen, die zwischen Januar und Mai dieses Jahres durch die Psychologin Susanne Vogeley und Sozialarbeiterin Julia Kuzmin zum Thema „Online-Suizidprävention“ intensiv geschult und mit dem nötigen „Handwerkszeug“ für die Begleitung von Jugendlichen bis 25 Jahre versorgt wurden.

Anonyme Beratung auf Augenhöhe

„Auf Augenhöhe, also mit Gleichaltrigen, und dazu anonym per E-Mail lässt es sich in schwierigen Lebenslagen in diesem Lebensalter oft sehr viel besser kommunizieren“, weiß Susanne Vogeley, die mit dem Projekt [u25] in Münster das insgesamt elftes Angebot seiner Art in Deutschland leitet. Finanziell wird diese Caritas-Beratung durch die Glücksspirale sowie die münsterschen Rotarier gefördert. Bundesweit können auf diesem Weg etwa 2.000 junge Menschen jährlich durch Krisensituationen begleitet werden.

„Der Bedarf liegt aber weitaus höher“, berichtet Susanne Vogeley auch von der Erfahrungen der anderen [u25]-Projekte, mit denen die Münsteraner gut vernetzt sind und sich regelmäßig austauschen. Entstanden ist die Idee eines anonymen Mail-Kontaktes für suizidgefährdete Jugendliche übrigens 2001 in Freiburg. „Etwa 500 junge Menschen nehmen sich in Deutschland jedes Jahr das Leben“, nennt sie konkrete Zahlen.

Krisen gehören zum Leben dazu

Für „Joe“, die Soziale Arbeit an der Katholischen Hochschule in Münster studiert und später in der Jugendhilfe arbeiten möchte, ist es wichtig, dem oder der Mail-Schreiberin zu signalisieren: Ich bin für Dich da, ich dränge Dir keine Therapie oder kurzfristige Lösung auf, sondern ich nehme Dich ernst und halte diese belastende Situation mit Dir aus.

„Beim Austausch in unserem Ausbildungskurs haben nahezu alle berichtet, dass sie selber Krisen auf dem Weg zum Erwachsenwerden erlebt, aber eben auch bewältigt haben“, erinnert sie sich. „Unsere jeweiligen Klienten und Klientinnen können ihre Ängste und Gedanken einfach bei uns abladen, was ja oft schon eine Erleichterung bringt, wenn man sonst niemanden hat, dem man sich anvertrauen kann“. Gemeinsam aushalten und einfach für das Gegenüber da sein, trösten und nicht sofort Veränderungen vorschlagen oder erwarten: „Jede von uns Ehrenamtlichen hat inzwischen ihre eigene Form gefunden, wie sie mit der schriftlichen Kommunikation Beziehung aufbaut und Kontakt hält“, weiß Joe.

Caritas-Hauptamtliche immer ansprechbar

Allein gelassen werden die Peerberaterinnen keinesfalls. „Jede Mail unserer Ehrenamtlichen lesen wir Hauptamtlichen und geben ihnen ein Feedback dazu“, erläutert Susanne Vogeley, dass es alle zwei Wochen auch eine Supervision und jederzeit die Möglichkeit gibt, mit den Caritas-Fachfrauen Fragen und Unsicherheiten zu besprechen. Etwa, wenn sich ein Online-Kontakt ohne Ansage länger nicht mehr meldet oder ein konkreter Suizid angekündigt wird.

Wie belastend ist der Mail-Austausch, der sich zu einem Langzeit-Kontakt entwickeln, aber auch nach kurzer Zeit abbrechen und die Peerberaterinnen und -berater dann oft mit der Unsicherheit zurücklässt, was mit dem Gegenüber passiert ist? Susanne Vogeley und „Joe“ sind überzeugt, dass eine stabile Persönlichkeit, der interne Austausch, trainierte Professionalität und die notwendige Empathie („ich kann mich einfühlen, aber ich lebe nicht das Gleiche“) die Ehrenamtlichen gut schützen vor allzu großer Nähe.

Neuer Ausbildungskursus geplant

Immer wieder müssten sich alle ins Gedächtnis rufen, dass eine E-Mail vielleicht ein Leben retten kann, aber man für eine andere Entscheidung keine Verantwortung trägt, wenn man alles gegeben habe. „Der oder die Ratsuchende muss immer die Gewissheit haben, die Kontrolle über sein eigenes Leben zu besitzen“, betont die Psychologin. Zum Glück gebe es aber auch so manches Mal eine letzte, berührende Mail mit der Botschaft „Ich habe die Krise bewältigt“.

„Das gute Gefühl bei dem, was wir machen“, kann „Joe“ Hanna im Übrigen nur weiterempfehlen. Sie hat es bisher nicht bereut, sich den Herausforderungen zu stellen. Einen zweiten [u25]-Ausbildungskursus zur Peerberaterin oder zum Peerberater plant die Caritas ab Ende Oktober. Interessierte können Kontakt aufnehmen unter susanne.voegeley@caritas-ms.de und sich auf der Homepage u25.de weiter informieren.

Haben Sie Suizidgedanken? Hier gibt es Hilfe
Menschen mit Suizidgedanken können sich an die Telefonseelsorge wenden. Sie ist unter den Rufnummern 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222 täglich rund um die Uhr erreichbar, berät kostenfrei und anonym. Der Anruf findet sich weder auf der Telefonrechnung noch in der Übersicht der Telefonverbindungen wieder. Es gibt auch eine E-Mail-Beratung. Sie läuft über die Internetseite der Telefonseelsorge und ist daher nicht in Ihren digitalen Postfächern zu finden. Hier geht es zur Telefonseelsorge.

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