Robert Vorholt: Gott kommt nicht per Paketbote

Auslegung der Lesungen vom 3. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)

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Weihnachten ist vorbei - und die Lesungen dieses Sonntags machen einen großen zeitlichen Sprung: Der Anfang des Wirkens Jesu steht im Zentrum des Evangeliums. Worum es ihm geht, macht er direkt klar. Was das bedeutet, erläutert Robert Vorholt, Priester des Bistums Münster und Professor für Neues Testament in Luzern.

Gerade wurde Joe Biden als 46. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika in sein Amt eingeführt. Seit über 80 Jahren findet die entsprechende Zeremonie grundsätzlich am 20. Januar statt. Laut amerikanischer Verfassung beginnt genau dann offiziell die Amtszeit eines gewählten Präsidenten.

Wenn es der „mächtigste Mann der Welt“ ist, der mit seiner Arbeit beginnt, ruhen auf diesem Moment zumeist viele Hoffnungen und Erwartungen. Mit Spannung lauschen Beobachter den ersten Worten des frisch vereidigten Präsidenten und klopfen sie auf politische Signale hin ab. Welche Akzente wird er durch seine Amtsführung setzen? Welche Probleme wird er lösen können? Welche Herausforderungen stellen sich ihm womöglich in den Weg?

Jesus spricht zum ersten Mal

Die Lesungen vom 3. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B) zum Hören finden Sie hier.

Am Anfang des Markus-Evangeliums findet sich in ähnlicher Weise ein programmatisches Wort Jesu zu Beginn seines öffentlichen Wirkens. Es ist in der Darstellung der markinischen Jesus-Geschichte, die im Unterschied zum Lukas- oder zum Matthäus-Evangelium keine Weihnachtserzählungen kennt, das erste Mal, dass der Gottessohn aus Nazareth ein Wort spricht. Er sagt: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1,15).

Die Antritts-Rede Jesu hat es in sich. Sie beginnt mit einer zweifachen Zusage. Daraus erwächst dann eine zweifache Ansage. Das ist ganz typisch. Seine Botschaft pendelt immer zwischen Zuspruch und Anspruch. Entscheidend ist die Reihenfolge. Am Anfang steht die bedingungslose Ermutigung der Menschen, aus der sich danach eine logische Konsequenz ergibt. Das Herannahen der Herrschaft Gottes, das ein Bild ist für das Anklopfen Gottes an die Herzen der Menschen, stellt einen Gewinn dar, für den es keine Geltungsbedingungen gibt und den kein Mensch aus eigener Tasche bezahlen kann. Doch die freie Annahme dieses Gewinns führt Schritt für Schritt hinein in die Welt des Glaubens.

Gott rückt auf die Pelle

Die Nähe des Reiches Gottes, von der Jesus spricht, meint keine räumliche Nähe. Gottes Reich kommt einem ja nicht im Post-Karton entgegen; man muss es auch nicht suchen wie das versunkene Atlantis. Stattdessen kommt alles darauf an, das leidenschaftliche Nahesein Gottes in seiner besonderen Dynamik zu erleben. Wo sich ein Mensch dem Lebendigen öffnet, da kommt Er noch und noch auf ihn zu, rückt ihm geradezu auf die Pelle, will gleich das ganze Herz.

Wer Gottes Drängen nachgibt, wird aber nichts bereuen. Denn jede noch so kleine Faser der Existenz atmet von nun an Licht und Leben. Das ist die große Kehrtwende im Leben eines Menschen, zu der Jesus ermutigt. Dazu nun ist die Zeit erfüllt. Sie ist geradezu gefüllt von Gottes Gegenwart unter den Menschen, der Dynamik seiner Liebe und dem Ja, das Er spricht, zu allem, was lebt.

Eine große Verheißung

Der Autor
Robert Vorholt
Robert Vorholt ist Priester des Bistums Münster und Professor für Neues Testament an der Universität Luzern.

Die Bibel, die die Geschichte Gottes mit den Menschen erzählt, lädt Glaubende ein, ihre jeweilige Zeit nicht nur zu nutzen, sondern auch im Licht ihrer Hoffnung zu deuten. Das alttestamentliche Jona-Buch bespricht deshalb die höchste Zeit, eine neuerliche Hinkehr zu Gott zu wagen. Am Ende der Erzählung steht wie eine große Verheißung Gottes Barmherzigkeit und Langmut. Es ist sogar die Rede davon, dass es Gott reut, der Schuld von Menschen mit Zorn begegnet zu sein.

Das prophetische Jona-Buch erwähnt aber auch Zeiten und Fristen, die auf Seiten der Menschen verstreichen können und die zarten Neuanfänge der Gottgemeinschaft vielleicht nicht verunmöglichen, aber doch belas­ten.

Gespür für Verletzlichkeit

Dabei geht es nicht um Herzenshärte oder gar um Angst, die auf diese Weise hervorgerufen werden soll, sondern um das Gespür für die Verletzbarkeit auch der Liebe Gottes zu den Menschen, die ja wie jede echte Liebe ernstgenommen werden will.

Der Apostel Paulus lässt dann in der zweiten Lesung den Christinnen und Christen in Korinth aufgehen, dass Lebenszeit immer auch begrenzte Zeit ist, und dass das Wissen um diese Begrenztheit, wenn es im Glauben angenommen wird, das Leben im Hier und Jetzt beeinflussen und prägen soll.

Wenn die verbleibende Zeit vielleicht auch nur kurz ist, heißt das aber für Paulus nicht, dass Panik das Gebot der Stunde wäre, sondern vielmehr Ruhe und Gelassenheit, weil das letzte Stündlein, das schlägt, in Wahrheit das erste in vollkommener und unzerbrechlicher Gottgemeinschaft ist.

Sämtliche Texte der Lesungen vom 3. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B) finden Sie hier.

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