Politik bewertet die Ereignisse vor acht Jahren als Genozid

Völkermord: Münsteraner Jesiden von Anerkennung durch Bundestag bewegt

  • Der Bundestag hat die Massaker des IS an den Jesiden 2014 als Völkermord anerkannt.
  • Das ist ein entscheidender Schritt für die ethnisch-religiöse Bevölkerungsgruppe auf ihrem Weg, wieder eine Heimat zu bekommen.
  • Der Priester Jochen Reidegeld hilft mit dem Verein Hoffnungsschimmer geflüchteten Jesiden. Er sieht die Anerkennung als Auftrag für noch mehr Engagement.

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Als Ömer Sahin aus dem Radio von der Anerkennung des Massakers des IS an den Jesiden im Jahr 2014 als Völkermord hört, war das „ein Glücksgefühl“, sagt der Jeside, der schon seit mehr als 40 Jahren in Münster lebt. „Weil es eine Chance für mein Volk ist, nicht von der Weltkarte zu verschwinden.“ Denn seit jenen grausamen Taten in der Heimatregion der ethnisch-religiösen Bevölkerungsgruppe im Norden des Iraks haben die Jesiden keine Heimat mehr.

„Verschleppt, getötet, versklavt, geflüchtet“, sagt Sahin. Von den weltweit etwa eine Million Jesiden insgesamt lebt kaum einer mehr im Shingal-Gebirge. „Immer noch nicht wieder.“ Gerade darin sieht er eine enorme Tragik der Ereignisse. „Der Aufschrei in der Welt war groß, als die Bilder von der Gewalt des IS durch die Medien gingen.“ Danach aber wurde es still um die Jesiden. Bis heute wurde ihr Schicksal in den westlichen Demokratien kaum mehr in der Öffentlichkeit thematisiert.

Anerkennung schafft Lobby für Jesiden

Daran wird die Anerkennung ihres Schicksals als Genozid entscheidend etwas ändern, ist sich Jochen Reidegeld sicher. Der Priester des Bistums Münster hat die Entwicklungen über die Jahre im Blick behalten. Er war Mitbegründer des Vereins Hoffnungsschimmer, der schon 2015 damit begann, Hilfe für die Jesiden in den Flüchtlingslagern zu organisieren. „Ein solcher politischer Schritt der Anerkennung kann eine ganz andere Lobby für sie schaffen“, sagt er. „Sie sind wieder auf der Tagesordnung – das ist entscheidend.“

Wie wichtig das ist, konnte Reidegeld bei seinen Besuchen in der Türkei und im Nordirak erleben. Sechs Mal war er dort und erlebte keine Besserung der Situation für die Jesiden. „Sie leben immer noch unter menschenunwürdigen Verhältnissen in Flüchtlingslagern, können nicht zurück in die weiterhin umkämpfte Heimat, wissen oft immer noch nicht, was mit Freunden und Verwandten passiert ist.“ Die Zahlen lassen Schreckliches vermuten: 5.000 Jesiden wurden vom IS getötet, 7.000 verschleppt. „Noch heute fehlt von 2.000 Frauen und Mädchen jede Spur.“

Völkermord wirkt lange nach

Reidegeld (rechts) zeigt den Exil-Jesiden Sahin Hanife (Mitte) und Ömer Hanife Fotos von seiner vergangenen Reise.Bilder aus der Heimat, die wütend und traurig machen: Reidegeld (rechts) zeigt den Exil-Jesiden Sahin Hanife (Mitte) und Ömer Hanife Fotos von seiner vergangenen Reise. | Foto: Michael Bönte

„Ein Genozid ist nie zu Ende.“ Das hat Reidegeld erlebt. „Er wirkt weiter, lässt die Menschen traumatisiert zurück, hat Perspektiven und Hoffnung auf lange Zeit zerstört.“ Bei seinen Besuchen in den Flüchtlingslagern hat er das sehen müssen. Auch die Zerstörungen in den Dörfern im Shingal-Gebirge sind immer noch groß. Er hat viele Fotos mit schrecklichen Bildern mit zurück nach Deutschland gebracht. Wie das des Galgens, den Kämpfer des IS in einer Hütte aufgehängt hatten. „Die ehemaligen Bewohner des Dorfes haben ihn als Mahnmal hängen lassen – denn als sie Monate nach dem Massaker dorthin gekommen waren, hing immer noch ein 14-jähriges Mädchen an dem Strick.“

Viele andere grausame Bilder gibt es. „Vor allem in unseren Köpfen“, sagt Ömer Sahin. „Und die werden noch lange bleiben.“ Er hat die Ereignisse im August 2014 aus der Ferne miterlebt. Und doch waren die Geschehnisse ganz nah. „Unsere Verwandten und Freunde berichteten uns rund um die Uhr von ihren schrecklichen Erlebnissen.“ 

Jesiden-Entscheidung des Bundestags verpflichtet

Am 3. August 2022 hat sich das Massaker an den Jesiden durch die Terrororganisation Islamischer Staat zum achten Mal gejährt. Der Bundestag hat ihn nach mehr als acht Jahren als Völkermord anerkannt. Mit der Entscheidung sind Forderungen nach Hilfsgeldern, die Aufarbeitung und Verfolgung der Täter oder die Festlegung des Asylstatus der Geflüchteten verbunden. In der Bundesrepublik Deutschland ist die größte jesidische Diasporagemeinde weltweit beheimatet.

Bei aller Hilfe, die seine Familie aus Deutschland und der Verein „Hoffnungsschimmer“ in den Jahren nach dem Völkermord organisierten, es konnte nur um die Grundbedürfnisse der geflohenen Jesiden gehen. „Mehr war nicht möglich“, sagt Reidegeld. Die Anerkennung des Genozids könnte daran etwas ändern. „Eine solche Entscheidung ist keine Eintagsfliege – sie verpflichtet, jetzt erst recht aktiv zu werden, am Ball zu bleiben.“

Die Ziele des weiteren Engagements kann Reidegeld klar benennen. „Die Jesiden brauchen eine Schutzzone in ihrer Heimat und eine Schutzmacht, die ihnen die Sicherheit gibt, wieder friedlich im Shingal-Gebirge leben zu können.“ Gerade die westlichen Demokratien müssen sich dieses Auftrages annehmen, sagt er. „Vor Ort gibt es zu viele Interessenskonflikte, verfeindete Gruppen und historische Auseinandersetzungen, als dass diese Sicherheit ohne Eingreifen von außen entstehen könnte.“

Emotionale Wirkung für Jesiden

Die Anerkennung als Völkermord schafft neue Möglichkeiten, dies einzufordern, sagt Reidegeld. „Wir können direkt auf die Politiker zugehen und sie darauf hinweisen, dass sie für die Anerkennung gestimmt haben.“ Lobby-Arbeit im besten Sinn – für eine Volksgruppe, die sonst keine Lobby hat. „Weder in ihrer Heimatregion noch in den angrenzenden Staaten oder in den Exil-Ländern weltweit.“

Die Entscheidung im Bundestag hat zudem eine wichtige emotionale Wirkung für die Jesiden. Ömer Sahin ist deutlich anzusehen, was er damit meint. „Wir können niemanden wieder lebendig machen“, sagt er nachdenklich. „Wir können den Menschen das Trauma nicht nehmen.“ Aber wenn Deutschland und andere Länder deutlich sagen, welches Ausmaß die Gewalt des IS im Shingal-Gebirge hatte, dann gibt es den Jesiden ein entscheidendes Gefühl: „Wir werden mit unserem Schicksal gesehen – der August 2014 und seine Folgen werden nicht vergessen, sondern so wahrgenommen, wie sie waren: grausam.“ 

Stichwort Jesiden:
Jesiden sind eine religiöse Minderheit unter den Kurden. Weltweit hat die monotheistische Religionsgemeinschaft mehrere hunderttausend Mitglieder. In Deutschland leben derzeit bis zu 80.000 Anhänger. Der jesidische Glaube vereint Elemente verschiedener nahöstlicher Religionen, vor allem aus dem Islam, aber auch aus dem Christentum. Im Jesidentum gibt es keine verbindliche religiöse Schrift. Die Glaubenslehren werden mündlich überliefert. Nach jesidischer Vorstellung ist Gott „einzig, allmächtig und allwissend“. Jesiden haben ein weltliches und ein religiöses Oberhaupt („Baba Sheikh“). Jeside ist nur, wer von jesidischen Eltern abstammt. Heiratet ein Jeside einen Andersgläubigen, gilt das als Austritt aus der Religionsgemeinschaft. Jesiden wurden im Laufe der Jahrhunderte immer wieder verfolgt, sowohl religiös als auch - wegen ihrer Zugehörigkeit zu den Kurden - ethnisch. Fundamentalistische Muslime betrachten sie als „ungläubig“ und „vom wahren Glauben abgefallen“. Deshalb verbergen Jesiden in ihren Heimatgebieten häufig ihre Identität. Das Verhältnis zu Christen gilt nach eigenen Angaben als gut. (KNA)