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Telefonseelsorge: Viel Anschluss unter dieser Nummer

Der junge Mann sitzt auf dem riesigen Strommasten. Gleich will er sich in die Drähte stürzen und seinem Leben selbst ein Ende setzen. Kurz vorher wählt er noch einmal die Rufnummer 0800 / 1110111, die in seinem mobilen Telefon eingespeichert ist. Es ist eine der beiden kostenfreien Telefonseelsorge-Nummern.

Es tutet zweimal im Hörer, dann bekommt der anonyme Anrufer Anschluss. "Das war eines der schwierigsten Telefonate in meiner Zeit als Seelsorger hier", sagt Johannes Kaiser. Dabei ging das lange Telefonat für den 69-jährigen Telefonseelsorger in Münster von außen betrachtet gut aus: Kaiser begleitete den jungen, lebensmüden Mann per Telefon vom Strommasten hinunter, zurück in die Stadt, bis vor dessen Haustür.

Gespräch als "Marke auf dem Weg"

"Was aber aus dieser einmal glücklich beendeten Situation im weiteren Lebenslauf wurde, kann niemand wissen", weist Johannes Kaiser auf eine der Belastungen hin, mit denen er und die 81 aktiven Ehrenamtlichen der Telefonseelsorge Münster täglich leben müssen. "Wir können die Menschen nur in einer aktuellen Situation auf ihrem Lebensweg begleiten. Unser anonymes Gespräch bleibt eine Marke auf diesem Weg, von deren Bedeutung wir nie etwas erfahren werden", umschreibt Telefonseelsorgerin Barbara Langheim ein Gefühl, das aber zugleich helfe, "Distanz auch in kritischen Situationen zu wahren".

Dabei denkt die ehemalige Betriebsmanagerin nicht an Telefonate, in denen Menschen drohen, sich selbst das Leben zu nehmen, sondern an solche Momente, in denen das Puzzle ihres eigenen Lebens angesprochen wird. "Stecke ich selbst in einer Trauerphase, und es ruft jemand an, der gerade einen Verlust erlitten hat, kann dies zu schwierigen Überlagerungen führen", sagt die 64-jährige Sprecherin der Ehrenamtlichen in Münster.

Zwei Jahre Ausbildung

Damit die Balance zwischen Distanz und Nähe auch in solchen Situationen gewahrt bleibt, beschäftigen sich angehende Telefonseelsorger in einer zweijährigen Ausbildungszeit zunächst mit sich selbst und dem eigenen Lebensweg. "Dabei habe ich Seiten an mir entdeckt, die mich zum Erstaunen gebracht haben", sagt Langheim. In Gesprächen und Rollenspielen wurden die Teile der Biographie beleuchtet, bei denen es später in den Telefonaten Berührungspunkte geben könnte. "In solchen Momenten stellt sich die Frage: Wie gehen wir professionell damit um?", sagt Johannes Kaiser, ebenfalls Sprecher der Ehrenamtlichen.

Vor mehr als drei Jahrzehnten ließ sich der 69-jährige pensionierte Lehrer in Münster zum ehrenamtlichen Telefonseelsorger ausbilden und arbeitete in den Achtzigerjahren aktiv im Team mit. Nach einer langen, berufsbedingten Pause sitzt der dreifache Vater seit fünf Jahren wieder am Telefon.

"Ich habe ein Chaos im Kopf"

"Bei uns kommt das ganze Leben vor, das macht diese Aufgabe so reizvoll", sagt Kaiser, der es zugleich entlastend findet, als Telefonseelsorger – im Gegensatz zum beruflichen Alltag – nicht mehr "der Entscheider" zu sein. Tatsächlich geht es in erster Linie offensichtlich darum, einfach einem anderen Menschen in Not sein Ohr zu leihen. "Die meisten Menschen wollen ihre Sorgen aussprechen und sich beim Sprechen selbst sortieren", sagt Jutta Gladen, Mitarbeiterin im hauptamtlichen Team der Telefonseelsorge Münster. Oft hören die Seelsorger den Einstiegssatz: "Ich habe ein Chaos im Kopf." Sie seien dann dazu da, dieses Chaos zu sortieren und die Gesprächspartner selbst auf mögliche Lösungswege zu bringen.

Kaiser nennt das Beispiel einer jungen minderjährigen Frau, die noch mit niemandem über ihre Schwangerschaft gesprochen hatte. Verzweifelt habe sie ihn gefragt, wie sie die ungewollte Schwangerschaft ihren "gut katholischen und konservativen" Eltern beibringen könne.

Probleme anhören – nicht zwingend lösen

Der erfahrene Pädagoge brachte zunächst die Lehrer der jungen Frau ins Spiel – denen diese aber nicht genug vertraute. Blieben noch mögliche nahe Verwandte. "Tatsächlich kam die Schülerin dann nach längerem Telefonat selbst auf die Lösung, gemeinsam mit einer vertrauten Tante das Gespräch mit den Eltern zu suchen", freut sich Seelsorger Kaiser noch heute.

"Nicht lösungs- und handlungsorientiert zu denken", daran musste sich auch die agile ehemalige Marketingfrau Langheim als Telefonseelsorgerin zunächst gewöhnen. Probleme zu lösen, war schließlich einmal ihr Job. Bei der Telefonseelsorge gehe es aber zunächst wirklich darum, sich Probleme einfach nur in Ruhe anzuhören.

Mit Hilfe eine Lösung erarbeiten

"Wenn ein Anrufer selbst mit meiner Hilfe eine mögliche Lösung erarbeitet, bin ich heute schon sehr zufrieden", sagt Langheim – wohl wissend, dass sie diese Gelassenheit auch der langen Ausbildungszeit und den begleitenden Gesprächen im Team mit den haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern der Telefonseelsorge zu verdanken hat.

Supervision heißt das Stichwort, das Jutta Gladen lobend einbringt. Das kann man wörtlich aus dem Lateinischen mit "Überblick behalten" übersetzen – und darum geht es tatsächlich. In Gruppen- und Einzelgesprächen tauschen die Telefonseelsorger sich über ihre eigenen Reaktionen und Gefühle bei den Gesprächen aus, damit ihr Einsatz den größtmöglichen Erfolg verspricht.

Supervision für die Ehrenamtlichen

Langheim erzählt von einem Telefonat mit der Schwester eines Mannes, der sich den Terroristen des Islamischen Staates anschließen wollte. "Zunächst dachte ich, die Schwester wollte einen Rat, wie sie den Bruder wieder aus den Fängen der Terror-Miliz befreien könnte", erinnert sie sich an ihre spontane Reaktion. Dann habe sie aber bemerkt, dass es der jungen Frau um ihr eigenes Entsetzen und den Umgang damit gegangen sei. Zwar habe sie im weiteren Verlauf des Telefonates die Gefühle der Anruferin gut auffangen können, außer einem Hinweis aber – mangels Wissen – keine konkreten Tipps parat gehabt.

Tagelang ging Langheim das Telefonat nach, weil sie irgendwie nicht zufrieden mit dem Ergebnis war. Erst die Kollegen in der Supervisionsgruppe konnten sie mit dem Verweis darauf beruhigen, dass sie ehrlich auf ihre eigenen Grenzen hingewiesen habe und ja ganz bei den Gefühlen der Frau geblieben sei. Zudem habe sie ja auf ein islamisches Hilfstelefon hingewiesen.

Christliche Haltung

Auch Glaubensfragen gehören zu den Grenzerfahrungen, mit denen Telefonseelsorger rund um die Uhr konfrontiert werden. Kein Wunder – immerhin steht der 1956 für Deutschland in Berlin gegründete Dienst in Trägerschaft von katholischer und evangelischer Kirche. "Die Spannung zwischen Seelsorge und Beratung ist hier täglich greifbar", betont Supervisorin Gladen mit Blick auf das katholische Stadtdekanat und den Evangelischen Kirchenkreis als Träger in Münster. "Durch diesen Absender halte ich unsere Arbeit sogar für eine mit missionarischem Auftrag", sagt Kaiser.

Dann unterbricht der ehemalige Religionslehrer sich selbst, um dies näher zu erklären. Schließlich meint er damit die Einstellung, mit der bei der Telefonseelsorge der Hörer abgenommen werde. "Christsein ist eine Haltung, aus der heraus ich versuche, selbst zu leben und Leben mit anderen zu gestalten", sagt er mit einer inneren Authentizität, die auch bei seiner Sprecherkollegin Langheim spürbar ist.

Wie sagt Jutta Gladen? "Es sind besondere Menschen, die hier arbeiten." Das spüren in Münster Jahr für Jahr weit über 20.000 Anrufer.