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Liturgiewissenschaftler Andreas Odenthal über Entwicklung und Bedeutung eines starken Ritus'

Sollten auch Nicht-Priester die Krankensalbung spenden dürfen?

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Was geschieht, wenn ein Mensch die Krankensalbung empfängt? Wie wirkt sie? Warum konnte sie früher jeder spenden, heute aber nur Priester? Und passt das zu seelsorglichen Realitäten der Krankenbegleitung? Antworten von Andreas Odenthal, Professor für Liturgiewissenschaft an der Universität Bonn.

Herr Odenthal, was passiert bei einer Krankensalbung, wie läuft sie ab?

Alle Sakramente sind an Knotenpunkten unseres menschlichen Lebens gesetzt - und ein solcher Knotenpunkt sind auch Situationen von Krankheit. Wie alle sakramentlichen Liturgien besteht die Krankensalbung grob aus zwei Hauptteilen: Der erste ist die Verkündigung des Wortes Gottes - ohne das geht es nie. Der zweite ist ein Symbolteil, der aus drei wesentlichen Elementen besteht: Das erste ist die Handauflegung. Dann folgt der Lobpreis Gottes über dem geweihten Öl - eine Art Hochgebet, wie wir es ja auch aus der Messfeier kennen. Es lobt und preist Gott, dass er dieser Welt und damit auch dem kranken Menschen Heil zusagt. Und der dritte Punkt ist die Salbung selbst, auf Stirn und Händen.

Wie ist das unter Corona-Bedingungen möglich?

Da wird man auf eine direkte Berührung des Kopfes verzichten und die Hände nur über das Haupt halten. Und die Salbung geschieht mit Handschuhen.

Warum Stirn und Hände?

Weil sich hinter der Stirn unser Denken und Sein in wesentlichen Punkten abspielt. Und weil die Hände ein wesentliches Kommunikationsmittel des Menschen sind. Damit spricht dieser Gestus einerseits Individualität an, die Eigenheit jedes Menschen, - und andererseits Sozialität, die Verbundenheit des Einzelnen mit anderen Menschen, also genau das, was durch die Krankheit gefährdet ist.

Was bedeutet eine Salbung überhaupt?

Menschheitsalte Bräuche lange vor dem Christentum „verschwendeten“ bewusst kostbares Öl für die menschliche Haut, die gesalbt, also geehrt und auf Hochglanz gebracht wird. Das Christentums ist eher unproduktiv, was eigene Riten angeht, sondern schöpft das kulturelle Menschheitserbe in religiösen Dingen ab. Allerdings bringt es seine christliche Deutung ein, etwa durch das erwähnte Hochgebet über dem Öl.

Wann ist die Spendung der Krankensalbung sinnvoll?

Andreas Odenthal ist Priester des Erzbistums Köln und Professor für Liturgiewissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn. | Foto: Schafgans (dgph)
Andreas Odenthal ist Priester des Erzbistums Köln und Professor für Liturgiewissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn. | Foto: Schafgans (dgph)

Zunächst ist die Krankensalbung insofern festgelegt, als sie mit Krankheit zu tun hat. Das klingt banal, ist aber eminent wichtig! Ich persönlich bin gegen Versuche, etwa einen Altenkreis vor dem Kaffeetrinken mal schnell noch in die Kirche holen, um sozusagen wie bei einer Grippeschutz-Impfung vorbeugend eine Krankensalbung zu vollziehen. Das halte ich für hochproblematisch, zumal hier Alter mit Krankheit gleichgesetzt werden. Es ist bei der Krankensalbung deutlich an eine Krankheit gedacht, die Risiken birgt. Und dann sollte man auch nicht zu lange warten, sondern bewusst dieses Sakrament in der Krankheit feiern.

Was bewirkt die Krankensalbung?

„Wirkung“ klingt immer so ein bisschen nach einem himmlischen Nummernkonto, auf dem unsere sakramentlichen Gnadenpunkte notiert sind. Das ist schwierig. Neuere Ansätze versuchen, den Fokus auf die Feier selbst zu legen: Die Gnade ist, dass wir den Alltag eines Kranken für eine Weile unterbrechen und einen Raum eröffnen, in dem er vor Gott Atem holen kann. Es geht darum, in der Krankheit einen größeren Horizont zu öffnen: meine persönliche Lebensgeschichte steht in Verbindung zur Heilsgeschichte Gottes mit den Menschen. Das ist die Wirkung: Gott sagt Heil zu. Nicht unbedingt auf dieser Erde.

Lange galt die Krankensalbung als „Letzte Ölung“. Warum heißt sie nicht mehr so?

Die Krankensalbung kann sehr wohl auch Letzte Ölung sein, also in Todesgefahr, sogar noch am sterbenden Menschen vollzogen werden. Aber: Die Maßgabe des letzten Konzils war, das zu weiten auf andere Problemsituationen. Denn das eigentliche Sterbe-Sakrament war nie die Letzte Ölung, sondern das „Viaticum“, die Wegzehrung, also der allerletzte Empfang der Eucharistie im Leben einer Christin, eines Christen. „Wegzehrung“ ist ein wunderbares Bild: Ich brauche eine Mahlzeit, um diese entscheidende Hürde, die Schwelle des Todes, zu überschreiten. Das ist das Sterbe-Sakrament! Das kann übrigens jeder und jede spenden, dazu muss man nicht Priester sein.

Warum kann die Krankensalbung aber dann doch nur ein Priester spenden?

Formal würde ich sagen: Weil die Kirche das so festgelegt hat - und dafür hatte sie gute Gründe. Das war allerdings in der Geschichte nicht immer so und hängt vom Sakramentenverständnis ab. Wenn ich den Schwerpunkt eher auf die heilige Sache, die geweihte Materie lege, dann war wichtig, dass ein Bischof oder Priester das Öl segnet und das Öl selber so Träger des Geistes war. Dann konnte es austeilen, wer wollte. Das dürfte grob gesprochen im ersten Jahrtausend und auch nicht flächendeckend so gewesen sein. Es gibt heute noch orthodoxe Kirchen, die das ähnlich sehen. Die westliche Tradition war aber eine andere. Ihr ging es um die sogenannte Aktual-Präsenz: Die Gnade ereignet sich in der Feier der Krankensalbung, im Vollzug des Rituals. Und das fällt laut katholischer Amtstheologie in die Zuständigkeit des Priesters.

Pastoralreferentinnen und -referenten, die einen Kranken lange Zeit begleitet haben, beklagen immer wieder den Bruch, der entsteht, wenn dann zur Krankensalbung ein womöglich fremder Priester dazukommt …

Das ist ein vermintes Feld, weil hier Berufsidentitäten eine Rolle spielen und andere Themen sich einmischen - etwa das der Zulassungskriterien zum geistlichen Amt. Ich darf vielleicht mit einem anderen Ansatz antworten: Diese Situation erlebt ein Priester ganz genauso, der beispielsweise eine Firmvorbereitung leitet - und dann kommt der Bischof zur Firmung. Diese Situation erlebt ein Priester auch, wenn er kompetent Seelsorge betreibt: etwa wenn er in einer längeren seelsorglichen Begleitung zu der Überzeugung kommt, dass er an Fachleute aus dem psychologischen Bereich abgeben muss. Man kann das als Defizit und Kränkung sehen, aber ich würde zu einem Perspektivwechsel ermutigen und dies als Zeichen von Professionalität verstehen: Dann ist die lange seelsorgliche Begleitung nicht „nur“ eine Vorbereitung, die abwertend zu verstehen ist, sondern die Begleitung ist die eigentliche Leistung! Und dann kommt „nur“ der Priester für eine halbe Stunde und feiert das Sakrament. Es geht um eine gute Abgrenzung zweier Bereiche, die nicht notwendigerweise zusammengehören. In meiner eigenen Praxis erlebe ich das als sehr entlastend.

Vor dem Hintergrund der schwieriger werdenden personellen Situation bei den Priestern: Wäre es nicht angebracht zu schauen, ob an den Spender-Vorschriften etwas geändert werden könnte?

Wäre die eigentliche Frage nicht die nach den Zulassungskriterien zum geistlichen Amt?

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