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Langjähriger Spiritual über seine Zeit im Borromaeum in Münster

Ex-Priesterausbilder Seeger: Über Sexualität wurde offen gesprochen

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18 Jahre lang hat Pfarrer Hans-Karl Seeger als Spiritual des Theologenkonvikts Collegium Borromaeum Hunderte von Studenten auf ihrem Weg zur Priesterweihe begleitet. Den Vorwurf aus der Diskussion um Ursachen des sexuellen Missbrauchs durch Priester, in der Ausbildung sei nicht oder nicht adäquat über Sexualität und Zölibat gesprochen worden, weist er zurück.

Die Diskussion um den sexuellen Missbrauch an Minderjährigen durch Priester geht Hans-Karl Seeger nahe. Der 86-jährige Pfarrer im Ruhestand war von 1974 bis 1992 im Theologenkonvikt Collegium Borromaeum in Münster als Spiritual für die geistliche Ausbildung hunderter künftiger Priester zuständig.

„Man kann mir für diese Zeit manche Unterlassungen vorwerfen, aber nicht, dass ich zu wenig über Sexualität gesprochen hätte. Die jungen Männer sollten wissen, worauf sie sich einlassen, wenn sie sich zum Zölibat, das heißt zu einem ehelosen Leben, entscheiden“, sagt Seeger.

Sexualität als Tabu-Thema?

Priester, die er heute noch begleitet, hätten ihm gesagt, diesen Vorwurf, der gelegentlich in den Diskussionen um den Missbrauch aufkommt, könne man ihm nicht machen. Zuletzt hatte Pfarrer Peter Kossen aus Lengerich in einer Veranstaltung gesagt: „Kirche hat nie gelernt, offen über Sexualität zu sprechen.“

Hans-Karl Seeger hat erlebt, wie bei den Studenten Berufungen zerplatzten oder wie ganz allgemein die Lebens- und Berufsorientierung vieler junger Menschen neu sortiert werden musste.

„Aufklärung“ in früheren Zeiten

Hans-Karl SeegerHans-Karl Seeger (86) war von 1974 bis 1992 als Spiritual für die geistliche Ausbildung der Priesteramtskandidaten im Collegium Borromaeum in Münster verantwortlich. | Foto: Johannes Bernard

Seeger spricht nicht viel um den sprichwörtlich „heißen Brei“ herum: „Ich habe einen Studenten bewegen können, sich nicht weihen zu lassen, wofür er mir heute noch dankbar ist. Ein anderer Student, der bis zur Diakonenweihe gekommen war, den ich verheiratet habe, hat mir damals nicht sagen können, dass er von einem Pfarrer missbraucht worden ist. Dazu kam er Jahre später eigens zu mir nach Hause nach Billerbeck.“

Missbrauch, Zölibat, Probleme mit der Sexualität, Homosexualität, Angst vor Frauen oder zu viel Nähe zu Frauen oder Männern – Seeger spricht die Themen an: „Ich bin selbst von einem Kaplan aufgeklärt worden, wie man so sagt – da war ich 13. Der Kaplan fragte zuvor meine Mutter, ob er mich aufklären dürfe. Heute ist so etwas unvorstellbar.“

Auswahl der Weihekandidaten

Buch-Tipp
Hans-Karl Seeger: „Um des Lebens Willen – Die Evangelischen Räte, Armut, Gehorsam, Keuschheit – Gültig für alle?!“. „nick emotion Medienproduktion Nicole Dick Billerbeck“, ISBN 978-3-943884-10-4. 19,95 Euro.

Dass es immer schwierig ist, im Vorfeld der Priesterweihe „die richtigen Kandidaten“ zu finden, hat Seeger miterlebt: „Die schwerste Aufgabe hatte zu meiner Zeit der damalige Direktor des Borromaeums, Heinrich Remfert, der manchen Theologen nicht geweiht sehen wollte, was aber Bischof Lettmann trotzdem durchgehen ließ. Später haben wir dann mitbekommen, dass es besser gewesen wäre, sie nicht zu weihen.“

Über das Ergebnis des Missbrauchs-Gutachtens für das Bistum Münster, dass nur wenige Täter pädophil sind und den meisten Tätern eine „unreife Persönlichkeit“ bescheinigt wird, sagt Seeger: „Unreif sind viele, weil sie Muttersöhne sind. Sie kriechen vom Schoß ihrer Mutter in den Schoß der Kirche.“

Vorträge über Armut, Gehorsam und Keuschheit

Die aktuelle Diskussion über Missbrauch vor allem von Priestern hat ihn veranlasst, ein Versprechen einzulösen, das er den Theologie-Studenten während seiner 18-jährigen Spiritualszeit in Münster gegeben habe. Sie sollten eine schriftliche Zusammenfassung dessen bekommen, was sie in den Kurswochen über Armut, Gehorsam und Keuschheit von ihm gehört hatten. Nun, 30 Jahre später, wird das Opus auf seine Initiative in einem Verlag in Billerbeck gedruckt.

„Heute wundern sich viele, wie frei ich damals über Sexualität gesprochen habe. Heute wird es auch wegen des Missbrauchs in der Kirche von Interesse sein“, meint Seeger.

Asexuelle Lebensweise

Mit dem Zölibat sei eine große Verdrängungsleistung verbunden. „Denn wer ist fähig, die Sexualität gesund zu sublimieren? Praktisch wird erwartet, asexuell zu sein“, sagt Seeger. Zudem ist für ihn klar: „Die Kluft zwischen der gelebten Sexualität vieler Christen und den vom Lehramt gepredigten Moralnormen ist und bleibt vermutlich auch weiterhin sehr groß.

Statt detaillierte Verbotsnormen vorzugeben, sollte die Kirche die Sexualmoral als Beziehungsethik formulieren und die Sexualität als eine besondere Form der Kommunikation darstellen, „in der Zuneigung, Wertschätzung, Fürsorge und Annahme einen bedeutenden Stellenwert einnehmen.“

Kann Liebe Sünde sein?

Denn in Beziehungen gehe es darum, Verantwortung für diejenigen zu übernehmen, „denen man emotional und leiblich nahekommt und nicht um das Abwägen von Grenzen, innerhalb derer Befriedigung erlaubt und jenseits derer sie verboten ist“.

Auf die Frage, wie es gelingen kann, ungezwungen über das zölibatäre Leben und die Sexualität in der Kirche zu sprechen, antwortet Seeger: „Das ist möglich, wenn die Kirche akzeptiert, dass Sexualität keine Sünde ist, dass Homosexualität keine Sünde ist und dass jeder in seiner sexuellen Orientierung akzeptiert ist.“

Gottes Schöpfung

Schließlich zitiert Seeger einen Satz, den er den Priesteramtskandidaten als Spiritual immer wieder gesagt habe: „Die Bibel vergottet die geschlechtliche Liebe nicht wie die Fruchtbarkeitskulte, aber sie verteufelt sie auch nicht, wie manche leibfeindliche Theologen in allen Jahrhunderten. Was Gott geschaffen hat, dessen braucht der Mensch sich nicht zu schämen.“

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