Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus am Freitag

Grütters: Ohne Zeitzeugen werden Orte wie Auschwitz wichtiger

Am Freitag gedenkt Deutschland der Opfer des Nationalsozialismus. Monika Grütters (CDU), Staatsministerin für Kultur, sagt im Interview, wie das künftig gelingen kann, wenn die Zeitzeugen tot sind, welche Rolle das Internet und Social Media spielen – und sie äußert sich zur Rede von Björn Höcke. Die Katholikin Grütters stammt aus Münster, wo sie zur Schule ging und studierte. Seit 2013 ist sie Staatsministerin, seit 2016 auch Berliner CDU-Vorsitzende.

„Kirche+Leben“: Der damalige Bundespräsident Roman Herzog hat 1996 den 27. Januar als Gedenktag für die NS-Opfer eingeführt. Die Intention war, das Erinnern gerade für zukünftige Generationen zu sichern. Welche Bedeutung hat der Tag für Sie?

Staatsministerin Monika Grütters: Der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, den wir alljährlich am Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar begehen, ist all den Menschen gewidmet, die durch das nationalsozialistische Regime entrechtet, verfolgt, gequält oder ermordet wurden. Dem Gedenken an die Verbrechen der Nationalsozialisten kommt in der deutschen Erinnerungskultur eine unvergleichlich hohe Bedeutung zu – jetzt und für alle Zeiten.

Monika Grütters.
Monika Grütters. | Foto: pd, Christof Rieken

Als Staatsministerin, aber auch ganz persönlich ist mir dabei das moralische Empfinden besonders wichtig. Dieses moralische Empfinden, das Gefühl, dass das Geschehene uns auch persönlich etwas angeht, brauchen wir für eine lebendige und fortdauernde Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Diktatur. Wir brauchen es, um der immerwährenden Verantwortung für die Erinnerung an die Opfer gerecht zu werden, die uns das von Deutschland verschuldete, unermessliche Leid und Unrecht auferlegt.

Wie wollen Sie die Erinnerung wachhalten, wenn immer mehr Zeitzeugen sterben?

Mehr und mehr Zeitzeugen verstummen, und es ist klar: Die persönlichen und äußerst bewegenden Berichte dieser Menschen können wir nicht ersetzen. Deshalb arbeiten wir das vorhandene Audio- und Videomaterial von Gesprächen mit Zeitzeugen systematisch auf, um diese Eindrücke für die Zukunft zu erhalten. Mein Haus unterstützt die Gedenkstätten dabei nach Kräften.

Seit dem 1. Januar 2017 gibt es am „Haus der Geschichte“ eine neue Anlaufstelle für die Zeitzeugenarbeit in den von meinem Hause finanzierten und geförderten Einrichtungen. Mit dem Projekt sollen zum Beispiel Interviews von Zeitzeugen auch für die kommenden Generationen nutzbar bleiben.

Klar ist auch: Ohne Zeitzeugen wächst die Bedeutung der authentischen Orte. Der Erhalt dieser Orte ist für die Vermittlung historischen Wissens gerade auch für die junge Generation wichtig. Deshalb ist es mir ein Anliegen, die acht großen KZ-Gedenkstätten in der Bundesrepublik – Bergen-Belsen, Buchenwald, Dachau, Sachsenhausen, Flossenbürg, Mittelbau-Dora, Neuengamme und Ravensbrück – dauerhaft zu fördern und dort auch immer wieder gute Einzelprojekte zu ermöglichen.

Warum ist es für unsere Gesellschaft notwendig, die Erinnerung an Auschwitz lebendig zu halten?

Millionen Menschen fielen der Verfolgung und Vernichtung durch die Nationalsozialisten zum Opfer. Aus dem Bewusstsein dieses von Deutschen verschuldeten, unermesslichen Leids und Unrechts erwächst uns eine besondere, eine immerwährende Verantwortung. Die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen und das Gedenken an ihre Opfer ist damit eine Aufgabe, der wir uns kontinuierlich und in jeder Generation aufs Neue stellen müssen. Denn ein „Genug“ kann es hier niemals geben.

Aktuelle tagespolitische Themen und Meldungen bezeugen leider, dass Fremdenhass, Diskriminierung, Ausgrenzung und Verfolgung vieler Menschen, die anders denken, anders glauben oder anders aussehen, weiter an der Tagesordnung sind. So konnten wir zuletzt etwa nach dem Anschlag in Berlin am 19. Dezember 2016 erneut beobachten, wie gefährlich es ist, unsere politischen und moralischen Grundwerte wie Toleranz oder Mitmenschlichkeit als selbstverständlich vorauszusetzen.

Wir müssen aufstehen gegen Antisemitismus und Fremdenhass, wo immer wir ihn erleben. Wir dürfen uns niemals auf die ebenso bequeme wie verantwortungslose Haltung zurückziehen, dass es auf unsere Stimme, auf unser Handeln nicht ankäme. Das Gegenteil ist richtig: Auf jeden Einzelnen kommt es an!

Wir dürfen nicht vergessen: Hundertausende Deutsche haben zugelassen, dass ihre jüdischen Freunde, Nachbarn und Bekannten erst beschimpft und gedemütigt, dann Schritt für Schritt ihrer Rechte beraubt und aus dem gesellschaftlichen Leben gedrängt wurden, bis man sie schließlich in den Tod schickte. Das Schweigen der Mehrheit ließ die Züge in die Konzentrationslager rollen. Das beherzte Engagement einiger weniger dagegen hat Leben gerettet und in einem geistig und moralisch verwüsteten Land Inseln der Menschlichkeit bewahrt. Auschwitz ist zum Inbegriff für das Verbrechen gegen die Menschlichkeit geworden. Auschwitz mahnt uns, niemals zu denken, dass es auf uns selbst, dass es auf den Einzelnen nicht ankommt.

Wie können junge Menschen trotz zunehmender Geschichtsverdrossenheit für das Gedenken ‎gewonnen werden?

Eine Geschichtsverdrossenheit nehme ich in unserer Gesellschaft, und gerade bei jungen Menschen, überhaupt nicht wahr, was nicht zuletzt durch die hohen Besucherzahlen auch durch Schulklassen belegt ist. Im Gegenteil, wenn ich bei meinen Besuchen zum Beispiel in Gedenkstätten Schülerinnen und Schülern begegne – so etwa zuletzt in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme Mitte Januar – erlebe ich, dass sie die Geschichte des jeweiligen Ortes sehr interessiert und bewegt, dass gerade hier die Begegnung mit Einzelschicksalen ihre Gefühle ansprechen.

Junge Menschen beziehen ihre Informationen heute vielfach aus dem Netz. Das müssen wir natürlich in der Vermittlungsarbeit stärker berücksichtigen. Unsere Zeit ist stark durch das Internet geprägt; viele Menschen sind in der digitalen Welt zuhause. Die Gedenkstätten müssen auch in diesem Bereich und insbesondere mit Blick auf Social Media künftig Akzente setzen und eine Sprache finden, mit der sie junge Menschen hier erreichen können.

Der AfD-Politiker Björn Höcke hat das Holocaust-Mahnmal in Berlin als Denkmal der Schande bezeichnet. Inwiefern ist angesichts solcher Hetze die Erinnerung an die Vernichtung der Juden und aller anderen Verfolgten notwendiger denn je?

Es ist unerträglich und widerlich, dass neue politische Kräfte in unserem Land – wie in Dresden wieder geschehen – gerade unsere Erinnerungskultur, an der unsere Gesellschaft und unsere Demokratie gereift sind, gerade diesen so sensiblen Bereich für parteipolitische Zwecke missbrauchen. Dass da, wo wir einen so großen Konsens zwischen Bürgergesellschaft und Politik erleben, dass da, wo es um die Aussöhnung mit – noch lebenden – Opfern geht, Zwietracht gesät wird. Es gibt Felder der politischen Auseinandersetzung, und der Umgang mit unserer bitteren jüngeren Geschichte ist so ein Feld, in denen Behutsamkeit und nicht Hetze die Tonlage bestimmen muss.