Stefan Jürgens über die leichte Last

Auslegung der Lesungen vom 14. Sonntag im Jahreskreis (A)

Jesus weiß: Einfache Leute können sehr klug sein; Gebildete jedoch, die nur schlau sind, können sehr verschlagen sein und am Ende ganz schön dumm aussehen. Was das mit den Lesungen des 14. Sonntags im Jahreskreis zu tun hat, beschreibt Stefan Jürgens.

Jesus hat Probleme. Mächtige Probleme hat er – nämlich mit den Mächtigen von damals. Mit den religiös Gebildeten, mit den schlauen Frommen macht er nichts als schlechte Erfahrungen. Den Reichen ist er zu arm, den Gebildeten ist er zu einfach, den Frommen ist er zu frei. Jetzt hilft nur noch beten.

Jesus betet: „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast.“ Jesus Christus ist „demütig von Herzen“, er ist der demütige König, der auf Stolz und Pracht verzichtet und auf einem Esel reitet, wie es beim Propheten Sacharja heißt. Deshalb kommt er bei den einfachen Leuten gut an.

Der letzte Dreck


Das Evangelium vom 14. Sonntag im Jahreskreis zum Hören und Lesen finden Sie auf unserem Youtube-Kanal.

Zu seiner Zeit nennt man diese Leute „am-haarez“ – die Leute aus dem Volk. Sie sind Unmündige, weil sie nicht mitreden können, ja, weil man ihnen den Mund verbietet. Und weil sie die 613 Detailvorschriften des jüdischen Gesetzes nicht befolgen können, gelten sie bei den Gelehrten als der letzte Dreck. Gerade ihnen will Jesus wieder eine Chance geben, Würde und Selbstachtung.

613 Vorschriften sind eine ungeheure Last. Da kann Jesus nur noch sagen: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen. Nehmt mein Joch auf euch. Meine Last ist leicht!“ Bei Jesus geht es nicht um Gesetz, sondern um Geist. Es geht nicht um Vorschriften, sondern um Liebe.

Die Chance der einfachen Leute

Deswegen sagt er: „Meine Last ist leicht!“ Die Liebe ist eine leichte Last, denn sie ist leicht zu merken, in der Praxis aber ist sie viel anspruchsvoller als Gesetze und Normen. Darin liegt die Chance der einfachen Leute: nicht in der intellektuellen Bildung, sondern in der Offenheit für Gott.

Wie wir alle wissen: Die Mächtigen von damals haben Jesus mittels ihrer gesetzlichen Weisheit ans Kreuz gebracht. Sie wollten, dass alles so bleibt, wie es ist; die Gewohnheit war ihnen wichtiger als die Wahrheit. Die meisten Gelehrten lehnten ihn ab, weil er nicht in ihre Denk-Schemata passte. Die meisten einfachen Leute nahmen ihn an, weil sie spürten: Er ist anders, er lehrt mit göttlicher Vollmacht – und nicht wie die Schriftgelehrten.

Die Schlauen und Selbstgerechten

Mit den Weisen und Klugen, denen vieles verborgen bleibt, meint Jesus wohl eher die Schlauen und Selbstgerechten. Sie sind schon mit allem fertig, halten sich an Kleinigkeiten auf, wollen immer das letzte Wort haben. Die einfachen Leute spüren oft schneller, worauf es ankommt.

Die Schlauen und Selbstgerechten hören sich gern reden, die Einfachen hören gern zu. Die einen haben ein großes Hirn, die anderen ein weites Herz. Die Schlauen und Selbstgerechten meinen, dass sie schon alles haben. Die einfachen Leute können sich beschenken lassen. Die Schlauen und Selbstgerechten vertrauen jedoch so sehr auf ihre eigene Erkenntnis, dass sie für das Geheimnis Gottes nicht mehr offen sind.

Gebildete, die am Ende dumm aussehen

Jesus singt kein Lob der Dummheit – das wäre etwas ganz Anderes. Er weiß: Einfache Leute können sehr klug sein; Gebildete jedoch, die nur schlau sind, können sehr verschlagen sein und am Ende ganz schön dumm aussehen. Denn wer schon alles zu haben glaubt, wessen Meinung schon festliegt, dem ist nicht mehr zu helfen – nicht einmal vom lieben Gott persönlich. Wer sich aufgrund eigener Klugheit dem Geheimnis Gottes verschließt, dessen Weisheit war eben doch nur Menschenweisheit. Experten lernen so lange vieles über weniges, bis sie alles über nichts wissen. Das bringt die Menschheit nicht weiter.

Auch Paulus weiß das. Im Römerbrief warnt er vor einem „Leben im Fleisch“. Er meint damit die alte Gesetzlichkeit der Leistungs-Religion. Wer sich nur auf sich selbst verlässt, ist bald von allen guten Geistern verlassen. Anders das „Leben aus dem Geist“. Hier geht es darum, auf Gott zu vertrauen, alles von ihm zu erwarten, sich von ihm lieben und erlösen zu lassen.

 Wer alle Hände voll und Hirn und Herz verschlossen hat ...

Der Autor
Stefan Jürgens ist Pfarrer der Pfarrgemeinde Heilig Kreuz in Münster. | Foto: Privat
Stefan Jürgens ist Pfarrer der Pfarrgemeinde Heilig Kreuz in Münster. | Foto: Privat

Insofern tun sich die Reichen, Schlauen und Selbstgerechten wirklich schwerer mit dem Glauben, denn Gott muss sie erst arm und bedürftig machen, bevor sie einsehen, dass sie ihn brauchen. Wer alle Hände voll und Hirn und Herz verschlossen hat, dem kann Gott nichts schenken. Gott braucht nicht mehr als unsere Offenheit, damit er uns lieben kann.

Glauben heißt für mich: Aus dem Geheimnis Gottes heraus die Liebe zu leben. Die Liebe Jesu empfangen – und dankbar weitergeben. Dafür braucht man jene Offenheit der einfachen Leute, für die Jesus seinen Vater im Himmel preist. Dafür braucht man jene Haltung, die man Gottvertrauen nennt. Seit Jahren begleitet mich das Wort: Halte dich an diejenigen, die immer nach der Wahrheit suchen, und geh denen aus dem Weg, die meinen, sie würden die Wahrheit endgültig besitzen.

Sämtliche Texte der Lesungen und des Evangeliums vom 14. Sonntag im Jahreskreis (A) finden Sie hier.