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Die Tilman-Holze-Stiftung und Christiane und Erhard Holze

Warum ein evangelisches Pfarrerehepaar Suchtkranken helfen möchte

  • Christiane und Erhard Holze haben eine Stiftung gegründet. Sie trägt den Namen ihres Sohnes Tilman.
  • Der Fond unter dem Dach des Diözesan-Caritasverbandes Münster soll die Beratung, Prävention und Therapie von Suchtkranken stärken. Zunächst in Münster, wo das evangelische Pfarrerehepaar lebt.
  • Am Herzen liegt den beiden, Lücken im vorhandenen Hilfesystem zu schließen und vor allem ein „Nahtlos-Konzept“ für Betroffene aufzubauen.
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24 Jahre alt ist Tilman Holze geworden. Noch an seinem Todestag suchte er Hilfe bei einer Spezialklinik in Münster. Die sah sich aber nicht in der Lage, Tilman sofort aufzunehmen und versorgte ihn stattdessen mit den Adressen zweier Tageskliniken in Köln. Zwischen einer Entgiftung und einer Anschlussbehandlungen müssen drei suchtfreie Monate liegen, beschreiben Tilmans Eltern die Gründe. „Eine fürchterliche Lücke im Therapie-System, die Tilman zum Verhängnis wurde“, sagt Christiane Holze.  

Tilman hatte gerade eine dreiwöchige Entgiftung hinter sich, wurde mit Ersatzmitteln substituiert und wohnte zuhause. Sein Suchtdruck stieg von Tag zu Tag. „Ich brauche eine feste Therapiegruppe“, hatte er seinen Eltern erklärt. Genau diese Unterstützung hatte er sich auch am 19. März 2017 in der Spezialklinik erhofft. Nach der Absage ging Tilman auf sein Zimmer. Kurz darauf hörte sein Vater einen Aufprall. Erhard Holze findet seinen Sohn am Boden – tot. Tilman hatte eine Überdosis genommen.

„Drei Mehlstäubchen davon sind tödlich“

„Schon als kleines Kind guckten ihn alle an, wenn er den Raum betrat“, beschreibt Christiane Holze ihren charismatischen Sohn. Mutig, aufgeschlossen, neugierig, sprachgewandt sei er gewesen. Ein Impulsgeber mit vielen Ideen. Erhard Holze erinnert sich lebhaft an den 16. Geburtstag von Tilman, den Ältesten seiner drei Söhne. Damals habe er seiner Frau gesagt: „Wir haben großes Glück. Unser Erster ist durch die Pubertät. Alle Horrormeldungen haben auf uns nicht zugetroffen.“

Kurz darauf kommt Tilman durch einen Mitschüler in Kontakt mit Marihuana. Bei Gras blieb es nicht. Er nahm LSD, Opiate, Fentanyl, das man als Schmerzmittel in der Tiermedizin einsetzt. Letzteres bezog es aus dem Darknet. „Drei Mehlstäubchen können für einen nicht-abhängigen Menschen tödlich sein“, sagt Christiane Holze.

Acht Höllenjahre

Tilman rutsche tief in die Abhängigkeit von multiplen Suchtmitteln. „Macht euch keine Sorgen, die Mittel heben sich gegenseitig auf“, erklärte er der Familie. „Acht Jahre gingen wir und unsere beiden anderen Söhne durch die Hölle“, sagt die Mutter. „Es war zu spät, bis Tilman selbst verstand, wie süchtig er ist.“

Was hätte aus ihm werden können? Musiker, Künstler, Psychologe, mutmaßen die Eltern. Wegen der Sucht brach er das Studium, wurde Kaufmann. „Er hat viel gearbeitet, war massiv verschuldet.“ Ein Trost ist den Eltern, dass ihr Sohn nie in die Illegalität abrutschte.

Keine Therapie-Lücken durch ein „Nahtlos-Konzept“

Schließlich konnte auch Tilman nicht mehr. Doch die Wege, die er bereit war zu nutzen, waren eng und voller Hindernisse. Einmal schaffte es die Mutter, ihren Sohn in eine Klinik zu bringen. Tilman übergab sich vor Aufregung. Da der Neurologe einen Norovirus vermutete, wurde die Aufnahme auf den kommenden Montag verschoben. Da wollte Tilman nicht mehr.

Kurz vor seinem Tod ging er schließlich in die Entgiftung. Nach den drei Wochen versuchte das Ehepaar alles, um für ihren Sohn eine weitere Begleitung zu finden. Vergeblich. „Die Psychiater waren überlaufen, die Therapieplätze begrenzt.“ Das wollen die beiden Stifter ändern. „Wir brauchen einen psychosozialen Arbeitskreis Sucht, in dem Mediziner, Polizei, Justiz und Drogenberatung zusammenarbeiten“, sagt Erhard Holze. Die Einrichtungen müssten ein „Nahtlos-Konzept“ ohne Therapie-Lücken entwickeln.

Die Stifter wollen anderen Betroffenen helfen

Die Trauerbekundungen nach Tilmans Tod waren überwältigend. Christiane Holze ist Schulseelsorgerin am Annette-Gymnasium in Münster, Erhard Holze arbeitet an der evangelisch-theologischen Fakultät der Universität. Schon mit ihrem Dankschreiben an die Trauergemeinschaft war den Eheleuten klar, dass sie eine Stiftung gründen wollen. 2020 haben sie den Plan umgesetzt und im Caritasverband im Bistums Münster „den idealen Partner“ dafür gefunden. „Normalerweise braucht man viel Geld für eine Gründung, unter dem Dach der Caritas können auch Menschen mit einem normalen Budget ihre Ideen umsetzen“, sagt der Vater.

Die 59-Jährige Christiane Holze trägt weiterhin Schwarz. Ihr Mann hat die Trauerkleidung abgelegt. Der 60-Jährige fühlt den Sohn in seinem zerbrochenen Herzen. Zuvor kardiologisch völlig gesund, hat er nach Tilmans Tod einen Herzinfarkt erlitten. Die Stifter wünschen sich, dass betroffene Familien mit dem Thema Sucht offen umgehen. „Auch wir haben lange die Unwahrheit gelebt und geschwiegen, in der Hoffnung, unserem Sohn nicht die Zukunft zu verbauen“, sagt die Mutter.

Mehr Informationen zu der Stiftung sind bei der Caritas Münster erhältlich.

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