Theologie-Professor Thomas Schüller über Leben und Tod - und Glauben

Auslegung der Lesungen vom 32. Sonntag im Jahreskreis (C)

Krude Theorie: Wenn eine Witwe mehrfach verheiratet war, wessen Frau wird sie im Himmel sein? Die Sadduzäer wollen Jesus testen. Und was sagt ein Kirchenrechts-Experte zu solchen Manövern? Die Auslegung von Professor Thomas Schüller aus Münster.

Meine hochbetagte Mutter, die bereits länger ihren Mann und im letzten Jahr unsere einzige Schwester verloren hat, spricht mit mir häufiger darüber, wie wohl das Wiedersehen mit ihren geliebten nahestehenden Menschen im Himmel aussehen wird, und schließt meistens mit dem Gedanken, dass es doch so ganz anders sein wird, als wir uns dies im irdischen Leben vorstellen.

Darum geht es im auf den ersten Blick viele Betrachter irritierenden Evangelium mit dem Streitgespräch zwischen den Sadduzäern und Jesus. Diese rationalen, nicht an die Auferstehung glaubenden, elitären religiösen Denker des Judentums stellen Jesus eine plumpe Falle.

Provokante Frage

Die Lesungen vom 32. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C) zum Hören finden Sie hier.

Nach jüdischem Gesetz war ein Bruder verpflichtet, die Frau seines verstorbenen Bruders zu ehelichen, um mit ihr Nachkommenschaft zu zeugen, die für das Überleben des Judentums bis heute von existenzieller Bedeutung ist. Doch alle sieben Brüder sterben ohne Nachkommen. „Sag, Rabbi”, so provozieren sie Jesus in ihrer arroganten Gelehrsamkeit, „mit wem wird diese Frau im Himmel verheiratet sein?” Jesus demaskiert ihren Kleinglauben, indem er antwortet, dass sie mit niemand der Brüder im Himmel verheiratet sein werde. Dort ist alles völlig anders, weil es im Himmel kein Heiraten und kein Sterben mehr geben wird.

Die irdischen Kategorien von Werden und Vergehen werden keine Rolle mehr spielen. Doch wie der Himmel sein wird, wissen wir nicht. Kein Ohr hat es je gehört und kein Auge hat es je geschaut und noch ist von dort niemand wiedergekehrt, um zu berichten. So sagt es auch der 1. Korintherbrief: „Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.“

Wie Jesus die Ewigkeit beweist

Den Beweis für diese Ewigkeit liefert Jesus aber sofort mit, wenn er an den Gott Israels erinnert, den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Drei biblische Gestalten, die sich im Vertrauen auf den Gott mit ihnen auf die Wanderschaft begeben haben. Und genauso eine Bewegung löst die Begegnung des Mose mit dem brennenden Dornbusch aus: Das Volk Israel verlässt die Knechtschaft der Ägypter, um ins gelobte Land der Freiheit zu gelangen.

So verheißt Jesus seinen Jüngerinnen und Jüngern ein Leben nach dem Tod, ohne sich in Spekulationen zu verstricken, wie dieses konkrete Leben aussehen wird. In der ersten Lesung aus dem 2. Makkabäerbuch werden uns sehr mutige Zeugen des Glaubens vorgeführt, die scheinbar ohne Angst in den Märtyrertod gehen. „Gott hat uns die Hoffnung gegeben, dass er uns auferstehen lässt. Darauf warten wir gern, wenn wir von Menschenhand sterben.“ Beeindruckend.

Als Jesus selber Angst hatte

Der Autor
Thomas Schüller.
Thomas Schüller ist Professor für Kirchenrecht an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster | Foto: privat

Jesus selbst wird am Ölberg seine Angst deutlich spüren, wenn er Gott bittet, dass er sein Leben in dessen Hände geben möchte, damit der Wille des Vaters und nicht sein Wille geschehen werde. Dieser Glaube an die Auferstehung ist eine Verheißung und ein Testfall für die, die an Christus glauben. Der Apostel Paulus bringt es im 6. Kapitel des Römerbriefes in den Versen 8 und 9 auf den Punkt: „Sind wir nun mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden. Wir wissen, dass Christus, von den Toten auferweckt, nicht mehr stirbt; der Tod hat keine Macht mehr über ihn.“

Das Evangelium fordert uns auf, diesen Glauben anzunehmen und in dieser Verheißung zu leben. Nicht der immerwährende Kreislauf und die Wiedergeburt sind die Markenzeichen des christlichen Glaubens, sondern das Sterben und Auferstehen in Christus.

Was ewigen Trost gibt

Diesen Sprung muss jeder und jede für sich alleine wagen, um im Angesicht Gottes ans Ziel zu gelangen. Gott ist „doch kein Gott von Toten, sondern von Lebenden; denn für ihn leben sie alle“, heißt es im Evangelium dieses Sonntags. Gott, unser Vater, liebt uns und schenkt uns in seiner Gnade ewigen Trost und sichere Hoffnung.

Und wenn meine Mutter unseren Vater und unsere Schwester wiedersehen wird, dann ist das ein tröstlicher Gedanke und gibt ihr Mut, die Schritte zu gehen, die vor ihr liegen.

Sämtliche Texte der Lesungen vom 32. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C) finden Sie hier.