Birgit Hollenhorst zum Glaubensbekenntnis in der Fastenzeit

Auslegung der Lesungen vom ersten Sonntag der Fastenzeit / Lesejahr C

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Wie bewahren wir uns immer wieder vor der eigenen Hybris? Was können wir machen, um unseren Mitmenschen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen? Birgit Hollenhorst hat Ideen und legt die Lesungen dieses Sonntags aus.

„Ouvi o clamor deste povo!“ – „Ich habe den Schrei meines Volkes gehört.“ So stand es in großen Buchstaben auf Portugiesisch an der Wand des Altarraums der schlichten Kirche in Batalha im Nordosten von Brasilien, wo ich einige Wochen Praktikum machen durfte. In den circa 50 kleinen Dörfern der Pfarrei von Batalha war die Armut der Bevölkerung in diesem sehr trockenen Landstrich immer wieder Thema, auch die mangelnde Rechtsstaatlichkeit zum Beispiel bei Wahlen, die Spaltung der Gesellschaft in wenige Reiche und viele Tagelöhner.

Gerade diese Tagelöhner trafen sich immer wieder in ihren Dörfern in kleinen Gruppen, um miteinander über das Wort Gottes zu sprechen und praktisch etwas für die Verbesserung ihrer Situation zu planen. Sie waren überzeugt davon, dass Gott ihre Not sieht, dass der Glaube sie nicht vertrösten will, dass sie durch die Kraft eines geteilten Glaubens aus der Sklaverei, der Landlosigkeit, der Abhängigkeit von wenigen Reichen herausgeführt werden.

Raus aus der Sklaverei

Die Lesungen vom ersten Sonntag der Fastenzeit (Lesejahr C) zum Hören finden Sie hier.

„Ouvi o clamor deste povo.“ Dieser Satz hat sich mir eingebrannt durch die zahlreichen Begegnungen damals in Brasilien, in denen er immer wieder eine Rolle spielte. Dieser Satz bildet, formuliert aus der Perspektive des Volkes, den zentralen Wendepunkt in der heutigen alttestamentlichen Lesung.

Im Buch Deuteronomium findet sich eines der ältesten und wichtigsten Bekenntnisse jüdischen Glaubens. Jahr für Jahr brachte das Volk Israel, jeder Bauer oder stellvertretend eine Gruppe von ihnen die ersten Früchte des Feldes zur Erntezeit in den Tempel und gab dabei dieses Glaubensbekenntnis ab. Das Kernelement des Bekenntnisses ist eine Erinnerung an die Errettung aus dem Sklavenhaus Ägyptens und die Ankunft im Land der Verheißung. Im Zentrum finden wir eben jenen Satz, der den Wendepunkt darstellt: „Der Herr hörte unser Schreien und sah unsere Rechtlosigkeit, unsere Arbeitslast und unsere Bedrängnis.“ Aus diesem Hören und Sehen folgte die Tat Gottes: Er führte das Volk Israel heraus aus der Sklaverei in Ägypten und in ein Land, wo Milch und Honig fließt.

Bewahrung vor eigener Hybris

Birgit Hollenhorst ist Klinikseelsorgerin in der Klinik Maria Frieden, Telgte
Birgit Hollenhorst ist Klinikseelsorgerin in der Klinik Maria Frieden, Telgte

Jahr für Jahr in der Ernte zum Tempel zu gehen und dieses Bekenntnis zusammen mit den ersten Früchten abzugeben, das heißt: immer wieder zu bekennen, dass alles, was in Israel angebaut wird, was wächst und gedeiht, was an guten Lebensmöglichkeiten zu finden ist, auf Gott zurückgeht. Im Moment der Ernte und des Wohlstandes wird daran erinnert, dass die Vorfahren heimatlose Aramäer waren, Menschen in Not, Fremde im Land, ausgebeutet, chancenlos.

Dieses Bekenntnis immer wieder abzugeben, bewahrt vor der Hybris, den eigenen Wohlstand als wohlverdient durch eigene Arbeit anzusehen. Die Erinnerung an die eigene Geschichte soll zugleich sensibel machen, für jene, die in der Gegenwart fremd, chancenlos, wirtschaftlich versklavt leben.

Befreiung aus der Abhängigkeit

Das Volk Israel bekennt als Zentrum seines Glaubens ein geschichtliches Ereignis: die Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten. Die Gemeinden von Batalha in Brasilien hatten dieses Bekenntnis in den Gottesdiensten ihrer Hauptkirche stets vor Augen. In vielen Gesprächen dort war zu spüren, dass die Geschichte von der Befreiung Israels ihnen Mut gab, sich in kleinen Genossenschaften mit landwirtschaftlicher Weiterbildung zusammenzuschließen, sich durch gemeinsame Anlage von Gärten und anderen Projekten herauszuarbeiten aus Abhängigkeit und Not. „Gott hört hier und jetzt und will hier und jetzt Gerechtigkeit!“

Für uns als Christen in einem der reichsten Länder der Erde hat die bis heute gültige Praxis des jüdischen Volkes Vorbildcharakter: Sich inmitten der Ernte – meint: inmitten des Wohlstands – zu erinnern, dass dieser nicht das Zentrum des Lebens ist (auch im Evangelium heute: „nicht vom Brot allein“), wieder zu hören, dass die Ernte Gabe und Geschenk ist, um sich dankbar vor Gott, dem Geber alles Guten, niederzuwerfen (Deut 26,10 und Lk 4), und sich zugleich zu erinnern an die eigene Geschichte, die Situationen der Sklaverei und Rechtlosigkeit in Ägypten, um aufmerksam zu bleiben für vergleichbare Situationen in der Gegenwart und das eigene Ohr hinzuhalten für das Schreien der Menschen.

Nehmen wir uns das zum Vorbild, dann folgt für diese Fastenzeit vielleicht daraus: aus Übersee nur das einzukaufen, was fair gehandelt ist, um Menschen wie unseren Glaubensgeschwistern aus Batalha Gerechtigkeit zukommen zu lassen.

Sämtliche Texte der Lesungen vom ersten Sonntag der Fastenzeit (Lesejahr C) finden Sie hier.