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Benediktinerin der Abtei Dinklage dokumentiert Feste und Bräuche

Jesiden-Kultur akut bedroht: Schwester Makrinas Wettlauf gegen die Zeit

  • Die Benediktinerin Schwester Makrina Finlay will die Kultur der Jesiden im Nordirak dokumentieren.
  • Die Ordensfrau aus der Abtei Dinklage war zuletzt im Dezember im Shingal-Gebirge unterwegs.
  • Aus ihren Reisen sollen acht Videos über die Jesiden-Kultur entstehen.
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Es ist auch ein Wettlauf gegen die Zeit: wenn Schwester Makrina Finlay im Nordirak unterwegs ist, um die Kultur der Jesiden rund um das Shingal-Gebirge auf Video festzuhalten. Die Benediktinerin aus der Abtei Dinklage beschreibt ihre Sorge: „Irgendwann könnte es zu spät dafür sein“ – und ein kultureller Schatz der Menschheit in Vergessenheit geraten. Auch, weil es keine heilige Schrift der Jesiden gibt, alles wird mündlich weitergegeben.

Noch funktioniert das. Schwester Makrina hat zum Beispiel die Fast- und Festtage im Dezember vor Augen – und wie die Jesiden dort, die „Shingalis“, sie begehen. „Fasten hat dort nichts mit Buße zu tun, sondern mit der Freude darüber, dass es nach der Dunkelheit wieder hell wird.“ Oder die Schlachtrituale. „Ich bin Vegetarierin“, sagt die 45-Jährige. „Und doch hat es mich beeindruckt, mit welcher Würde die Jesiden ihre Tiere schlachten. Alles wird genutzt, nichts wird weggeworfen. Ganz anders als bei uns oft.“

Schwester Makrina dreht Videos und führt Interviews

Noch leben Kultur und Religion der Menschen in der Region nahe der syrischen Grenze. Auch wenn die letzten Katastrophen die Jesiden dort schwer bedroht haben, besonders der Völkermord 2014. Mörder des Islamischen Staats (IS) brachten damals Tausende um. Die meisten Überlebenden flohen, leben in Flüchtlingscamps oder als Flüchtlinge zerstreut in der Welt. Die Dörfer und die meisten Heiligtümer im Shingal-Gebirge wurden zerstört. Jüngst erkannte der Deutsche Bundestag diese Ereignisse als Genozid an.

Schwester Makrina überzeugte sich im vergangenen Jahr selbst davon. In diesem Jahr wird sie wieder mit einem Mitarbeiter und einer Kamera in der Region unterwegs sein. Ihr Auftrag: Auf Videos noch mehr Eindrücke zu sammeln, Aufnahmen von Festen und Feiern zum Beispiel, oder von ihren Interviews mit den Menschen – für ein Dokumentationsprojekt.

Benediktinerin hat dafür Kurmandschi gelernt

Dass ausgerechnet eine Benediktinerin aus dem Oldenburger Land dort im Einsatz ist, hat auch mit ihrem Kloster in Dinklage zu tun. „Wir haben seit 2015 immer wieder Jesiden als Flüchtlinge bei uns beherbergt“, erklärt sie. Der anfangs unbekannte Glaube und die Gespräche mit diesen Klostergästen machten sie neugierig. Auch die Bindung der Menschen an den Shingal, ihren „heiligen Berg“, von dem immer wieder die Rede war.

Ein wenig von der grundlegenden Idee des Jesidentums hat sie mittlerweile verstanden: „Gott ist Segen und wir sind dafür da, einander zu segnen“, beschreibt sie das Prinzip. Auch Kurmandschi, die Sprache der Shingali, lernte sie nach und nach von jesidischen Gästen des Klosters. Um noch mehr zu erfahren, so rieten die ihr, „musst Du selbst hinfahren.“

Dokumentation ist Projekt der „Abraham Path Initiative“

Schwester Makrina Finlay ist promovierte Kirchenhistorikerin und gehört zur Abtei der Benediktinerinnen auf Burg Dinklage (Kreis Vechta). | Foto: Michael Rottmann
Schwester Makrina Finlay ist promovierte Kirchenhistorikerin und gehört zur Abtei der Benediktinerinnen auf Burg Dinklage (Kreis Vechta). | Foto: Michael Rottmann

Das ermöglichte ihr eine amerikanische Organisation, die sich die Bewahrung von Kulturen im Nahen Osten zum Ziel setzt. Mit der war sie zufällig in Kontakt gekommen. Als die „Abraham Path Initiative“ (API) ihr anbot, für ein Projekt die Kultur rund um das Shingali-Gebirge zu dokumentieren, war auch ihre Gemeinschaft in Dinklage einverstanden. Weil im Nordirak eine ganze Kultur auf dem Spiel steht.

Schwester Makrina besuchte in der Region rund um das Shingal-Gebirge Heiligtümer und Schreine und war bei den Festen der Bewohner dabei. Die promovierte Kirchenhistorikerin hatte zuvor auch Bücher über die Shingali gelesen. „Vieles darin stimmte aber nur teilweise oder gar nicht. Vor allem, weil es seit Jahrzehnten keinen Zugang zum Shingal gab.“ Ein Grund mehr, eine neue Bestandsaufnahme anzugehen.

Videos für Harvard-Universität und für die Öffentlichkeit

Am Ende ihrer Mission sollen acht Videos stehen. Zum Beispiel über die großen Feste: die Woche der Pilgerfahrten zum Hauptheiligtum der Jesiden nach Lalish im Nordirak zum Beispiel. Oder das Eierfest, das die Jesiden im April feiern, immer an einem Mittwoch. „Weil sie sagen: Die Welt ist an einem Mittwoch entstanden.“ Und auch über traurige Gedenktage im August: den 3. August, als der Tag im Jahr 2014, an dem der Völkermord des IS begann, oder den 14. August, den Tag des Anschlages von Sindschar 2007 mit 800 Toten.

Für jedes Video hat Schwester Makrina stundenlanges Material gesichtet, sortiert und gemeinsam mit einem jesidischen Mitarbeiter nach und nach auf gut acht Minuten gekürzt. Die Filme sollen in einer Bibliothek der Harvard-Universität dauerhaft aufbewahrt und zudem öffentlich zugänglich gemacht werden – damit Glaube und Kultur der Jesiden nicht in Vergessenheit geraten.

Stichwort: Jesiden
Jesiden sind eine religiöse Minderheit unter den Kurden. Weltweit hat die monotheistische Religionsgemeinschaft mehrere hunderttausend Mitglieder. Erstmals erwähnt werden die Jesiden in nahöstlichen Quellen aus dem 12. Jahrhundert. Ihr Name geht vermutlich auf den frühislamischen Kalifen Yazid I. ibn Muawiya (680-683) zurück. Die Jesiden leben vor allem im nördlichen Irak, viele sind jedoch vor der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) geflüchtet. Ferner leben Jesiden in Nordsyrien, dem Nordwestiran und in der südöstlichen Türkei. Auch in Westeuropa gibt es inzwischen jesidische Gemeinden, nach Informationen der Bundeszentrale für politische Bildung findet sich die weltweit größte Diasporagemeinde der Jesiden in Deutschland. Rund 150.000 Personen gehören ihr demnach an. Der jesidische Glaube vereint Elemente verschiedener nahöstlicher Religionen, vor allem aus dem Islam, aber auch aus dem Christentum. Das religiöse Zentrum ist Lalisch, eine Stadt im Nordirak nahe Mossul. Im Jesidentum gibt es keine verbindliche religiöse Schrift. Die Glaubenslehren werden mündlich überliefert. Nach jesidischer Vorstellung ist Gott „einzig, allmächtig und allwissend“. Jesiden glauben nicht an ein Paradies oder eine Hölle, sondern an Seelenwanderung und Wiedergeburt. Jesiden haben ein weltliches und ein religiöses Oberhaupt, den Baba Sheikh. Jeside ist nur, wer von jesidischen Eltern abstammt. Heiratet ein Jeside einen Andersgläubigen, gilt das als Austritt aus der Religionsgemeinschaft. Jesiden wurden im Laufe der Jahrhunderte immer wieder verfolgt, sowohl religiös als auch – wegen ihrer Zugehörigkeit zu den Kurden – ethnisch. Fundamentalistische Muslime betrachten sie als „ungläubig“ und „vom wahren Glauben abgefallen“. Deshalb verbergen Jesiden in ihren Heimatgebieten häufig ihre Identität. Das Verhältnis zu Christen gilt nach eigenen Angaben als gut. Die Jesidin Nadia Murad erhielt 2018 den Friedensnobelpreis. Die Irakerin war vom IS versklavt worden und setzt sich seit ihrer Befreiung als Menschenrechtsaktivistin ein. Im Januar 2023 beschloss der Bundestag, die Ermordung von rund 5.000 Jesiden sowie die Verschleppung von 7.000 weiteren durch den IS im Jahr 2014 offiziell als Völkermord anzuerkennen. (KNA)

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