Themenwoche „Sternsinger 2024“ (5) - Eine Reportage

Sternsinger-Projekt: Wie ein Unterricht für Kinder im Regenwald aussieht

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In diesen Tagen ziehen wieder Kinder in prächtigen Königsgewändern von Haus zu Haus. Die „Weisen aus dem Morgenland“ sammeln für ihre Altersgenossen in Amazonien und weltweit, um ihnen ein besseres Leben zu ermöglichen. Sie segnen die von ihnen besuchten Häuser und Wohnungen und sammeln Spenden für Mädchen und Jungen in den Projekten des Kindermissionswerks „Die Sternsinger“. So auch für ein Projekt in Kolumbien. „Aulas Vivas – Lebendige Klassenzimmer“ heißen die Seminare des Partners FUCAI für Kinder in Amazonien. Hier lernen junge Menschen ihre Geschichte und Kultur kennen und erfahren, wie sie im Einklang mit der Natur leben können.

„Mutter Erde, wir bitten dich um Verzeihung für all den Schaden, den wir Menschen dir zufügen – für die Verschmutzung, die Verbrennungen und die Vergiftung. Mutter Erde, wir danken dir, dass du uns trotz allem so viel Nahrung schenkst.“ Als Seminarleiterin Ruth Chaparro das Wort ergreift, wird es auf einmal mucksmäuschenstill in der Versammlungshütte im Amazonasdorf Santa Sofía. 

Etwa 50 Kinder knien im Kreis, ihre Hände berühren den Lehmboden. Ihr Blick ist auf ein riesiges Mandala in der Mitte gerichtet. Auf Bananenblättern haben die Kinder all das ausgebreitet, was ihnen Regenwald und Fluss an Nahrung schenken: Kochbananen, Avocados, Ananas, Mangos und viele weitere Früchte, dazwischen verschiedene Fische und das Fleisch eines Nabelschweins.

Nicht weit liegen Peru und Brasilien

Santa Sofía liegt im kolumbianischen Amazonas-Regenwald an einem Dreiländereck: Geht man am gegenüberliegenden Ufer an Land, ist man schon im Nachbarland Peru, ein paar Kilometer flussabwärts liegt Brasilien. Rund 700 Menschen von der Volksgruppe der Tikuna leben in Santa Sofía. Im gesamten Dreiländereck sind es etwa 40000 Tikuna.

Am Vortag sind mehrere Kinder- und Jugendgruppen aus den umliegenden Dörfern auf Booten nach Santa Sofía gereist – aus Kolumbien, Peru und Brasilien. Ihre Betten haben viele der jungen Gäste selbst mitgebracht: In Gemeinderäumen und bei Gastfamilien haben sie ihre Hängematten befestigt, die typischen Schlafplätze vieler Menschen in Amazonien.

Seminare jetzt auch für junge Menschen

Der Grund für die Besucherschar in Santa Sofía ist die große „Aula Viva“ für Kinder und Jugendliche, die an diesem Wochenende stattfindet. „Aula Viva“ ist Spanisch und bedeutet übersetzt „Lebendiges Klassenzimmer“. Vor rund zehn Jahren hat die Organisation FUCAI dieses Seminarkonzept für Erwachsene entwickelt. Dank der Sternsinger setzt sie es inzwischen auch in der pädagogischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen um.

FUCAI ist die Abkürzung für „Fundación Caminos de Identidad“, auf Deutsch: „Stiftung Wege der Identität“. Die eigene, indigene Identität spielt auch bei der Arbeit mit den Tikuna eine zentrale Rolle. Die Kinder beschäftigen sich mit ihrer Kultur, Tradition und Sprache, mit ihrer Umwelt und ihrer Geschichte.

Mit Pfeil und Bogen

Spielerisch üben die Mädchen und Jungen, mit Blasrohr, Pfeil und Bogen zu schießen wie ihre Vorfahren, die damit früher jagen gingen. Die Kinder lernen traditionelle Tänze und stellen aus Bast, Pflanzenkernen und -samen ihre eigene Tanzkleidung her. Legenden und Spiele sollen den Kindern die Tikuna-Sprache näherbringen. Mit Fachleuten aus der Region hat das Team von FUCAI dazu eigene Bücher und Spiele entwickelt.

Während viele Erwachsene noch Tikuna sprechen, kennen die Kinder meist nur noch einzelne Wörter der Sprache ihrer Vorfahren. Denn zu Hause und in der Schule wird Spanisch oder Portugiesisch gesprochen. Mit handbemalten Holz-Puzzles und Memory-Spielen lernen die Mädchen und Jungen die Tikuna-Namen von Vögeln, Fischen und Früchten.

Ein Kochkurs mit Bananen

Einige finden sich auch auf dem Mandala wieder, das die Kinder kunstvoll gestaltet haben. FUCAI-Chefin Ruth Chaparro stellt die einzelnen Bestandteile und ihre Funktion vor: „Die Fische enthalten viel Eiweiß. Sie sind sehr wichtig für eine gute Ernährung“, erklärt sie den Kindern. „Und diese Früchte schenken uns viele Vitamine.“

Jede Delegation bereitet aus Zutaten des Mandalas ein Gericht zu. Im Schatten von Strohdächern wird überall auf dem Dorfplatz geschält, geschnippelt und gehobelt. Auf einer offenen Feuerstelle werden Kochbananen-Scheiben zu Chips frittiert. Aus Fleisch und Maniok-Stücken entstehen deftige Spieße, ein paar Meter weiter köchelt ein Fisch-Eintopf mit Gemüse.

Nicht zu viel Naschen

Eine Kindergruppe kümmert sich gemeinsam mit Ruth um den Nachtisch. Dazu schälen sie fermentierte und geröstete Kakaobohnen, drehen diese durch einen Fleischwolf, vermischen sie mit etwas Rohrzucker und formen daraus Kugeln. Die schmecken so lecker, dass die Kinder immer wieder naschen. „Seht ihr, das wächst alles hier bei uns“, sagt Ruth Chaparro, und ermahnt die Gruppe lachend, auch noch ein paar Schokokugeln für die anderen Kinder übrig zu lassen.

Wie wachsen all die Pflanzen? Um das zu verstehen, legen die Kinder während der „Aula Viva“ gemeinsam einen Waldgarten an. Jede Gruppe hat dafür Setzlinge mitgebracht. „Das ist Huito“, stellt der 13-jährige Sebastián seine Pflanze vor, bevor er sie behutsam auf den Boden stellt. „Der Baum kann bis zu 20 Meter hoch werden und trägt Früchte“, erklärt er.

Erste Ernte in drei Jahren

Andere Kinder haben Avocado-, Kakao- oder Açaí-Pflänzchen dabei. „Diese Bäume ernähren die Tiere im Wald und auch uns, wenn wir gut mit ihnen umgehen“, sagt Ruth Chaparro und blickt in die Runde. „Wenn Sebastián heute 13 Jahre alt ist, kann er mit 16 oder 17 Jahren das erste Mal ernten.“ Vor dem Einpflanzen entwerfen die Kinder einen Setzplan. Dabei erfahren sie, welche Pflanzen gut nebeneinander gedeihen, welche Schatten brauchen und welche Schatten spenden.

FUCAI-Mitarbeiter Hernán Curico erläutert ihnen Motivation und Ziel des gemeinsamen Einsatzes: „Wir möchten mit euch ein Feld anlegen, mit vielen verschiedenen Bäumen, die uns ernähren sollen. Wir Tikuna respektieren und lieben Mutter Erde und wir sind sehr eng mit ihr verbunden. Deshalb kümmern wir uns auch um diese Amazonasregion, denn wir haben die Verantwortung, unser Lebensumfeld zu schützen.“

“Wir säen eine neue Zukunft”

Allein im vergangenen Jahr haben Kinder, Jugendliche und Erwachsene in mehreren Workshops rund 8000 Setzlinge gepflanzt. Und es sollen noch viele tausend mehr werden. Jedes Mal sind neue Arten dazugekommen – eine Vielfalt, die sich am Ende dieser „Aula Viva“ auch auf den Tellern der Kinder wiederfindet. „Wir säen eine neue Zukunft für die Menschen und Tiere in Amazonien“, sagt FUCAI-Direktorin Ruth Chaparro.