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Schwester Ulrike Soegtrop über den leuchtenden Himmel in unserem Leben

Auslegung der Lesungen vom Hochfest Allerheiligen (Lesejahr A)

Zu Recht wird die Bergpredigt als Quintessenz der Botschaft Jesu verstanden und zu Recht werden die neun Seligpreisungen als ihre Ouvertüre gedeutet, in der die in den nachfolgenden drei Kapiteln ausgeführten Motive bereits verdichtet erklingen. Dazu Schwester Ulrike Soegtrop von der Benediktinerinnenabtei St. Scholastika Burg Dinklage in ihrer Auslegung der Lesungstexte zu Allerheiligen.

Mal ehrlich: Wer von uns würde sich trauen, geflüchteten Menschen, die in der Perspektivlosigkeit erbärmlicher Flüchtlingslager ausharren, oder Eltern, die um ihr Sternenkind trauern, oder von Vertrauenspersonen missbrauchten Frauen und Kindern zu verkünden: Selig seid ihr, denn euer Lohn im Himmel wird groß sein? Mir würde angesichts des menschlichen Elends das Wort im Hals stecken bleiben. Auch weigere ich mich zu glauben, dass Jesu Seligpreisungen als Vertröstungstaktik oder als Lohnreize für klagloses Erleiden zu verstehen sind. Doch wie dann?

Seligpreisungen sind für die Zuhörerinnen und Zuhörer Jesu nichts Neues. Schon im Ersten Testament tauchen sie auf. Das Buch der 150 Psalmen beginnt mit dem Satz: „Selig der Mensch, der nicht nach dem Rat der Frevler geht, nicht auf dem Weg der Sünder steht, nicht im Kreis der Spötter sitzt.“ Die Evangelien setzen diese Tradition fort: Maria wird von Elisabeth seliggepriesen und nimmt es im Magnifikat auf; Jesus preist Petrus nach seinem Messiasbekenntnis selig und ebenso alle, die an ihm keinen Anstoß nehmen.

Dramatische Elemente

Die Lesungen vom Hochfest  Allerheiligen (Lesejahr A) zum Hören finden Sie hier.

Doch die Seligpreisungen als Auftakt der Bergpredigt haben noch einmal eine eigene Qualität. Der in der ersten Zeile genannte Berg ist nicht als Ortsangabe, sondern als Bildwort zu verstehen. Hier geht es um ein Gipfelerlebnis für alle, die dabei waren. Noch ein dramaturgisches Element fällt auf. Jesus fängt nicht einfach an zu reden; nein, „er öffnete seinen Mund, er lehrte sie und sprach“. Nur dieses eine Mal taucht in den Evangelien das Wort „öffnete seinen Mund“ auf. Jesus setzt hier zu einer Proklamation an.

Zu Recht wird die Bergpredigt als Quintessenz der Botschaft Jesu verstanden und zu Recht werden die neun Seligpreisungen als ihre Ouvertüre gedeutet, in der die in den nachfolgenden drei Kapiteln ausgeführten Motive bereits verdichtet erklingen. Doch was macht diese Rede zu einem Gipfelerlebnis?

Die Charakteristika des Himmels

Jesus führt hier zwei Lebensdimensionen zusammen. Da ist das Erden­leben, wie wir es kennen. Armut in der vielfältigen Form von eigenen Schatten, die wir nicht überspringen mögen oder können, bis hin zu sozialen oder wirtschaftlichen Katastrophen; Trauer in Verlusterfahrungen ebenso wie in den Tiefen von Depressionen; Sanftmut, die in vielfältiger Weise ausgenutzt und missbraucht wird; bis hin zu den Verfolgten um der Gerechtigkeit willen, die in denen, die für Demokratie demonstrieren, ebenso in den Blick kommen, wie in den vielen Menschen, die in ihrem Fluchtelend erbärmlich im Stich gelassen werden. Alle neun Schlüsselbegriffe menschlicher Erfahrungen lassen sich alltagsnah auslegen.

Dieser Wirklichkeit stellt Jesus nun das Reich Gottes an die Seite und entfaltet es anschaulich: getröstet werden, Land erben, satt werden, Erbarmen finden, Gott schauen, Kinder Gottes werden. Das sind die Charakteristika des Himmels. Jesus malt das Bild eines gelingenden Menschseins vor dem himmlischen Panorama.

Wo sehe ich mich in diesem Bild?

Ulrike Soegtrop OSB
Ulrike Soegtrop OSB, Schwester der Benediktinerinnenabtei St. Scholastika Burg Dinklage. | Foto: Markus Nolte

Wo sehe ich mich in diesem Bild? Lasse ich mich mit hineinnehmen? Finde ich in diesem neuen Lebensbild einen Haltepunkt, der meine Lebenshaltung wandelt? Jesus proklamiert in den Seligpreisungen eine zielgerichtete Haltungsagenda, die in den folgenden Kapiteln der Bergpredigt ausgeführt werden. Wenn wir sie verinnerlichen, wenn wir unsere Lebenswirklichkeit in all ihren Facetten bewusst, präsent und engagiert leben, uns aber nicht in ihren Grenzen einsperren lassen, sondern im himmlischen Panorama unseren Ort finden, ja, dann werden wir selig sein.

Jeden Montag singen wir Schwestern auf Burg Dinklage in der abendlichen Vesper die Seligpreisungen, einge­rahmt durch die Antiphon „Freut euch und jubelt, denn euer Lohn ist groß im Himmel“. Woche für Woche. Jahr für Jahr. Ich bin sicher, die stete Verinnerlichung dieser Kernbotschaft Jesu wirkt. Sie spiegelt sich wieder in den Haltungen, aus der wir als benediktinische Gemeinschaft handeln; anfanghaft und zukunftsoffen; immer mal wieder scheiternd und immer wieder neu beginnend.

Was hat das nun mit dem Fest Allerheiligen zu tun? Wir feiern heute all jene Menschen, die vor uns die Seligpreisungen gelebt haben. Sie haben durch ihr Daraus-Handeln das himmlische Panorama aufleuchten lassen und ihren „Lohn im Himmel“ erhalten. Heute, wenn Sie diese Zeilen lesen, ist wieder ein Tag, an dem wir uns ein­üben können in die Praxis der Seligpreisungen.

Sämtliche Texte der Lesungen vom Hochfest Allerheiligen (Lesejahr A) finden Sie hier.

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