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5.600 Haupt- und Ehrenamtliche im Offizialatsbezirk Oldenburg geschult

Geschätzt statt lästig: Präventionsschulungen

  • Präventionsschulungen zur Verhinderung sexualisierter Gewalt werden von Teilnehmerinnen und Teilnehmern deutlich mehr geschätzt als noch vor einigen Jahren.
  • Diesen Eindruck haben die Verantwortlichen des Katholischen Freiwilligendienstes (KFWD) im Offizialatsbezirk Oldenburg gewonnen.
  • Das Team des KFWD ist im niedersächsischen Bistumsteil für das Angebot verantwortlich und hat seit 2013 mehr als 5.600 Haupt- und Ehrenamtliche aus Kirchengemeinden und Caritas geschult.
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Wer in der Kirche mit Kindern und Jugendlichen umgeht, muss sie absolvieren: Schulungen zur Verhinderung sexualisierter Gewalt an Minderjährigen. Das gilt für Kita-Personal und Seelsorger ebenso wie für Messdiener-Gruppenleiterinnen und Gruppenleiter oder Rentner in der Hausaufgabenhilfe. Gerade für Ehrenamtliche bedeutet diese Pflicht zusätzlichen Einsatz. Denn meist finden die Seminare am Wochenende oder abends nach Feierabend statt.

Doch statt sich über den Mehraufwand zu beklagen, schätzen die Teilnehmer zunehmend dieses Angebot. Diesen Eindruck hat Präventionsexpertin Jennifer Falkenau nach fünf Jahren Schulungserfahrung gewonnen. Die Sozialarbeiterin und Sexualpädagogin ist seit 2016 im Fachbereich Prävention des Katholischen Freiwilligendienst (KFWD) im Offizialatsbezirk Oldenburg tätig, seit 2020 als Leiterin. Sie sagt: „Die Teilnehmer verstehen: Je mehr Leute mit dem Thema vertraut sind und da drauf schauen, desto besser.“ Der KFWD ist Hauptanbieter für Präventionsschulungen in kirchlichen Einrichtungen im niedersächsischen Teil des Bistums Münster. Seit den ersten Seminaren 2013 haben mehr als 5.600 Haupt- und Ehrenamtliche daran teilgenommen.

Anfangs beklagten sich manche über „Generalverdacht“

Frank Tönnies
Geschäftsführer Frank Tönnies hat 2013 die erste Präventionsschulung des KFWD geleitet. | Foto: Franz Josef Scheeben

Anfangs habe er öfter mal Widerstand gegen die Verpflichtung zur Teilnahme gespürt, erinnert sich auch KFWD-Geschäftsführer Frank Tönnies im Gespräch mit „Kirche-und-Leben.de“. Er selbst hatte die erste Schulung 2013 geleitet. „Manche fühlten sich durch die Verpflichtung zur Teilnahme unter Generalverdacht gestellt. Ehrenamtliche, die sich ja freiwillig einsetzen wollten, kritisierten etwa, dass sie dafür samstags extra Zeit opfern sollten.“ Solche Kritik sei heute allerdings kaum noch zu hören.

Nach Frank Tönnies Ansicht liegt das auch daran, dass die Argumentationskette verstanden wird. Er beschreibt sie so: „Wir als Kirche wollen, dass es Kindern und Jugendlichen in unserer Obhut gutgeht, deshalb wollen wir uns darum kümmern, dass das so ist. Außerdem ist es wichtig, dass Haupt- und Ehrenamtliche erkennen können, wenn es Kindern schlecht geht. Und für beides vermitteln wir in den Seminaren das nötige Rüstzeug.“

Ein Kind auf den Schoß nehmen?

Von einem als lästig empfundenen Pflichttermin haben sich die Schulungen scheinbar mehr und mehr zu einem geschätzten Angebot entwickelt. „Es gibt eine Veränderung der Perspektive: Es ist nicht ein Thema, dass eben besprochen werden muss. Sondern: Der Mehrwert wird gesehen“, beschreibt Jennifer Falkenau ihre Wahrnehmung. „Die Teilnehmer spüren, dass sie die Schulungen in ihrer Arbeit sicherer machen und stärken.“

Neben der reinen Wissensvermittlung nutzen die Schulungsteams möglichst konkrete Beispiele, um in den Seminaren auch lange als normal und selbstverständlich empfundenes Handeln hinterfragen zu können. „Es geht uns dabei aber nicht darum, Dinge zu verteufeln“, sagt Jennifer Falkenau. Handlungsweisen, die früher selbstverständlich und harmlos schienen, etwa ein Kind ohne Anlass zärtlich auf den Schoß zu nehmen. „Da ist es uns eher wichtig, Menschen auf Dinge zu stoßen. Dass sie sehen: Dies oder das war in der damaligen Situation nicht ganz falsch, aber es war auch nicht ganz richtig.“

Beobachtungen am Lagerfeuer

Jennifer Falkenau
Jennifer Falkenau leitet den Arbeitsbereich Präventionsschulungen beim Katholischen Freiwilligendienst (KFWD) im Oldenburger Land. | Foto: KFWD

Haupt- und Ehrenamtlichen Sicherheit geben – dazu zählt bei den Schulungen auch, ihnen deutlich zu machen, was sie tun können, wenn sie glauben, kritische Handlungen bei anderen entdeckt zu haben. Zum Beispiel in einer Situation am Lagerfeuer im Ferienlager. Wenn es den Anschein hat, als überschreite ein Erwachsener im Kontakt mit einem Kind Grenzen der Intimität.

Jennifer Falkenau zählt die Reihenfolge notwendiger Schritte an diesem Beispiel auf: „Als Erstes muss es dann darum gehen, das Kind möglichst unverfänglich aus der Situation zu holen.“ Und später darum, wie und mit wem man die Beobachtung diskret besprechen und dabei abschätzen kann, ob das Ganze eine zufällige Sache oder etwas Ernsteres war. „Teilnehmer sollen wissen, wie sie sich dann korrekt verhalten und an wen sie sich wenden können“, betont Jennifer Falkenau. „Und sie sollen spüren, dass sie sich nicht allein gelassen fühlen müssen.“

Warum Online-Schulungen schwierig sind

Wie für so vieles andere ist die Corona-Pandemie auch für die Präventionsschulungen ein Problem. Im vergangenen Sommer konnten noch einige Seminare stattfinden, seither jedoch mussten Präsenz-Veranstaltungen ausfallen. Online-Alternativen erschienen den Verantwortlichen bis vor kurzem nicht praktikabel. Unter anderem, weil sie öfter erlebt hatten, dass  bei Teilnehmern eigene Erfahrungen hochkamen, die persönliche Gespräche nötig machten. Wie sollte das in einem Online-Kurs am Bildschirm verantwortbar möglich sein?

Dennoch haben Jennifer Falkenau und ihre derzeit sieben Kolleginnen und Kollegen kürzlich  eine Online-Präventionsschulung angeboten. Es sei zwar nicht ganz dasselbe gewesen, sagt die Leitern, sieht es aber als mögliche Notlösung „Es würde niemals eine Präsenzveranstaltung ersetzen. Aber wir bieten Menschen dadurch an, weiter in ihrem Bereich zu arbeiten und sie zu stärken. Und darauf kommt es uns an.“

Präventionsschulungen im Offizialatsbezirk Oldenburg
Das Bischöfliche Offizialat in Vechta hatte den KFWD 2013 damit beauftragt, Ehren- und Hauptamtliche in Pfarreien und Einrichtungen in Sachen Prävention sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen zu schulen. Vor acht Jahren hatte der KFWD erstmals eine Präventionsschulung für Ehrenamtliche durchgeführt, damals in der St.-Andreas-Pfarrei in Cloppenburg. Seither sind Dutzende weitere hinzugekommen. In erster Linie richtete sich das Angebot an ehrenamtliche Mitarbeiter, von jugendlichen Gruppenleiterinnen und Gruppenleitern bis hin zu Männern oder Frauen im Ruhestand, die Hausaufgabenbetreuung anbieten. 2015 darauf folgten die ersten Angebote für Kindertagesstätten, mittlerweile waren es bereits 65, 2018 für Altenpflege-Einrichtungen, 2020 für Behindertenhilfe und ein Krankenhaus. Die Seminare finden je nach Zielgruppe als sechs- oder zwölfstündige Kurse statt.

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