Verband beklagt fehlende Sondergenehmigung zur Produktion und intransparente Verteilung

Keine Schutzmasken: Caritas erhebt schwere Vorwürfe gegen Land NRW

Die Caritas im Bistum Münster schlägt Alarm: Die Vorräte an Schutzausrüstung gehen zur Neige, die versprochenen Lieferungen von Bundes- und Landesregierung bleiben bislang aus. Die Sorge um die betreuten Menschen und die eigenen Mitarbeitenden steigt in den Caritas-Diensten und -einrichtungen in der Diözese Münster von Tag zu Tag. Das geht aus einer Pressemitteilung des Verbands hervor. Ohne Schutzmasken kann sich das Corona-Virus ungehindert ausbreiten.

Davor fürchtet sich auch Thomas Bröcheler, Direktor in Haus Hall, der mit 2.000 Mitarbeitenden größten Behinderteneinrichtung der Caritas in der Diözese Münster. Was noch auf Lager ist, reiche trotz eingeleiteter Sparmaßnahmen nur noch für wenige Tage: "Dann ist es vorbei mit Schützen". Gerade im Bereich der Menschen mit schweren Behinderungen bestehe aber ein mit Pflegeeinrichtungen vergleichbarer Bedarf. Schon jetzt sei der Verbrauch gestiegen wegen vorsorglicher Hygienemaßnahmen. Dringe das Virus erst in eine Wohngruppe vor, wären die Vorräte ganz schnell aufgebraucht. In Haus Hall werden inzwischen selbst Atemschutzmasken genäht. "Aber wir schaffen nicht die benötigte Menge", sagt Bröcheler.

"Wir sind gezwungen, wirtschaftlich zu handeln"

In den Kliniken im Kreis Recklinghausen sieht es nicht besser aus. Michael Paulussen, Ärztlicher Direktor in der zur Caritas gehörenden Kinderklinik in Datteln, hat erfahren, dass die Vorräte von wenigen Tagen bis maximal zwei oder drei Wochen reichen. Den Vorwurf der Landesregierung, nicht genügend vorgesorgt zu haben, weist er zurück. "Wir sind gezwungen, wirtschaftlich zu handeln". Da könne man keine großen Lagerbestände vorhalten, zumal auch Schutzausrüstung nur begrenzt haltbar sei.

Die Notwendigkeit für eine längerfristige Vorratshaltung habe es in dieser Dimension bislang nicht gegeben, erklärt Hans-Peter Merzbach, Vorstand der Caritas Ahaus-Vreden. Bis Jahresende seien Bestellungen in der Regel immer kurzfristig ausgeliefert worden. Jetzt sei "trotz massiver eigener Bemühungen" seit Monaten fast nichts mehr zu bekommen. Angeblich sei ein Verteilerschlüssel für Schutzausrüstung festgelegt worden, der auch die Pflege berücksichtige, allerdings habe bislang keine Schutzausrüstung die Einrichtungen erreicht.

„Weg der Verteilung ist nicht transparent“

Merzbach beklagt, dass überdies der Weg der Verteilung nicht transparent sei. Ebenso sei nicht klar, welche Mengen an Schutzausrüstung die Einrichtungen überhaupt erhalten sollen. Gerade in der ambulanten Pflege seien die Mitarbeitenden in großer Sorge. Dabei seien die ambulante Pflege und die stationäre Altenhilfe wichtige Bereiche, die durch gute Hygiene und ausreichender Schutzausrüstung verhindern können, dass ältere und vorerkrankte Menschen sich infizierten und in Krankenhäusern aufgenommen werden müssten.

Bei der Dramatik der Situation versteht Michael Paulussen nicht, dass Hilfsangebote nicht genutzt werden können. Die Kinderklinik habe gute Beziehungen zu einem Dortmunder Unternehmen, das Verbandsstoffe produziere und damit qualifiziert sei für medizinische Materialien. Das Angebot, innerhalb einer Woche auf Atemschutzmasken umzurüsten und davon jeden Tag tausende zu produzieren, könne nicht umgesetzt werden, weil das Landesgesundheitsministerium bislang keine Ausnahmegenehmigung für ein Betretungsverbot der Firma genehmige. Warum es das überhaupt gebe, sei ihm nicht bekannt.

Auf jeden Fall müsse nach der Krise dringend darüber nachgedacht werden, ob nicht das Land selbst im Sinne einer Katastrophenvorsorge Schutzausrüstungen vorhalten müsse so wie andere Materialien auch - oder die Kliniken dazu finanziell instandzusetzen. Sinnvoll sei auch eine regionalere Produktion, um sich weniger abhängig von Lieferungen aus China zu machen.