Karsten Weidisch aus Münster über die DNA der Kirche

Auslegung der Lesungen von Pfingsten (B)

An Pfingsten feiert die Kirche die Sendung des Heiligen Geistes. Er sorgt für Verständigung - und doch ist eine der Lesungen eine echte Herausforderung für Lektoren. Worum es an diesem Hochfest geht, erläutert Karsten Weidisch, Priester in St. Joseph in Münster.

Pfingsten – Hochfest des Heiligen Geistes. Aber wer oder was ist eigentlich der „Heilige Geist“? Namhaft und prominent genug ist er ja.

Schon im 13. Jahrhundert findet sich in deutschen Landen wohl kaum eine Stadt, die nicht ein Heilig-Geist-Krankenhaus oder eine Heilig-Geist-Kirche hat, dazu noch unzählige Heilig-Geist-Gemeinschaften, die sich um Waisen, Notleidende und Unterdrückte kümmern. Auch in unserer Zeit tragen vielerorts fusionierte Pfarreien als neu entstandene Gemeindegebilde gerne den Namen „Heilig Geist“. In Emmerich am Rhein durfte ich selber in der beeindruckenden Heilig-Geist-Kirche tätig sein – jener Konzilskirche, an Pfingsten 1966 geweiht, mit ihrem Tisch des Wortes und dem Tisch des Brotes vor dem großen Schrottkreuz.

Gefürchtete Pfingst-Lesung

Die Lesung von der Sendung des Heiligen Geistes an Pfingsten zum Hören und Sehen auf unserem Youtube-Kanal.

Was wird nun zum Pfingstfest am Tisch des Wortes dort und überall verkündet vom Heiligen Geist? Zunächst einmal nach der vertrauten (und bei Lektoren oftmals gefürchteten) Pfingst-Lesung, dass der Heilige Geist als die so genannte „dritte göttliche Person“ nicht Gestalt und Gesicht hat, wie es bei Gott-Vater gut denkbar und bei Gott-Sohn als leibhaftigem Menschen Jesus von Nazareth zweifels­ohne vorstellbar ist.

So heißt es dort bei der Aus- und Auffüllung mit dem Heiligen Geist: „Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daher fährt, … und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder“ (Apg 2,2-3). Der Heilige Geist will also nicht (an-)gesehen, sondern gespürt, empfangen und verinnerlicht werden. Er ist die göttliche Kraft des dynamischen Hinein in die Menschen, um von ihnen wieder ekstatisch ausgelebt zu werden – Spürbarkeit Gottes durch menschliches Tun in Raum und Zeit.

Nur Gutes vom Geist

Wir können eher wenig über den Heiligen Geist sagen, aber im Heiligen Geist und aus ihm heraus eine Menge verrichten. Viele Heilig-Geist-Lieder machen dies nur zu deutlich: „Komm herab, o Heiliger Geist“ (GL 344) und „Atme in uns, Heiliger Geist“ (GL 346).

Er ist die eine Liebesgabe der göttlichen Vater-Sohn-Union. Somit steht außer Frage, dass nur Gutes – wenn auch in großer Unterschiedlichkeit – im Heiligen Geist getan werden kann. Genau davon spricht eine weitere der Pfingst-Lesungen: „Es gibt verschiedene Gnadengaben, aber nur den einen Geist. Es gibt verschiedene Dienste, aber nur den einen Herrn. Es gibt verschiedene Kräfte, die wirken, aber nur den einen Geist“ (1 Kor 12,4-6).

Was Jesus den Jüngern zumutet

Exakt diese S(p)endung des Heiligen Geistes können die nachösterlichen Jünger geradezu in der Live-Begegnung mit dem Auferstandenen erleben, wie es das Pfingst-Evangelium zeigt: dann „hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist“ (Joh 20,22). Das ist die Berufung in seine Nachfolge. Das ist die Beauftragung mit aller Vollmacht zum geistvollen Ausleben seines Testaments.

Der Autor
Karsten WeidischKarsten Weidisch ist Priester in der Gemeinde St. Joseph (Hammer Straße) in Münster. | Foto: privat

Die irdische Mission des Gekreuzigten und Auferstandenen und um der österlichen Vollendung willen Welt-Entrückten kann so gut weitergehen. „Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert“ (Joh 20,23) – sein absoluter Vertrauensbeweis, seine Staffelübergabe, seine Zumutung! Wie Jesus selbst immer in der Pro-Existenz gelebt hat – also immer alles für andere zu tun –, so gilt es auch für die Heilig-Geist-Empfänger damals wie heute: „Jedem aber wird die Offenbarung des Geistes geschenkt, damit sie anderen nützt“ (1 Kor 12,7). Daran müssen wir uns messen lassen. Darin liegt die Unterscheidung der Geister, ob wir etwas aus diesem Heiligen Geist heraus tun oder ihn auf Eis legen, um aus einem anderen Geist heraus zu handeln.

Grundbaustein der Kirche

Wie die Jünger damals sind auch wir alle durch Taufe und Firmung als Geist-Beschenkte unterwegs: „Durch den einen Geist wurden wir in der Taufe alle in einen einzigen Leib aufgenommen, Juden und Griechen, Sklaven und Freie; und alle wurden mit dem einen Geist getränkt“ (1 Kor 12,13). Da bleibt kein Platz für elitäre Denkstrukturen.

Der Heilige Geist ist systemisch gesehen der Grundbaustein der Kirche – wie die DNA: mit allen Erbinformationen und für alle! Denn „alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab“ (Apg 2,4). Alle verstehen sich! Also: „Komm, Heilger Geist, der Leben schafft!“ (GL 342) Und in unserem Wirken leben wir dich dann aus!

Sämtliche Texte der Lesungen vom Hochfest Pfingsten finden Sie hier.