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70-Jähriger aus Visbek ermöglicht Kinderheim in Litauen

Ein Schicksalsschlag war Anstoß für das Lebenswerk von Alfons Hoping

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Gemeinsam mit seiner Familie hatte Alfons Hoping nach dem frühen Tod des jüngsten Sohns beschlossen: Wir starten eine Hilfsaktion für bedürftige Kinder und Familien in Litauen. Mittlerweile haben sie mit ihrem Projekt rund 400.000 Euro und unzählige Sachspenden zusammengebracht, in erster Linie für ein Kinderheim. Der 70-Jährige ist Motor des Projekts. Mit Glauben an Gott und ans Gelingen.

Dass es Litauen ist, ist Zufall. „Ich hatte vorher ja nie an Litauen gedacht“, sagt Alfons Hoping. Sein ehrenamtlicher Einsatz dagegen ist kein Zufall, der gehörte immer für ihn dazu, lange neben seinem Job für einen großen amerikanischen Landmaschinen-Hersteller. Er war stets bereit, die Ärmel aufzukrempeln, wenn er gebraucht wurde. Neun Jahre als Schöffe am Gericht, als Mitglied im Vorstand der örtlichen Schützenbruderschaft, als Malteser-Ortsbeauftragter, im Pfarreirat und im Kirchenausschuss seiner Heimatpfarrei St. Vitus im oldenburgischen Visbek.

So sagte der Landmaschinen-Ingenieur 1995 auch spontan zu, als er gefragt wurde, ob er als Helfer bei einem Litauentransport der oldenburgischen Caritas dabei sein wolle. Ein Abenteuer? Warum nicht?

Vom ersten Moment an hat ihn die Situation der Kinder angerührt

Caritas und Malteser im Oldenburger Land im Nordwesten Niedersachsens hatten diese Form der Hilfe kurz nach Fall des Eisernen Vorhangs ins Leben gerufen. Unter Einsatz ehrenamtlicher Helfer schickten sie Hilfsgüter an Gemeinden und Caritas-Einrichtungen. Möbel, Lebensmittel, Hygieneartikel zum Beispiel. Die waren damals für viele Menschen in Litauen unerschwinglich. Und immer gehörten auch Besuche in Familien und sozialen Einrichtungen vor Ort zum Programm. Auch, um die Augen für Mangel und Not zu öffnen.

Alfons Hoping hatten sich bei einem dieser Besuche besonders die langen Korridore eines staatlichen Kinderheims eingeprägt. „Die stammten aus der sowjetischen Zeit. Links und rechts gingen große Schlafsäle ab, für 50 bis 60 Kinder aus sozial schwachen Familien und mit Behinderungen“, erinnert er sich. Auch an die graue Trostlosigkeit dort.

Mittlerweile sind rund 400.000 Euro zusammengekommen

Was er bei seinem Besuch in Litauen noch nicht wusste: Dass nur wenige Jahre nach dieser ersten Begegnung ein Projekt entstehen sollte, das seit mittlerweile mehr als 25 Jahren die Not von Kindern im Blick hat und schon rund 400.000 Euro an Spenden für sozial benachteiligte Familien in dem baltischen Land zusammengebracht hat. Und, dass er selbst der Motor des Ganzen werden würde.

Was Alfons Hoping dagegen wusste: wie groß die Herausforderungen des Lebens sein können. Er erzählt von einem der schwierigsten Momente in seinem Leben: dem Tag im Jahr 1986, an dem er und seine schwangere Frau erfuhren, dass ihr drittes Kind mit der Diagnose Trisomie 21 auf die Welt kommen würde.

Die Trauer um den Sohn wurde zum Startpunkt der Hilfe

„Die Ärzte haben uns damals zur Abtreibung geraten“, sagt der Vater. „Wir haben uns aber sehr bewusst für das Leben entschieden.“ Sohn Markus kam mit einem Herzfehler und weiteren Beeinträchtigungen auf die Welt, war nach einer OP mehrfach schwerstbehindert, brauchte Pflege rund um die Uhr und starb mit neun Jahren. Das war ein Jahr nach Alfons Hopings erstem Besuch in Litauen.

Und genau dieser Besuch eröffnete in der Trauer eine neue Perspektive. „Damals haben wir uns bei einem Familienrat entschlossen, künftig etwas für benachteiligte Kinder und Familien in Litauen zu tun.“ Möglichst für ein ganz konkretes Projekt.

Ein trüber Novembertag führte Alfons Hoping nach Alvitas

Pfarrhaus-Ruine in Litauen
Ein 25 Jahre altes Foto der Pfarrhaus-Ruine, aus der später das Kinderheim St. Kazimier entstand. | Foto: privat

Der erste Schritt dazu sollte eine Spendensammlung bei der Trauerfeier für Markus sein. „Wir haben damals um Geld für die Litauenhilfe gebeten“, sagt Alfons Hoping. Kurz darauf saß er erneut in einem Hilfs-Transporter nach Litauen. Diesmal mit den 3.000 DM von der Beerdigung im Koffer, für die er vor Ort einen geeigneten Zweck suchen wollte.

Er erinnert sich noch gut an den trüben Novembertag. An den Regen und die Kälte in dem 1000-Seelen-Örtchen an der litauisch-russischen Grenze. Und an die Ruine des Pfarrhauses. „Mehr war es ja nicht“, sagt Alfons Hoping rückblickend. Das heruntergekommene Gebäude hatte der Staat nach der politischen Wende an die Kirche zurückgegeben. Und er hat den gerade 25-jährigen Pfarrer und die Ordensschwester vor Augen, die ihm damals ihre Pläne für das Kinderheim zeigten, in welches sie das kaputte Gebäude umbauen wollten, für Kinder aus zerrütteten Familien. Aber noch ohne eine Vorstellung davon, wie sie das Ganze finanzieren sollten.

Im Bekanntenkreis fand Alfons Hoping Mitstreiter

Wieder zu Hause angekommen, ließen Alfons Hoping die Pläne für das Kinderheim nicht los. „Der Pfarrer und die Schwester hatten uns vorgerechnet, dass sie 25.000 DM brauchen würden.“ So startete die Familie mit einer Freundin eine erste private Spendenaktion.

Im Bekanntenkreis fanden sie schnell Mitstreiter, die Pfarrer Vytautas Kajokas und Schwester Aurelija ebenfalls helfen wollten und verteilt über fünf Jahre so viel Geld kontinuierlich genug Geld spendeten, dass der örtliche Bischof schon drei Jahre später das neue Kinderheim St. Kazimier einweihen konnte, mit Platz für sieben Kinder. Nach weiteren Um- und Neubauten lebten im Kinderheim 2005 schon 17 Kinder. Nach dem Bau eines weiteren Gebäudes ist seit 2015 Platz für 24.

Auf dem „Berg der Kreuze“ steht auch ein Kreuz für Markus

Bei seinem ersten Besuch in Litauen war Alfons Hoping auch auf dem „Berg der Kreuze“, nicht weit von Alvitas. Dort hat er für seinen verstorbenen Sohn ein Kreuz aufgestellt, einen halben Meter groß, mit Namen und Todesdatum. „Es war so etwas wie ein Abschluss, vielleicht gehörte es auch noch zur Trauer dazu“, sagt Alfons Hoping. Er und seine Frau waren später schon oft wieder dort. Längst verdecken neue Kreuze den Blick auf Markus‘ Kreuz. „Aber ich weiß, wo es steht.“

Vor ein paar Jahren hat er in einer Heimat-Pfarrkirche mal über seinen Glauben und seine Erfahrungen gesprochen. Auch damals hat er von dem Kreuz für seinen Sohn erzählt: „Wenn ich an den Ort komme, denke ich immer an die Vergangenheit, an Markus. Aber es ist nicht nur Trauer, sondern ich bin dankbar dafür, diesen Sohn gehabt zu haben. Wenn wir Markus nicht gehabt hätten, dann hätten wir wahrscheinlich nie das Kinderheim gegründet, und ich hätte niemals so viele für mich sehr wichtige Freundschaften beginnen und vertiefen können.“

Rund 5000 Einzelspender

Transport nach Litauen
Ein Foto von einem der letzten Hilfstransporte zeigt (von links) Alfons Hoping, Heinz Gelhaus, Bernhard Serwuschok, Johannes Hoping und Theo Meyer. | Foto: privat

Alfons Hoping wusste und weiß Menschen zu überzeugen. Immer fand er Helfer, wenn er von dem Projekt erzählte, das nach und nach immer weiterwuchs. Die örtliche Schützenbruderschaft spendet seit 1998 regelmäßig, inzwischen insgesamt 25.000 Euro. Die Seniorengemeinschaft seiner Heimatpfarrei hat mit den Jahren mit ihrem Adventsbasar 40.000 Euro beigesteuert. Dazu Privatleute, Bekannte, Unternehmen, zusammen mehr als 5000 Einzelspender. Insgesamt sind – Stand Ende 2021 – in den vergangenen 25 Jahren rund 400.000 Euro an Geldspenden zusammengekommen, dazu reichlich weitere Sachspenden.

Wer den 70-Jährigen reden hört, der spürt die Begeisterung des Machers, der aber auch aktuelle Sorgen durchklingen lässt. Der Grund: Der litauische Staat will die Betreuung der Kinder umstellen. Kinderheime sollen künftig nur noch maximal acht Kinder aufnehmen. Damit könnten mit dem Heim in jetziger Form Ende 2023 Schluss sein.

Die Hilfe soll auf jeden Fall weitergehen

Sollte es so kommen, müsste sich die Hilfsaktion ganz neu aufstellen. Vielleicht nur noch mit einem sehr kleinen neuen Kinderheim und einer veränderten Nutzung der bestehenden, gerade erst mit EU-Mitteln geförderten Gebäude. Mal sehen, wie es kommt. „Wichtig ist aber, dass unsere Hilfe weitergeht“, sagt Alfons Hoping.

Hilft ihm sein Glaube in solchen Krisen? Alfons Hoping nickt. Und was bedeutet er im Alltag für ihn? Eher Handeln oder eher Beten? Alfons Hoping lächelt. „Ich versuche beides“, sagt er. Jeden Morgen nach dem Aufstehen gehören ein „Vater Unser“ oder ein „Gegrüßet seiest du Maria“ dazu. Oder er liest er auf der Bettkante ein Stück aus der Bibel. „Aber handeln ist für mich noch wichtiger.“ Glaubenszeugnis geben – das bedeutet für ihn in erster Linie: „einfach machen“. Mit Gottvertrauen.

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