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Hochgelobter Film von Francois Ozon über reale Geschehen in Frankreich startet am 26. September

„Gelobt sei Gott“ – Wie der Missbrauchs-Film auf Betroffene wirkt

Schon vor dem Kinostart am 26. September hat „Gelobt sei Gott“ großes Echo erfahren. Der Film geht auf Missbrauchsfälle in Frankreich zurück. Bei einer Vorpremiere in Münster diskutierten Betroffene, Experten und Kirchenleute.

 

Die Protagonisten eines Filmabends der Katholischen Akademie Franz-Hitze-Haus haben an die Opfer sexuellen Missbrauchs appelliert, sich zu melden, an die Öffentlichkeit zu gehen und sich zusammenzuschließen. „Es ist wichtig, dass die Betroffenen sagen können: ,Ich bin nicht allein´“, betonte Christiane Gelbhard von der Beratungsstelle „Zartbitter“ (Münster) gegen sexualisierte Gewalt bei einer Podiumsdiskussion im Anschluss an die Vorführung des Films „Gelobt sei Gott“ von Francois Ozon im Kino „Cinema“.

Trailer zum Film „Gelobt sei Gott“ von Francois Ozon

Martin Schmitz, selbst Opfer von sexuellem Missbrauch und Sprecher einer Betroffenen-Organisation aus Rhede, fügte hinzu: „Betroffene müssen einen erheblichen Aufwand betreiben, um sich zu organisieren und gegen die Widerstände in der Kirche und in der Öffentlichkeit etwas zu erreichen.“ Da sei es wichtig, dass sie sich gegenseitig stützten. Beate Meintrup, Präventionsbeauftragte des Bistums Münster, fügte hinzu, nur wenn die Opfer ihre Stimme erhöben und sich zusammenschlössen, könne sich in der Kirche etwas verändern.

„Gelobt sei Gott“ – tatsachengetreue Ereignisse

Kardinal Barbarin (François Marthouret) bei der Firmung von Alexandres Sohn Gauthier Guérin (Max Libert).Kardinal Barbarin (François Marthouret) bei der Firmung von Alexandres Sohn Gauthier Guérin (Max Libert). | Foto: Pandorafilm

Der französische Regisseur Francois Ozon thematisiert in seinem Film „Gelobt sei Gott“ („Grace a Dieu“) Missbrauchsfälle in der Diözese Lyon, die lange vertuscht wurden. In dem Film habe Ozon tatsachengetreue Ereignisse in einem fiktionalen Film verarbeitet, wie es im Pressematerial heißt. Drei Opfer eines Paters, die aus ganz unterschiedlichen sozialen Milieus stammen – Alexandre, Francois und Emmanuel – , sind die Hauptfiguren des eindrucksvollen Streifens, der jegliche Schwarz-Weiß-Malerei vermeidet und trotzdem klar Position bezieht. Mit ihrem Leid und den psychischen und physischen Folgen des Missbrauchs, der über 20 Jahre zurückliegt, gehen die drei ehemaligen Pfadfinder unterschiedlich um, und ähnlich gegensätzlich sind auch die Reaktionen ihres Umfelds.

Als die drei ihr Schweigen brechen und die Opfer-Organisation „Das gebrochene Schweigen“ („La Parole Libérée“) gründen, kommt es in den Familien zu schweren Auseinandersetzungen; Zustimmung und Unterstützung stehen Unverständnis und wütender Ablehnung gegenüber. Aber auch die drei Betroffenen selbst sind sich in ihrem Vorgehen nicht immer einig, schwanken zwischen Radikalität und Kompromissbereitschaft.

Wie Betroffene die Kirche erleben

Diskutierten über den französischen Film „Gelobt sei Gott“ (von links): Martin Schmitz, Christiane Gelbhard, Beate Meintrup und Michael Kleinschmidt. | Foto: Felder 

„Der Film zeigt eine Fülle von Variationen, wie die Betroffenen und das Umfeld mit dem sexuellen Missbrauch umgehen“, erläuterte der Medien- und Religionspädagoge Michael Kleinschmidt. „Er stellt eine unglaubliche Fülle von Personen vor, die auf das Geschehene sehr unterschiedlich reagieren.“ Martin Schmitz kritisierte, dass es in Wirklichkeit eine noch viel größere Bandbreite von Vorgehensweisen bei den Missbrauchsopfern gebe, als dies im Film dargestellt werde. „Jeder geht seinen eigenen Weg“, so Schmitz.

Unterschiedlich ist auch die Haltung der drei Film-Protagonisten zur Kirche: Während Alexandre nach wie vor gläubiger Katholik ist und seine Hoffnung am Anfang des Films stark auf den realen Erzbischof von Lyon, Kardinal Philippe Barbarin, setzt, haben Francois und Emmanuel sich völlig von der Kirche losgesagt und wollen ihre Taufe am liebsten rückgängig machen. Doch Alexandres Hoffnungen auf Kardinal Barbarin, der ihn zu einem persönlichen Gespräch empfängt und sich zunächst als Aufklärer gibt, werden enttäuscht. Im März 2019 ist Barbarin zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden, weil er sexuelle Missbrauchsfälle, von denen er wusste, nicht angezeigt hatte, hat aber gegen das Urteil Revision eingelegt.

Was Vertuschung anrichtet

François Debord (Denis Ménochet), Gilles Perret (Éric Caravaca ), Emmanuel Thomassin (Swann Arlaud) und Alexandre Guérin (Melvil Poupaud).Drei Missbrauchsopfer, drei verschiedene Positionen (von links): François Debord (Denis Ménochet), Gilles Perret (Éric Caravaca ), Emmanuel Thomassin (Swann Arlaud) und Alexandre Guérin (Melvil Poupaud).| Foto: Pandorafilm

„Der Film macht deutlich, was Menschen nicht nur durch die Taten selbst, sondern auch durch Verschweigen, Untätigkeit und Vertuschung angetan wird“, erklärte Medienpädagoge Kleinschmidt. Am Ende des Streifens stellt sich Alexandre nach all seinen schlimmen Erfahrungen die entscheidende Frage: „Glaubst du noch an Gott?“ „Das ist die Frage, die wir uns heute alle stellen müssen“, mahnte die Präventionsbeauftragte Beate Meintrup.

Martin Schmitz kritisierte, im Hinblick auf die Kirche komme immer nur das ans Tageslicht, was ohnehin schon bekannt sei. „Ich habe meine Zweifel, dass das Bistum Münster wirklich aufklärt.“ Er habe immer wieder hartnäckig nachgefragt und darauf bestanden, dass die Täter namentlich genannt würden, sei aber hingehalten worden. „Meine Erfahrung ist: Da wird auf Zeit gespielt“, so Schmitz. Auch gebe es bei der Politik eine Beißhemmung gegenüber der katholischen und evangelischen Kirche. „Der Druck von außen ist nicht groß genug“, bemängelte der Vertreter der Betroffenen. Andererseits äußerte er auch die Hoffnung, dass sich im Bistum Münster bald etwas ändern werde.

Wie das Bistum Münster mit Fällen umgeht

„Eine Prävention ohne Aufarbeitung bleibt an der Oberfläche“, bekräftigte daraufhin Beate Meintrup. Die Missbrauchsopfer sollten sich ausdrücklich auch an die staatlichen Ämter wenden. „Das Bistum Münster will keine Parallelstruktur aufbauen“, versicherte die Präventionsbeauftragte. „Strafrechtlich relevante Fälle gehen immer an die staatlichen Behörden.“ 

Auch der Interventionsbeauftragte des Bistums Münster, Peter Frings, unterstrich, dass diese Fälle stets sofort an die Staatsanwaltschaft gingen, der damit auch die Überprüfung einer möglichen Verjährung überlassen sei. „Das Bistum Münster will sich der Aufarbeitung stellen und wird deshalb in der nächsten Woche einen Vertrag mit der Universität Münster schließen, die dann alle Fälle unabhängig untersuchen soll“, so Frings.

Der Film „Gelobt sei Gott“ von Francois Ozon läuft am 26. September in den deutschen Kinos an. In Münster wird er im „Cinema“ an der Warendorfer Straße gezeigt. Weitere Kinos sind kurz vor dem Start hier zu finden.

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