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Veranstaltung am 31. Oktober in Dülmen will zur Diskussion anregen

Theologin: Darum ist Ökumene noch immer nicht selbstverständlich

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Eine visionäre evangelisch-katholische Veranstaltung am Reformationstag am 31. Oktober 2021 in Dülmen soll nach Wunsch der Organisatoren die beiden Kirchen wachrütteln, mehr Ökumene zu praktizieren. In Workshops soll es um Themen wie eucharistische Gastfreundschaft, eine reformoffene Kirche sowie Demokratie und Synodalität in den Kirchen gehen. Was es mit der ökumenischen Veranstaltung auf sich hat, erläutert im Gespräch mit „Kirche-und-Leben.de“ die Mitorganisatorin Esther Brünenberg-Bußwolder. Die promovierte katholische Theologin ist Bildungsreferentin im Evangelischen Kirchenkreis Steinfurt-Coesfeld-Borken.

Frau Brünenberg-Bußwolder, unter dem Titel „Christsein in einer reformoffenen Kirche“ bereiten Sie eine evangelisch-katholische Veranstaltung am Reformationstag in Dülmen-Buldern mit vor. Wie viel Reform verträgt die evangelische Kirche noch? Wie viel Reformation erhoffen Sie sich von der katholischen Kirche?

Von seinen Anfängen an versteht sich das Christentum als eine Gemeinschaft von Menschen, die befähigt wurde, den Glauben und seine Ausdrucksformen zu reflektieren, zu gestalten und mit der Gegenwart, in der sie leben, in Dialog zu bringen. Das gilt für die evangelische wie die katholische Kirche gleichermaßen: Ecclesia semper reformanda (die stets reformbedürftige Kirche). Kirchesein ohne den Mut und die Entschlossenheit zur Erneuerung widerspricht dem Selbstverständnis des Christseins.

Über welche Reformen berät die evangelische Kirche?

Die evangelische Kirche hat mit den „11 Leitsätzen für eine aufgeschlossene Kirche“ einen neuen Reformprozess angestoßen. Ökumene spielt dabei eine entscheidende Rolle, die Vergewisserung der Kernbotschaft christlicher Identität ebenso. Es geht auch darum, Verkrustungen einer Institution aufzubrechen.

Die Evangelische Kirche von Westfalen geht mit der Einführung Interprofessioneller Teams in der Gemeindepastoral neue Wege, die auch für andere Landeskirchen inspirierend sein mögen. Dabei werden die Professionen von Theologinnen und Theologen, Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusikern, Diakoninnen und Diakonen, Gemeindeschwestern, Gemeindepädagogen, Verwaltungsmitarbeitern und Ehrenamtlichen vor Ort im Sinn von 1 Kor 12,4 („Es gibt verschiedene Gnadengaben, aber nur den einen Geist“) zum gemeinsamen Gewinn für die Gemeindepastoral.

Wie bewerten Sie den katholischen Reformprozess?

Die katholische Kirche in Deutschland befindet sich mit dem Synodalen Weg mit seinen vier Foren in einem intensiven Reformprozess. Eine Vielzahl hochgeschätzter Papiere und Dokumente liegt vor. An theologischen Argumenten mangelt es nicht. Es bedarf aber wohl des Mutes, neue Wege wirklich zu gehen und dabei Erfahrungen zu sammeln. Eine Reformation im Wortsinn tut für die katholische Kirche not. Eine Reformation in ihren historischen Konsequenzen, die in Kriegen eine Vielzahl von Opfern gefordert hat und in eine Vielzahl von Spaltungen führte, gilt es zu verhindern.

Ökumenische Verbundenheit ist heute für viele selbstverständlich. Wozu braucht es immer wieder ökumenische Impulse?

Esther Brünenberg-Bußwolder
Die katholische Theologin Esther Brünenberg-Bußwolder arbeitet für den Evangelischen Kirchenkreis Steinfurt-Coesfeld-Borken. | Foto: privat

In der Praxis des gelebten Christseins ist ökumenisch verantwortetes Handeln am Nächsten in sozial-karitativen und diakonischen Kontexten weit verbreitet. Und doch kann man sich oftmals des Eindrucks nicht erwehren, dass die Kirchen, jede auf ihre Weise, und nicht nur die Kirchenleitungen, sondern gerade auch ihre aktiven Mitglieder an der Basis, stark die eigene Konfession betonen und damit – sagen wir es positiv – Fragen der Identität des Eigenen berühren.

Genau hier wollen wir mit unserer Veranstaltung am Reformationstag ansetzen und die christliche Identität aus der Mitte ihres Selbstverständnisses her reflektieren und fragen, welche Freiheit wir als Christen gewinnen, wenn wir weder von Religion noch von Institution, sondern vom Potential des Glaubens an den einen Gott am Beispiel des Lebens Jesu denken und unser Christsein in all seinen Facetten und Ausprägungen davon leiten lassen.

Sie werden das Thema „Abendmahl und Eucharistie“ aufgreifen. Wo sehen Sie Chancen, dass die hohe evangelische und katholische Theologie in dieser Frage eine klärende Einigung erzielt?

Theologisch gesehen gibt es mit dem Taufsakrament ein entscheidendes verbindendes Element aller Christen untereinander. Seit 2007 besteht eine wechselseitige Anerkennung der Taufe unter den Konfessionen. Dieses Argument ist auch die Grundlage für das Votum „Gemeinsam am Tisch des Herrn“, das vom Ökumenischen Arbeitskreis evangelischer und katholischer Theologen erarbeitet wurde. Seit dem 11. September 2019 ist es der Öffentlichkeit bekannt.

Während es auf Seiten der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) eine starke Würdigung und Anerkennung erfahren hat, stagniert die Diskussion darüber auf Seiten der Deutschen Bischofskonferenz nach einem Votum aus dem Vatikan. Dass wir nach einer Vielzahl von ökumenischen Annäherungen heute nicht gemeinsam Abendmahl feiern, gehört gegenwärtig in einer Christenheit, die sich ihrem Selbstverständnis nach am Leben Jesu Christi orientiert, zu den schmerzlichsten Erfahrungen. Viele Menschen, denen die gemeinsame Mahlfeier Mittelpunkt und Orientierung ihres Christseins ist, leiden unter der Trennung. Die Glaubwürdigkeit einer Kirche, die das Evangelium in die Mitte stellt, wird sich an der Frage nach einer echten Mahlgemeinschaft messen lassen müssen.

Diskutieren möchten Sie auch über Kirchenvisionen jenseits von Gemeinde- und Konfessionszugehörigkeit. Welche Vision von der einen gemeinsamen Kirche haben Sie?

Mir persönlich gefällt das paulinische Bild von den vielfältigen Charismen, die die Gemeinde aufbauen und erhalten. Sie haben mit der Orientierung am Beispiel Jesu eine gemeinsame Ausrichtung. Das paulinische Gleichnis mahnt zugleich, innezuhalten und die Profession eines jeden Charismas als unverzichtbar für die gelebte christliche Gemeinschaft anzuerkennen. Dieses je persönliche Charisma gilt es zu entdecken und anzunehmen. Zugleich liegt darin ein großer Zuspruch für jeden Menschen, der ihn zu einem festen Mitglied der Gemeinschaft macht – mit Würde, Ansehen und einer unverwechselbaren Kompetenz und zugleich Aufgabe.

Eine gemeinsame Kirche sollte ihre Zeit nicht Struktur- und Machtfragen widmen, sondern mit Besonnenheit gemeinsam über die Kompetenzen entscheiden, die für eine verantwortliche Leitung einer großen Gemeinschaft erforderlich sind und dann die Kraft ihres Herzens auf das befreiende Potential ihres Glaubens in den Lebenszusammenhängen ihrer Gläubigen richten.

Was könnte die evangelische Kirche von der katholischen Kirche lernen?

Ich erlebe, dass es da schon einen reichen Schatz gibt, der sicher eine Frucht ökumenischer Begegnung ist. So erlebt das Pilgern, das ursprünglich sehr stark aus der katholischen Tradition kommt, evangelischerseits zurzeit einen enormen Zuspruch. Es bilden sich regelrecht Pilger-Gemeinden. Pilgern versinnbildlicht zwei wesentliche Eigenschaften des Christseins: Auf dem Weg zu sein und eine Gemeinschaft zu bilden. Pilgern ermöglicht eine immense spirituelle Erfahrung.

Viele Menschen suchen das Erfahrbare und die Gemeinschaft im Glauben, die sie in traditionellen Gemeinden nicht mehr finden. Weitere Beispiele sind Exerzitien, Einkehrtage und klösterliches Erleben, das zunehmend evangelischerseits wertgeschätzt wird. Liturgisch ist der katholische Gottesdienst reich an Symbolkraft und spricht den Menschen in einer Vielzahl seines Menschseins an. Hierin könnte auch für den evangelischen Gottesdienst ein Reichtum liegen.

Und natürlich umgekehrt: Welchen Erfahrungsschatz sollte die katholische Kirche von der evangelischen Kirche übernehmen?

Die prägenden Säulen der evangelischen Kirche sind Synodalität, Demokratie und Freiheit. Sie sind nicht nur struktureller Ausdruck der Gestalt der evangelischen Kirche, sondern berühren das Christsein im Innersten. In der Konsequenz des Denkens und des Handelns ermöglichen sie dem Menschen, wie er dem jüdisch-christlichen Menschenbild nach her gedacht wird, die Entfaltung seiner Charismen in der Gemeinschaft der Gläubigen. Diese Säulen werden katholischerseits vielfach als inspirierend erkannt. Sie als tragende Säulen für die Menschen erfahrbar zu machen, wäre für die katholische Kirche ein echter Gewinn.

Unter dem Thema „Christsein in einer reformoffenen Kirche“ laden die evangelische Kirchengemeinde Dülmen und die katholische Gemeinde St. Pankratius in Dülmen-Buldern zu einer „visionären evangelisch-katholischen Veranstaltung“ ein. Das Treffen ist am Reformationstag am 31. Oktober. Beginn ist um 15 Uhr in der Kirche St. Pankratius in Buldern mit einer ökumenischen Andacht. Anschließend werden wahlweise zwei Workshops angeboten: „Abendmahl und Eucharistie“ unter der Leitung der neuen Superintendentin im Kirchenkreis Steinfurt-Coesfeld-Borken, Pfarrerin Susanne Falcke aus Dülmen, und von Pfarrer Ferdinand Hempelmann aus Buldern. Ein zweiter Workshop beschäftigt sich mit Kirchenvisionen jenseits von Gemeinde- und Konfessionszugehörigkeit, der unter anderem von der katholischen Theologin Esther Brünenberg-Bußwolder geleitet wird. Um 19 Uhr ist zum Abschluss eine dialogisch-musikalische Lesung mit Pfarrer Stefan Jürgens aus Ahaus. Anmeldungen zur Veranstaltung nimmt Sarah Raffler, st-bildung(at)ekvw.de, Telefon 02551/14418, entgegen.

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