24 Stunden mit Deutschlands "Jugendbischof", der kein Jugendbischof sein will

Weihbischof Wübbe, Bischofs-WhatsApps und der WJT in Lissabon

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Johannes Wübbe ist neben seiner Tätigkeit als Weihbischof und Diözesanadministrator im Bistum Osnabrück auch Vorsitzender der Jugendkommission der Deutschen Bischofskonferenz. Beim Weltjugendtag ist er mit den Jugendlichen aus seinem Bistum in Lissabon. Dort spricht er aber auch für die Bischofskonferenz. Katechesen, Formate wie „Ask the Bishop” und Medienanfragen: Wie verbringt der Bischof seine Zeit in der portugiesischen Hauptstadt? Kirche-und-Leben.de hat ihn begleitet.

Dienstagnachmittag unter Palmenzweigen im Garten des Goethe-Institutes in Lissabon. Während des Weltjugendtags ist hier das deutsche Pilgerzentrum untergebracht. Junge Menschen liegen erschöpft auf der Wiese, lecken an ihrem Wassereis und sitzen unter Sonnenschirmen mit einem Kaffee oder einem Wasser in der Hand. In einer Ecke des Gartens stehen Stühle in einem Kreis aufgereiht. Dort sitzt gerade niemand. Eben erst endete in dieser Ecke eine kontroverse Fragerunde mit dem Kölner Weihbischof Dominikus Schwaderlapp.

Vor fünf Minuten sollte hier das gleiche Format, und zwar „Ask the Bishop“ – Jugendliche fragen, Bischöfe antworten, mit Johannes Wübbe starten. „Findet das hier wirklich statt?“, fragen sich die wenigen jungen Menschen vor dem Stuhlkreis. Dann kommt er. Mit dem Rucksack auf der linken Schulter läuft er auf die sieben jungen Menschen zu, die sich schon mal hingesetzt haben. Er sucht den Kontakt zu Pilgern aus dem Bistum Hildesheim. Er siezt sie. Lang hält das Gespräch nicht an. Wübbe setzt sich etwas abseits wartend, in der Hoffnung, dass noch Einige dazukommen.

Jugendbischof? Anmaßender Titel, sagt Wübbe

Vorstellungsrunde. Jugendbischof möchte er nicht genannt werden. Das finde er anmaßend. Er ist Vorsitzender der Jugendkommission, spricht in ein Mikrofon, dessen Kabel er um seine Hand gestreift hat.

Die jungen Menschen mit ihren bunten Shirts mit Messdiener-, Verbands- und Weltjugendtagslogos können hier alle Fragen stellen. Los geht es sofort mit der großen Kirchenpolitik. Ein Teilnehmer fragt, wie es ist, an Gott zu glauben und gleichzeitig am Synodalen Weg mitgewirkt zu haben.

Argumentieren aus Erfahrung

„Kirche kann nicht so bleiben, wie sie ist. Sie muss sich verändern“, antwortet Wübbe und geht in weiteren Minuten ausführlicher auf die Frage ein. „Aber wie politisch darf oder sollte Kirche sein?”, fragt eine Teilnehmerin etwas leise, ohne Mikrofon. „Kirche muss sich verändern”, sagt Wübbe. "Von daher ist Kirche auch politisch.“

Diskussion im Garten des Goethe-Instituts in Lissabon. | Foto: Paul Hintzke
Diskussion im Garten des Goethe-Instituts in Lissabon. | Foto: Paul Hintzke

Es ist ein konstruktiver Dialog, bei dem Wübbe lange Antworten auf kurze Fragen parat hat. Seine Ideen versucht er konkret darzustellen. Er bringt zum Beispiel die große Osnabrücker Wallfahrt nach Telgte ins Spiel und geht auf die Marienverehrung dort ein – er spricht aus Erfahrung.

Ein Teilnehmer wirft den Priestermangel ins Fragenkarussell. Hat Wübbe eine Lösung? „Das ist eine Realität. Wir brauchen Modelle, die Leitungskonzepte ohne Priester zulassen“, sagt er den nicht mehr als 20 Personen. Bei Schwaderlapp waren es 50.

Regenbogenfahnen an Kirchen?

Es sind auch provokante Fragen, die dem Weihbischof gestellt werden. Manchmal auch einfach nur Anmerkungen auf seine Antworten. Dass die gut informierten Zuhörer nicht alle einer Meinung sind, wird bei einer Wortmeldung deutlich. „Wenn an einem Kirchturm eine Regenbogenflagge hängt, heißt das noch lange nicht, dass in der Kirche ein anderer Gottesdienst gefeiert wird.“ Eine entrüstete Teilnehmerin unterbricht sie: „Was willst du damit sagen?“ Sie scheint überhaupt nicht einverstanden zu sein, dass hier über LGBTQ-Themen debattiert wird.

Wübbe geht auf die beiden Eindrücke ein. Beide Beine verschränkt er nach hinten, unter den Stuhl. Er wirkt ruhig. Das strahlt auch auf die Diskussion ab. „Es ist nicht so einfach zu sagen, dass es nur Mann und Frau geben kann. Alle sind ein Geschöpf Gottes, alle haben die gleiche Würde.“ Mit einer Frage der Moderatorin endet der Dialog. Sie fragt, wie der Weihbischof damals Priester geworden ist. Die Frage wirkt ablenkend in dieser Runde angesichts der Brisanz der vorherigen kirchenpolitischen Fragen.

Synodaler Weg und Kirchenspaltung

Die vorangegangenen Antworten Wübbes haben sich die Zuhörer genau gemerkt. Und sie wollen Nachfragen stellen. Nicht im Stuhlkreis mit Blick auf die Dächer Lissabons, sondern im direkten Gespräch. Und so bedeutet dies für Wübbe, dass er sich noch fast eine weitere Stunde der Diskussion in noch kleinerer Runde stellt. Aber erstmal Selfies.

Vier Personen sind es, die sich zu einer Traube mit Wübbe zusammengeschlossen haben. Ein Pilger der Emmanuel-Gemeinschaft bringt Besorgnis und wenig Begeisterung für Wübbes Haltung zum Ausdruck: „Mir würde es schwer wehtun, wenn wir uns von der Weltkirche abspalten wollen. Ich habe den Eindruck, dass die Antworten aus Rom zum Synodalen Weg von den deutschen Bischöfen ignoriert werden."

Weihbischof Wübbe unterhält sich mit Priester Lukas Mey. | Foto: Paul Hintzke
Weihbischof Wübbe unterhält sich mit Priester Lukas Mey. | Foto: Paul Hintzke

Den Tränen nahe

Die Diskussion zwischen Teilnehmern und Bischof ist wohlwollend, aber durchaus emotional. Und so führt sie dazu, dass eine Teilnehmerin aus dem Bistum Hildesheim den Tränen nahe ist. Sie erwidert dem Emmanuel-Anhänger: „Ich muss sagen, dass ich nicht weiß, wie lange ich es noch in der katholischen Kirche aushalte."

Wübbe greift moderierend ein, er will die Diskussion mit zwei Positionen, die so gar nicht zusammenpassen, am Leben halten. Aber er nimmt auch eine eigene Haltung ein: Niemandem dürfe das Christsein abgesprochen werden. Und gibt Einblicke: „Ich fand es nicht gut, wie die Kardinäle aus Rom mit uns umgegangen sind."

FC Bayern, gut bei Firmungen

Mittwoch, der nächste Tag: Um acht Uhr treffen sich die Bischöfe im Eingang eines Hotels mitten in der hügeligen Innenstadt Lissabons. Darunter auch Weihbischof Johannes Wübbe. Er duzt sich mit den meisten seiner Kollegen. Noch sind nicht alle anwesend. Trotzdem sagt eine Mitarbeiterin der Deutschen Bischofskonferenz: „Schön, dass sie alle pünktlich da sind.“ Sie hat mehrere Taxis für die Bischöfe bestellt.

Gemeinsam mit dem Dresdener Bischof Heinrich Timmerevers fährt Wübbe zu einer Katechese in einen Vorort Lissabons. Welcher Fußballfan Wübbe ist? „Natürlich Osnabrück. Aber auch Meppen.“ Später fügt er hinzu: „Auch Bayern München, wenn man auf Bundesligaebene schaut.“ Das sei immer gut bei Firmungen, wenn er gefragt werde, welcher Fußballfan er sei. Da gehe immer die Hälfte der Daumen nach oben.

WhatsApp-Gruppe für Bischöfe?

Angekommen in einer der vielen Kirchen der portugiesischen Hauptstadt. Heute hält Bischof Timmerevers die Katechese. Johannes Wübbe ist stiller Zuhörer. Immer wieder blickt er auf sein Handy. Ob die Bischöfe eine gemeinsame WhatsApp-Gruppe haben? „Nee, einige Bischöfe haben zwar WhatsApp, aber eine Gruppe haben wir nicht.“

Für Wübbe ist es bereits der siebte Weltjugendtag. „Wenn das Leitungsteam Hilfe braucht, habe ich immer ein offenes Ohr.“ Viele jetzt erwachsene Leiter kenne er noch aus seiner Zeit als Jugendpfarrer. Welche Art junger Menschen fährt eigentlich zum Weltjugendtag?  Es gebe Menschen, die eine große Verbindung zur Kirche und zu ihrem Glauben haben. Andere fänden einfach Lissabon schön und führen deshalb mit.

„Oh, Vanillebrötchen!“

Der Vormittag ist geprägt von einem unerwartet freien Programm. Einem Auf- und Abgehen. Weniger ernsten Gesprächen, vielen Lachern. Die Katechese fängt aufgrund nur allmählich eintreffender Teilnehmer später an. „Was hast du denn da?“, fragt Wübbe einen Jugendlichen mit einer weißen Brötchentüte. „Oh, Vanillebrötchen!“

Der Osnabrücker Weihbischof sitzt in einem Seitenschiff der Kirche, die einer Lagerhalle ähnelt. Mit seinem Handy versucht er, den QR-Code seiner Bischofs-Akkreditierung zu scannen. Es funktioniert nicht. Eine Fehlermeldung. Und ein Stirnrunzeln. Wie bei so vielen Pilgern hier in Lissabon.

Am Nachmittag hat Wübbe volles Programm: Ein Mittagessen mit Teamern, ein Interview für RTL und ein Empfang am Abend. Wenn er dann gefragt wird, welcher Fußball-Fan er ist, dann nennt er den FC Bayern. Da kann er immer bei irgendwem punkten.