Weise aus dem Morgenland: Schwerer Stand im Abendland

Mantaplatte für Melchior & Co.

Für die Weisen aus dem Morgenland ist's schlecht bestellt im Abendland. Okay, damals waren sie nur drei, und im Bistum Münster sind dieser Tage immerhin 30.000 Heilige Könige unterwegs – aber es heißt, der Trend sei negativ. Weniger Kinder in Deutschland bedeuteten nunmal auch weniger Sternsinger.

Doch damit nicht genug. Kinder betteln schicken? Ganz allein? In Eiseskälte? Mehr als 30 Minuten? Leider fragen so manche Eltern nicht ihre Kinder, sondern nur sich selber, ob das nicht zuviel der Zumutung für den Nachwuchs ist. Das Ende vom Lied: Mancherorts laufen die Herren vom Männergesangverein von Tür zu Tür und trällern basslastig ihre Weisen von den Weisen. Immer öfter springen Erwachsene als – tja – „Kinderkönige“ ein.

Probleme mit dem Kindersegen

Auch mit der Aufnahmebereitschaft sieht's für Königs nicht eben herzlich aus. Doch längst bleiben Türen nicht nur komplett verschlossen oder werden flugs wieder geschlossen, kaum dass ein Stern überm Türsturz erscheint. In Münsters feinem Kreuzviertel verbat sich letztes Jahr eine Immobilienbesitzerin termingerecht mittels Schreiben an den Pfarrer die „Verschmutzung“ ihrer Häuser durch den Kindersegen „C+M+B“, Adressenlisten siehe Anhang.

Herr Pastor erwiderte pfiffig, er sehe sich nicht in der Lage, die Sterndeuter aus dem Morgenland mit derartigen Daten auszustatten und bat die Dame vielmehr, ihren Mietern persönlich mitzuteilen: Segen – nein Danke.

Früher war nicht nur mehr Lametta

Früher, man muss das so sagen, war nicht nur mehr Lametta, es war auch einfach alles besser. Wobei genau betrachtet vieles vor allem einfacher war und weniges besser. Wir hatten nur ein einziges Lied: „Wir kommen daher aus dem Morgenland.“ Mehr Text hätte auf dem Spickzettel auf der Rückseite unseres Sterns auch keinen Platz gehabt.

Wir waren natürlich nur Jungs, weil wir alle Messdiener waren und nur Jungs Messdiener sein konnten. Es gab nur Kreide zum Schreiben. Und es gab auch nur einen Korken, den wir über eine Kerze hielten und mit dem vermutlich hochgradig giftigen Ruß den „Mohren“ zum „Mohren“ machten.

Muffelköppe und kratzige Unterhosen

Unsere Eltern erwarteten schlichtweg, dass wir dabei sind, unsere Omas nähten uns aus Stoffresten etwas zusammen, das wir stolz Prunkgewänder nannten. Wir gingen mindestens drei Tage lang durch sämtliche Straßen unserer Gemeinde, klingelten an jeder Tür, bei jedem noch so entfernten Hof. Wir wussten aus Erfahrung, hinter welcher Tür uns Muffelköppe, Evangelische oder sogar solche Leute erwarteten, die in gar keine Kirche gingen. Bei denen sangen wir stoisch erst recht alle drei Strophen, hielten anschließend unauffällig den Münz-Schlitz unserer Sammeldose zu und zwangen unseren Jüngsten, seinen Spruch aufzusagen: „Ich bin der Kleine, ich nehme nur Scheine.“

Und weil ja damals der Winter noch das war, wovon wir heute nur träumen, waren wir am Ende des Tages von all dem Schnee und Eiseswind trotz kratzender langer Unterhose durchgefroren und bis auf die Knochen nass und freuten uns wie Bolle auf den heißen Kakao bei einem von uns zuhause – auch weil wir dann die Süßigkeiten teilen konnten, die uns vor allem die alten, alleinstehenden und nicht selten armen Menschen in die Tüten getan hatten.

Am Ende kam der Kassensturz. Zusammen mit Fräulein Schmidt, der Haushälterin vom Pastor, die eine unangefochtene Instanz war, wenn es ums Auftürmen von jeweils zehn Münzen ging, und die mit Sicherheit schneller Scheine von einer knorrigen Hand in die andere flattern ließ als der flotte Kassierer von der Sparkasse. Ich weiß es genau: Wir hatten immer über 10.000 Mark. Wir waren immer besser als im Jahr davor (die genaue Differenz wusste Fräulein Schmidt aus dem Stegreif). Und ganz am Ende bekamen wir alle Pommes vom Pastor spendiert, aus Plastikeimern vom Dorfmetzger geliefert. Ein Fest!

Einbrecherzeichen zwischen Segenszeichen

Heute muss man als Hausbesitzer Angst haben, dass doch glatt Einbrecherbanden ihre für andere unerkennbaren Erkennungszeichen zwischen den Kreidezeichen der Sternsinger verstecken. Kaum eine Gruppe geht ohne erwachsene Begleitperson. Obwohl längst und Gott sei Dank auch Königinnen unter den Königen sind, mehrere Lieder zur Auswahl stehen, eine einzige Strophe genügt, „der Schwatte“ einfach mit Schminke schwatt gemacht wird und in manchem Imbiss eine kostenlose „Mantaplatte für Melchior & Co“ wartet: Die Weisen aus dem Morgenland haben einen schweren Stand im Abendland.

Umso mehr: Krone, ähäm, Hut ab vor diesem Einsatz! 30.000 Mädchen und Jungen sammeln sich und viel Geld unter ein und demselben Sternzeichen. Die meisten freuen sich jedes Jahr auf die Aktion, aufs Verkleiden, das Gemeinschaftserlebnis und Sammelergebnis. 3,205 Millionen Euro waren es im letzten Jahr. Ich bin sicher: Jeder der kleinen und schon größeren Könige geht selber bereichert durch die Straßen, von Haus zu Haus – solange die Eltern sie lassen. Bei manchem hält die Begeisterung noch Jahrzehnte später an. Und dann? Dann entstehen Texte wieder dieser hier. Guten Weg und Gott befohlen, liebe Sternsinger!