Christiane und Erhard Holze und der Tod ihres Sohnes Tilman

Wie aus lähmendem Leid eine Stiftung für Suchtkranke wurde

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Der Tod ihres ältesten Sohns und Bruders Tilman an einer Überdosis Drogen lähmte die Familie Holze aus Münster lange. Von Beginn an wuchs aber die Idee, dem Erlebten einen Sinn zu geben. Seit 2020 gibt es die Tilman-Holze-Stiftung.

Der Moment hat etwas Unwirkliches. Etwas entsetzlich Lähmendes, Erdrückendes, Grausames – und doch liegt in dem Augenblick auch etwas Neues, das aber viel später erst einen Sinn offenbaren soll: Als Christiane und Erhard Holze an jenem Märztag 2017 bei einer Tasse Kaffee im Garten ihres Reihenhauses in Münster sitzen, hat die Frühlingsonne das erste Mal die Kälte des Winters überwunden. Die Wärme aber kommt bei ihnen nicht an. Zu betäubt sind sie von den Ereignissen der vergangenen Tage. Ihr 24-jähriger Sohn Tilman ist an einer Überdosis Opiate gestorben, seine Beerdigung steht bevor.

„Die Idee ist damals zu uns gekommen, wir haben sie nicht bewusst gesucht“, sagt die Mutter. „Alles war noch undeutlich und vage, der Schmerz viel zu groß.“ Das immense Leid aber wirkte auch wie ein Impuls, dem Geschehenen irgendwie aktiv entgegentreten zu können. „Damals fehlte uns noch die Kraft und das Vorstellungsvermögen, was daraus werden sollte.“

Drei Jahre später aber war daraus Konkretes geworden. Die Eltern gründeten die Tilman-Holze-Stiftung. Mit dem Ziel, gemeinnützige Projekte im Bereich der Sucht- und Drogenberatung, der Prävention und Therapie zu unterstützen.

Abgründe der Suchterkrankung

Sie wären nie auf die Idee dieser Stiftung gekommen, wenn ihr Lebensweg sie nicht mit aller Härte unmittelbar an die Abgründe von Suchterkrankungen geführt hätte. Da sind sie sich sicher. „Wir haben in Welten geschaut, in die wir niemals hätten schauen wollen“, sagt Christiane Holze. „Das Zerstörerische, das Hoffnungslose, das Brutale dieser Lebenswelt hätte uns nie erreicht.“

Wenn sie von den acht Jahren erzählen, in denen sie als Familie gemeinsam mit den beiden jüngeren Söhnen mit und für Tilman gekämpft haben, kostet sie das immer noch viel Kraft. Kleine Redepausen, das Taschentuch gegen die Tränen und der oft gedankenversunkene Blick aus dem Wohnzimmerfenster zeigen das.

Die Erinnerungen an die vielen Höhen und Tiefen, an die Mut machenden Momente, die von großen Enttäuschungen abgelöst wurden, hatten Spuren hinterlassen, die nie verwischen werden. Die 62-jährige Schulpfarrerin und der 63-jährige Dozent an der Evangelisch-Theologischen Fakultät in Münster sind beide gesundheitlich angeschlagen.

Abenteuerlustig, kindlich

„Er war sechzehn, als er mit Drogen in Berührung kam“, sagt sein Vater. „Er“, der große Bruder, der lange Schlacks mit der großen Abenteuerlust, mit seinen damals noch kindlichen Gesichtszügen. „Es war Cannabis, wir haben lange nichts davon mitbekommen.“ Sein ältester Sohn war jemand, der ausprobierte, der neugierig war, der Neues versuchen wollte. „Und genau das tat er auch bei den Drogen – das war das Fatale.“

Vielleicht war es auch fatal, dass den Teenager die Drogen nicht sofort komplett aus der Bahn warfen. Er begann den klassischen Weg in die Sucht – langsam, unauffällig, heimlich. Er lebte sein Leben weiter, ging zur Schule, hatte einen großen Freundeskreis, auch als die Sucht ihn zu immer härteren Rauschgiften trieb.

„Er erklärte sich das alles wie ein Experte, wie ein Experiment“, beschreibt Christiane Holze die Entwicklung. „Und hat dabei den Zeitpunkt nicht bemerkt, als ihn die Stoffe zu beherrschen begannen.“

Ein dauerhafter Ausnahmezustand

Natürlich konnte er daheim die Abhängigkeit irgendwann nicht mehr verbergen. Schock, Wut und Vorwürfe waren die Folge. In der Familie entwickelte sich ein dauerhafter Ausnahmezustand zwischen Diskussionen, Ängsten und Verzweiflung. Mal rauften sie sich zusammen, mal war er einfach für ein paar Tage verschwunden, mal schien Normalität einzukehren, dann gab es neue Abstürze.

Darin steckte immer auch ein Schrei nach Liebe, ist seine Mutter sicher. Nach jener Liebe, mit der ihn seine Eltern immer wieder in die Arme nahmen – egal was wieder passiert war.

„Es war sein Herzenswunsch, von uns bedingungslos geliebt zu werden, auch mit seinem Drogenkonsum.“ Ein Satz von Tilman ist den Eltern dazu in Erinnerung geblieben. Bei einer der vielen Diskussion sprang der Zwei-Meter-Sohn von der Wohnzimmercouch auf und stampfte trotzig mit den Füßen: „Verdammt noch mal! Das einzige Problem mit meinen Drogen ist, dass ihr damit ein Problem habt.“

Die Talsohle erreicht

Tilman schaffte es lange Zeit, seinen Lebensweg trotz Suchterkrankung weiterzugehen. Er studierte zwei Semester Psychologie in den Niederlanden, absolvierte danach mit großem Ehrgeiz in Rekordzeit eine kaufmännische Ausbildung, zog in eine eigene Wohnung.

Er konnte sich begeistern, mit viel Energie Dinge angehen, Ziele erreichen. Das Ziel, von den Drogen loszukommen, hatte er sich bis dahin nie wirklich gestellt. Bis zu jener Talsohle, die jeder Suchtkranke irgendwann erreicht. Ein Punkt, an dem er spürt, dass nichts mehr geht.

„Das war 2016 – wir kamen gerade aus dem Urlaub und ich rief ihn an“, erinnert sich seine Mutter. „Er fing an zu weinen und fragte mich, ob er zu uns kommen könne.“ Die Erinnerungen von Christiane Holze daran sind sehr klar. Das ist ihren Augen jetzt anzusehen. „Ein erschütternder und gleichzeitig schöner Moment.“ Ihr Sohn lag völlig am Boden. Und suchte in dieser Situation den Halt seiner Familie.

Ein um Jahre gealtertes Skelett

Auch die Erinnerungen seines Vaters an diesen Tag sind intensiv. „Er stand vor mir und sagte, dass er nicht mehr könne – abgemagert, wie ein Skelett, um Jahre gealtert…“ Erhard Holze weiß noch genau, welches Gebet er damals zu sich sprach: „Lieber Gott, gut dass er zu dieser Erkenntnis gekommen ist und jetzt hier bei uns ist.“

Es begann ein gemeinsamer Weg zu Ärzten, Therapien, Entzügen. Seine Familie unterstützte Tilman, so gut es ihr möglich war und soweit ihre Kräfte reichten. „Wir konnten uns vorher kaum vorstellen, wie hart diese Schritte sind“, sagt die Mutter.

Der Suchtdruck konnte nicht einfach so abgestellt werden. Rückfälle und Enttäuschungen waren erwartbar. In der Entzugsklinik, aus der er mit viel Stolz über die erreichte Entgiftung zurückkehrte, hatte er sich bereits starke Opiate für die Zeit danach besorgt. Das zeigte die ganze Zerrissenheit des Suchtkranken.

Beim dritten Mal kamen sie zu spät

Eine Situation, in der es eine durchgängige medizinische Betreuung gebraucht hätte, sagen seine Eltern. Doch die gab es für Tilman nicht. „Nach der Entgiftung hätte er sofort intensiv psychotherapeutisch betreut werden müssen.“ Die Eltern formulieren den Vorwurf laut und voller Bitterkeit. „Das ist aber im Gesundheitssystem nicht so vorgesehen – eine dreimonatige Wartezeit verhindert das.“

In dieser Zeit fand seine Familie Tilman mit einer zu hohen Dosis an Opiaten zwei Mal bewusstlos in seinem Zimmer. Zwei Mal Atemstillstand, zwei Mal holte ihn sein jüngerer Bruder schüttelnd und ohrfeigend wieder ins Leben. Beim dritten Mal kam die Hilfe zu spät. Tilman starb am 19. März 2017.

„Wer im Sinne Tilmans die Gründung und Arbeit unseres Projektes zur Verbesserung der Therapiemöglichkeiten für drogenabhängige Menschen fördern möchte, kann dieses durch eine Zuwendung auf ein Sonderkonto tun“, stand gut sechs Wochen später auf der Danksagung für die Beileidsbekundungen. Der Impuls von der Kaffee-Pause in der Frühlingssonne war der Grund für diese Worte.

Nach dem großen Schmerz kam wieder Kraft

„Lange Zeit haben wir uns nicht aufraffen können, die Idee weiterzuentwickeln“, sagt Christiane Holze. Das eingehende Geld wurde auf dem Konto geparkt, konkrete Vorstellungen für die Verwendung gab es noch nicht.

Die Eltern mussten zunächst lernen, mit ihrem Schmerz umzugehen, bevor sie Kraft für die nächsten Schritte hatten. Die führten erst 2020 zur Caritas-Gemeinschaftsstiftung für das Bistum Münster. „Ein wirklich toller erster Kontakt“, erinnert sich Erhard Holze. „Sehr sensibel, sehr interessiert, sehr offen.“ Beeindruckt hat ihn, dass damals nicht nur der Sachverständige für die finanziellen Hintergründe am Tisch saß, sondern auch eine Expertin der Caritas für Suchterkrankungen.

Eine schnelle Entwicklung folgte. Noch im gleichen Jahr konnten sie die Tilman-Holze-Stiftung gründen. 15.000 Euro Grundkapital wurden angelegt, bis heute kamen Zustiftungen von etwa 7.000 Euro dazu. Zudem viele Spenden, sodass bereits fünf Projekte mit insgesamt 12.000 Euro unterstützt werden konnten. Patientenzimmer in einer Suchteinrichtung am Niederrhein wurden eingerichtet. Ein Lastenfahrrad für eine Beratungsstelle konnte gekauft werden. Ein Theaterprojekt für Kinder aus suchtbelasteten Familien wurde finanziert.

Sie tun Gutes und fühlen Gutes

Was den Holzes aber genauso ans Herz gewachsen ist, sind ihre Präventionsveranstaltungen, zumeist an Schulen. Erhard Holze erzählt dort ihre Geschichte. „Die Schüler hören dann ungefiltert vom Grauen einer Drogensucht.“ Authentisch, unmittelbar – das hinterlässt Spuren bei den jungen Menschen und soll auf deren eigenem Lebensweg helfen.

Christiane und Erhard Holze haben bemerkt, dass ihr Engagement auch ihnen hilft. „Das war kein Ziel, wir haben die Stiftung nicht als Therapie für uns gegründet.“ Sie spüren aber, wie wohltuend ihr Einsatz für sie selbst ist.

Der Name des Sohnes bleibt im Tun erhalten

Der Name von Tilman ist bekannt, sein Schicksal hat weiterhin einen Platz in der Öffentlichkeit. „So bleibt er nicht nur in der Liebe, sondern auch im konkreten täglichen Tun“, sagt sein Vater.

Das hat Strahlkraft, nicht nur für sie. Vor einiger Zeit rief eine Mutter an, die mit ihrem Sohn Ähnliches erleben musste. „Wir telefonierten lange, sie erzählte mir ihre Geschichte“, erinnert sich Christiane Holze. „Seit zehn Jahren hatte sie nicht darüber geredet – unser Einsatz hat ihr Leiden für sie aussprechbar gemacht.“ Sprachfähig in der Katastrophe – die Tilman-Holze-Stiftung hilft auf vielen Wegen.

Informationsveranstaltung zu Vererben und Stiften
Die Caritas-Gemeinschaftsstiftung für das Bistum Münster und die Liudger-Stiftung laden am 24. November in die Räume des Diözesan-Caritasverbands am Kardinal-von-Galen-Ring 45 zur Veranstaltung „Erben – Vererben – Stiften“ ein. Es gibt Informationen zu unterschiedlichen Themen wie etwa das Verfassen eines Testaments oder einer Vorsorgevollmacht. Auch Möglichkeiten zur Gründung einer Stiftung werden vorgestellt. Anmeldeschluss für die kostenlose Veranstaltung ist der 10. November – bei Rebecca Karbach, Tel. 0251/8901-262, oder per Mail karbach(at)caritas-muenster.de. Weitere Informationen: www.caritas-muenster.de