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Von Münster nach Rom über Karlsruhe, Paris und Mailand

Galens Irrfahrt zur Kardinalserhebung vor 75 Jahren nach Rom

  • Clemens August Graf von Galen aus Münster und der Kölner Josef Frings durchlitten eine wahre Odysse auf dem Weg nach Rom.
  • Frings platzte schon der Kragen: „Herr General, bitte kehren Sie um! Ich kann auch leben, ohne Kardinal zu sein.“
  • Ein mehrteiliges Drama vom Fliegen, von Zündkerzen, ausgefallenen und überfüllten Zügen.
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Wenn heute ein Bischof in den Vatikan muss, setzt er sich in den Flieger und steht kurz darauf beim Papst auf der Matte. Im Nachkriegswinter 1945/46 war die Lage sehr anders. Pius XII., Papst des Zweiten Weltkriegs und vormaliger Nuntius in München, hatte der Kirche des besiegten Deutschlands hohe Ehre erwiesen: In der Zeit höchster Not verlieh er vor 75 Jahren, am 16. Februar 1946, den Bischöfen von Köln, Münster und Berlin, Josef Frings, Clemens August Graf von Galen und Konrad Graf von Preysing, die Kardinalswürde.

Wie abenteuerlich die Rom-Reise im deutschen Hungerwinter war, hat Frings in seinen Memoiren beschrieben. Er war nach Münster gefahren, wo die britischen Besatzer eine Armeemaschine für ihn und Galen bereitstellen wollten. Doch die war so klein, dass der 2,04 Meter große „Löwe von Münster“ ausrief: „Die ist gerade groß genug für einen Sarg für mich.“

Fliegen klappte nicht

Bei Galen, der zudem in doppelter Montur und schwerem Mantel antrat, und dem ebenfalls gewichtigen Kölner Generalvikar Emmerich David streikte die Waage. Als dann noch Schlechtwetternachrichten kamen, war der Traum vom Fliegen gestorben.

Einem englischen Heereskaplan gelang es, zwei Autos zu requirieren. Ein Brigadegeneral namens Sedgwick wurde zum Transport der Kardinäle in spe Richtung Süden abgestellt.

Zug fiel aus

Die Fahrt geriet zur Odyssee. Im Dauerregen wurden die Zündkerzen eines der Wagen nass („Ich glaube, es war sogar ein Rolls Royce“). Nach einer schlafarmen Regennacht im Auto ging es weiter, um in Karlsruhe noch einen Zug nach Kärnten zu erreichen. Doch auch der blieb wegen widrigen Wetters aus.

„Ohne einen Pfennig Geld in der Tasche“ platzte Frings nun der Kragen, und er sagte zu Sedgwick: „Herr General, bitte kehren Sie um! Ich kann auch leben, ohne Kardinal zu sein.“ Doch entgegen der Order seiner Fahrgäste und die seiner Einheit lotete Sedgwick einen ganz neuen Weg aus - über Paris.

Zwischenstopp Paris

Spät abends eingetroffen, erreichte die Irrfahrer eine Einladung des dortigen Nuntius, eines gewissen Angelo Giuseppe Roncalli. Der spätere Papst Johannes XXIII. empfing Frings und Galen herzlich, und der Pariser Kardinal Emmanuel Suhard sagte die 1946 noch nicht selbstverständlichen Worte: „Nous sommes freres!“ („Wir sind Brüder!“)

Am nächsten Tag traten die Deutschen und ihre Begleiter die Zugreise nach Mailand an. Der hungrige Kölner Erzbischof, der später die deutschen Hilfswerke Misereor und Adveniat aufs Gleis setzte, wurde auf der Fahrt von Mitreisenden mit Tee und Keksen durchgefüttert.

Auch in Mailand ging die Sache schief

Eigentlich sollte man in Mailand einen Anschlusszug nach Rom erreichen - doch der war völlig überfüllt. Die Gruppe wurde vom Mailänder Kardinal Alfredo Schuster beherbergt.

Auf letzten Umwegen traf man am Abend des neunten Reisetags in Rom ein: „Ein Bild der Armut“, so Frings. „Ich kam mit einem Koffer an, der von einer Schnur umschlungen war, Galen mit einer großen Hutschachtel, in der der rote Samthut war.“ Preysing war rechtzeitig in Rom eingetroffen; auch er hatte sich anderweitig von Berlin über Paris durchgeschlagen.

Der meiste Beifall für Galen

Die Feiern zum Konsistorium, damals eine rund 14-tägige Abfolge von Zeremonien, standen unmittelbar vor der Eröffnung. Am 18. Februar zogen die 32 Neuernannten im Petersdom ein. Den größten Beifall für die Deutschen erlebte Galen, der als „Löwe von Münster“ gegen die Nazis internationalen Ruhm erlangt hatte. Bei Frings gab es nur wenig Applaus. „Mich kannte kein Mensch - und Kölner waren wohl kaum zugegen“, meinte er später lakonisch.

Die Erhebung dreier Deutscher ins Kardinalskollegium war - zumindest für die Katholiken - ein früher Akt der Rehabilitation in der Völkergemeinschaft; ein erster Kick noch vor dem „Wunder von Bern“ bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1954. Die Rückreise aus Rom besorgte übrigens ein US-Amerikaner: Der New Yorker Kardinal Francis Spellman bezahlte den Deutschen ein reguläres Flugticket in die Heimat - der Weg zu einem triumphalen Empfang.

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