Sebastian Aperdannier widerlegt die fünf Vorwürfe aus dem Fernsehen

Freiwilligendienst: Bistum verärgert über WDR-Beitrag

Verärgert zeigt sich Sebastian Aperdannier vom Bistums-Referat Freiwilligendienste im Ausland über einen Beitrag der Reihe „Die Story“ im WDR Fernsehen. „Da wurden alle Freiwilligendienste über einen Kamm geschoren und nicht unterschieden zwischen profitorientierten und Non-Profit-Organisationen“, kritisiert Aperdannier. Der Beitrag mit dem Titel „Gutes tun im Urlaub – und wer daran verdient“ lief am Mittwochabend im Fernsehen und ist auch in der WDR-Mediathek zu sehen.

Der Titel „Freiwilligendienst“ sei nicht geschützt und könne von jedem Anbieter beliebig verwendet werden, erläutert Aperdannier. „Es ist sehr schade, dass mit dem Beitrag alle Freiwilligendienste in Verruf geraten“, bedauert er. Zwar werde zu Beginn gesagt, dass es sich bei den Beispielen um Anbieter von Kurzzeitprojekten handele, im weiteren Verlauf des Filmes werde aber nur von „Freiwilligendiensten“ gesprochen. „Angebote wie unseres finden wir im Video gar nicht wieder“, meint Aperdannier.

Was war im WDR zu sehen?

Der Beitrag des WDR-Fernsehens ist in der Mediathek abrufbar.

Das WDR-Team hat in seinem Beitrag zwei junge Frauen begleitet, die nach ihrem Abitur eine Zeit im Ausland verbringen wollten. Die eine mit dem „führenden Anbieter für Kurzzeit-Voluntarismus“ nach Bali, die andere mit einem gemeinnützigen Verein nach Nepal. Ihr Ziel: exotische Länder kennenlernen und dabei etwas Gutes tun.

Beiden war es wichtig, vor und während der Reise gut begleitet zu werden. Dafür haben sie jeweils rund 1.000 Euro bezahlt. Der WDR-Bericht deckt auf, dass das Vertrauen in den jeweiligen Veranstalter enttäuscht wird.

Vorwurf 1: Die Projekte sind nicht nachhaltig

Sebastian Aperdannier. | Foto: Martin Schmitz
Sebastian Aperdannier, Leiter des Referats Freiwilligendienste im Ausland des Bistums Münster. | Foto: Martin Schmitz

Zu Beginn des Filmes ist ein Kind zu sehen. Offenbar aus einem der Hilfsprojekte. Es erzählt, dass immer Fremde in seinen Kindergarten kämen, die mit ihm spielten. „Aber sie sind nie geblieben. Und dann war ich traurig.“ Die Frauen in dem Video haben sich für Kurzzeit-Projekte angemeldet. Sie bleiben zwei, maximal vier Wochen in einem Projekt. Nachhaltig könne das nicht sein, so der WDR. Zumal die Hilfe zur Selbsthilfe den Veranstaltern das Geschäftsmodell zerstören würde.

Das sieht auch Sebastian Aperdannier so. „Wir wissen, dass die Freiwilligen erst einmal drei bis fünf Monate brauchen, um sich in dem neuen Land zu akklimatisieren.“ Also mit Land, Leuten und Kultur vertraut zu werden. Die im WDR-Beitrag gezeigten Freiwilligen, die teilweise mit 120 weiteren „Helfern“ in Hostels untergebracht sind, seien in den wenigen Wochen vor Ort so sehr mit ihren eigenen gruppendynamischen Prozessen beschäftigt, dass sie wenig Kraft hätten, die sie darüber hinaus noch in ihre Projekte stecken könnten, meint Aperdannier. „Daher dauern unsere Freiwilligendienste mindestens zwölf Monate.

Vorwurf 2: Die Veranstalter bereichern sich

Es gebe einen Trend zum „Sozialtourismus“, heißt es im Film. Darauf sprängen Unternehmen an. Sie böten „Freiwilligendienste“ an, kassierten Geld von den jungen Leuten, das aber nie oder nur zu geringen Teilen bei den Hilfsprojekten ankomme. Die junge Frau, die in einem Waisenhaus in Nepal helfen wollte, berichtet, dass sie teilweise sogar das Essen und Arztbesuche für die Waisenkinder aus eigener Tasche zahlen musste.

Sebastian Aperdannier ist sich sicher, dass der Vorwurf auf einige Veranstalter zutrifft. Für sein Referat gelte das aber nicht. „Uns ist ganz wichtig, dass die Freiwilligen nicht für ihren Dienst bezahlen“, sagt er. „Denn sie bekommen von uns keine Leistung im eigentlichen Sinn. Uns ist wichtig, dass sie ihre eigenen Erfahrungen sammeln.“ Die 12.000 Euro, die der Freiwilligendienst des Bistums Münster für einen Freiwilligen kostet, würden zu 65 Prozent über die Organisation „Weltwärts“ vom Bund finanziert. Die restlichen 35 Prozent kämen vom Bistum. Zusätzlich könnten die Freiwilligen in ihren Gemeinden oder in der Familie um Spenden bitten. „Alles Geld geht zu 100 Prozent in die Projektarbeit“, versichert Aperdannier.

Vorwurf 3: Jeder der zahlt, ist für Freiwilligendienst geeignet

„Ein Milliardengeschäft“ tituliert der WDR in seinem Beitrag den Sozialtourismus. Jeder könne mit den Organisationen Lehrer oder Entwicklungshelfer werden, wenn er nur die entsprechende Gebühr bezahlt.

Alle Informationen zum Freiwilligendienst im Ausland mit dem Bistum Münster auf der Seite ms-freiwillig.de.

Nicht so im Bistum Münster. „Wir haben ein Bewerbungsverfahren“, erklärt Sebastian Aperdannier. Auf die 30 Plätze, die es im Bistum jährlich gebe, kämen etwa 100 Bewerbungen. „Eine der ersten Fragen an die Bewerber ist: ‚Wenn du dich in deinem Projekt ein Jahr lang voll reinhängst, wie groß ist die Veränderung, die du damit bewirken kannst auf einer Skala von eins bis 100?‘“ Daran sehe man oft schon, wie sehr sich der Bewerber im Vorfeld Gedanken gemacht habe: Zwischen 30 und 60 schätzten sich Planlose ein. Vorbereitete Bewerber würden Zahlen zwischen fünf und zehn nennen. „In Wirklichkeit sind wir eher bei 0,001“, sagt Aperdannier.

Vorwurf 4: Die Freiwilligen sind nicht auf ihren Dienst vorbereitet

Der Film zeigt Freiwillige, die nach einer Einführungswoche mit Sprach- und Kulturunterricht vor eine Grundschulklasse gestellt werden und diese unterrichten sollen. Eine Freiwillige bricht nach zwei Stunden „Unterricht“, in denen sie sich nur mit Händen und Füßen mit den Kindern verständigen konnte, in Tränen aus.

„Ein ganz großer Unterschied zwischen dem Sozialtourismus im Film und unserem Freiwilligendiensten ist die Vor- und Nachbereitung und die Begleitung während der Projekte“, erklärt Aperdannier. Über ein halbes Jahr dauere die Vorbereitung auf den Freiwilligendienst zwischen Auswahlverfahren und Aussendung. „Wir kommen in dem Zeitraum insgesamt auf rund 20 bis 30 Tage Vorbereitung.“ Dabei kommen die künftigen mit ehemaligen Freiwilligen in Kontakt, die im selben Land oder gar Projekt tätig waren. Sie lernen die Landessprache, die Kultur und wen sie vor Ort ansprechen können, wenn sie Probleme haben. „Wir haben bei jedem Projekt einen einheimischen Mentor vor Ort, der die Jugendlichen begleitet“, erklärt Aperdannier.

Vorwurf 5: Das Reiseziel ist wichtiger als notwendige Hilfe

Die Auswahl der Projekte richte sich danach, wo junge Menschen gern Urlaub machten, behauptet der WDR-Beitrag. So würden teilweise Bedarfe geschaffen, wo vorher eigentlich keine waren. Mancherorts würden sogar Kinder aus ihren Familien geholt und als Waisenkinder ausgegeben.

Die Projektpartner des Bistums Münster kommen aus drei großen Bereichen, erklärt Aperdannier: aus Bistumspartnerschaften in Mexiko und Afrika, aus Projekten, die Freiwillige vor Ort selbst entdeckt haben und aus Anfragen von außen, zum Beispiel von Gemeinden, die Partnerschaften mit Gemeinden im Ausland haben. „Wenn wir ein neues Projekt vorgeschlagen bekommen, suchen wir Kontakt mit den Verantwortlichen vor Ort“, sagt Aperdannier. Entweder, wenn die in Deutschland seien, über die lokalen Mentoren, oder wenn Referatsmitarbeiter selbst in der Region unterwegs sind. „Wir schauen, ob das Projekt zu uns passt und wie wir dort helfen können.“ Vor kurzem erst sei eine Anfrage der Uganda-Hilfe Mauritz in Münster gekommen. „In Uganda werden wir daher im kommenden Jahr zwei neue Projektstellen besetzen.“