Neues Buch von Arnold Angenendt aus Münster

Toleranz im Christentum - Überblick eines Kirchengeschichtlers

Wenn Anhänger des Islam ihre angestammte Religion verlassen, müssen sie um ihr Leben fürchten. Viele Muslime weltweit sehen es als religiöse Pflicht an, Konvertiten zu töten. Und wie hat sich die Toleranz im Christentum entwickelt? Wie der Umgang mit Gotteslästerung? Und wie lässt sich der Zorn Gottes besänftigen?

Auf diese Fragen gibt der renommierte Münsteraner Kirchenhistoriker Arnold Angenendt in seinem neuesten Buch Antworten. Der Titel seines Werkes stammt aus dem Matthäus-Evangelium – aus dem Gleichnis vom guten Weizen, in den der Teufel Unkraut sät. Soll man das Unkraut ausreißen?

Wie das Weizen-Unkraut-Gleichnis Toleranz förderte

Nein, sagt Jesus. „Lasst beides wachsen bis zur Ernte“, fordert er seine Jünger auf (Mt 13,30). Mit diesem Appell ist gemeint: Gott selbst ist es, der Ketzer, Häretiker und Abtrünnige verurteilt und bestraft – und nicht der Mensch. Das steht dem Menschen nicht zu, denn auch in Religionsfragen sollte er auf Gewalt verzichten.

Das Weizen-Unkraut-Gleichnis förderte massiv die Toleranz, es zieht sich durch die gesamte Geschichte des Christentums, wie Angenendt deutlich macht: noch bis zur belgischen Revolution von 1831, bis zur deutschen Revolution von 1848, bis hin zur Erklärung über die Religionsfreiheit auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965). Immer wieder ist es zitiert worden.

Im Alten Testament erlaubt und geboten

Schon in seinem großen Werk „Toleranz und Gewalt“, das 2007 erstmals erschien, hat Angenendt hervorgehoben, welche Bedeutung das Weizen-Unkraut-Gleichnis hat. Nun führt der Kirchenhistoriker im Detail an, wie es sich auswirkte in der Antike und im Mittelalter, in der Reformation und im Zeitalter der Aufklärung. 

Dass Menschen andere Menschen wegen eines vermeintlichen Gottesfrevels töten dürfen, wird im Alten Testament erlaubt, ja geboten – das Neue Testament nimmt Abstand davon. Der Apostel Paulus verweist auf das Jüngste Gericht und schreibt im Korintherbrief: „Richtet also nicht vor der Zeit, wartet bis der Herr kommt.“ 

Augustinus erlaubte drastische Zwangsmaßnahmen

Ähnlich sahen es andere in der frühen Christenheit, etwa Irenäus von Lyon, Tertullian oder Origines. Auch in der byzantinischen Geschichte gab es keinen Fall, in dem gegen einen Ketzer ein Todesurteil ergangen wäre.

Der heilige Augustinus (+ 430) erlaubte dagegen drastische Zwangsmaßnahmen gegen Abweichler. Stets galt dabei jedoch, zuerst mit Belehrung vorzugehen – nicht mit Schrecken. Einen Heiligen Krieg lehnte Augustinus ab.

Päpste erlaubten die Tötung von Muslimen

Päpste im Mittelalter propagierten dagegen die Kreuzzüge und erlaubten die Tötung. Aus ihrer Sicht war das Heilige Land durch muslimische Fremdgläubige verunreinigt und musste durch das Vergießen ihres Blutes wieder entsühnt werden. Kirchenrechtler dieser Zeit sahen die Sache jedoch anders: Sie hielten daran fest, dass jeder Mensch als Geschöpf Gottes anzusehen sei.

Gregor IX. (+1241) billigte als erster Papst die Todesstrafe für hartnäckige Ketzer. Auch der bedeutende Theologe Thomas von Aquin (+1274) erlaubte sie. Die Befürwortung der Ketzer-Vernichtung wirke bei Thomas „erstaunlich“, stellt Angenendt fest. So forderte der Theologe gleichzeitig, strikt dem eigenen Gewissen zu folgen, sogar dem irrenden. Die Reformatoren Martin Luther, Ulrich Zwingli und Johannes Calvin folgten ihm im Toleranz-Verständnis.

Leider ist das Werk, in dem zahlreiche Textstellen von Persönlichkeiten zitiert werden, nicht ganz leicht zu lesen. Das Buch ist im wissenschaftlichen Stil verfasst; es ist voller Substantivierungen und setzt Vorkenntnisse voraus. Abgesehen davon aber handelt es sich um eine detaillierte, informative, differenzierte Überblicks-Darstellung.

Arnold Angenendt, „Lasst beides wachsen bis zur Ernte. Toleranz in der Geschichte des Christentums.“, 243 Seiten, 17,90 €, Aschendorff-Verlag, Münster.