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Interreligiöse Radtour durch Münster betont Gemeinsamkeiten

Wie Juden, Muslime und Christen zusammen die Schöpfung bewahren können

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Was können Juden, Muslime und Christen gemeinsam zum Schutz der Schöpfung beitragen? Sehr viel – das ist den Teilnehmenden einer interreligiösen Fahrradtour durch Münster bewusst geworden. Da störte selbst der eine oder andere Regenschauer nicht.

Dunkle, schwere Regenwolken türmen sich über dem Botanischen Garten in Münster auf, lassen die wenigen Sonnenstrahlen verschwinden, die sich keck ihren Weg durch das Grau-Schwarz des Himmels gebahnt hatten. Beinahe Weltuntergangsstimmung. Als die 20-köpfige Gruppe sich aufmacht, den Garten zu betreten, fallen die ersten Regentropfen. Und auch wenn die Wetter-Apps bei jedem Blick ein anderes Wetter prognostiziert hatten, von Sonnenschein bis Gewitter war alles dabei, sind alle gut präpariert. Stoisch setzen sie sich die Kapuzen ihrer bunten Regenjacken auf. „So ist es richtig“, freut sich Rainer Hagencord über die Gelassenheit der Gruppe. „Echte Münsteraner lassen sich von so ein paar Regentropfen doch nicht aufhalten.“

Das Münsteraner Institut für Theologische Zoologie und das Abrahamische Forum in Deutschland haben unter dem Motto „ARCHEtypen der ARTENvielfalt – Eine interreligiöse Radtour zum Artenschutz“ veranstaltet. Die Tour war gleichzeitig die Auftaktveranstaltung des Forums zu den diesjährigen Religiösen Naturschutztagen, in denen sich Religionsgemeinschaften zusammen mit Naturschutzverbänden für den Erhalt der Umwelt starkmachen.

Was Menschen und Eichen gemeinsam haben

„Beide Disziplinen gehören zusammen: Der Blick auf die Natur mit möglichst viel fachwissenschaftlicher Expertise und eine Theologie, die über den Tellerrand hinausschaut“, erklärt Hagencord die auf den ersten Blick ungleiche Paarung. „Und ich finde, dass wir mit unserer interreligiösen Radtour eine tolle Kombination aus Bewegung und geistigem Input hinbekommen haben“, freut sich die jüdische Theologin und Agrarwissenschaftlerin Deborah Williger, die Teil des Teams ist. Die Teilnehmenden machen mit ihren Rädern auf der 9,3 Kilometer langen Strecke Station an Glaubensorten wie Synagoge, Moschee und Kloster wie auch an unterschiedlichen Gärten und der renaturierten Aa, dem münsterschen Stadtfluss.

Während der Regen stärker wird, erreichen die Teilnehmenden ihr erstes Ziel: die Doppelhelix. Einsam steht sie im ausgeblühten Blumengarten. Ihre zwei Stangen aus Edelstahl winden sich ineinandergreifend geschmeidig nach oben, nur verbunden durch metallische Streben. „Der Augustiner-Mönch Gregor Mendel hat durch Kreuzungsversuche an Erbsen herausgefunden, dass Vererbung nach gewissen Regeln abläuft“, erzählt Rainer Hagencord, Mitinitiator der interreligiösen Radtour und Vorsitzender des Instituts für Theologische Zoologie. „Wussten Sie, dass wir ein Drittel unserer Gene mit der Eiche teilen? Von den Schimpansen ganz zu schweigen“, berichtet er den staunenden Teilnehmenden. „Der Mensch ist ja auch nicht einfach so vom Himmel gefallen.“

Hierarchische Kirche ohne Zukunft

Die britische Verhaltensforscherin Jane Goodall hat im tansanischen Regenwald das Verhalten der Schimpansen erforscht. „Das hat den Blick auf diese Tiere grundlegend verändert. Dass es eben keine tumben Kreaturen sind, sondern ein eigenes Empfinden haben.“ Und Hagencord bricht eine Lanze dafür, ein „archisches Leben zu führen. Wie der biblische Noah auf der Arche zu leben. Mit allen Kreaturen auf Augenhöhe.“ Als Gegenmodell zum hierarchischen System. „Wohin das führt, zeigt gerade die hierarchische Kirche. Die hat nämlich überhaupt keine Zukunft mehr.“

Mit diesem Paukenschlag im Gepäck geht es zurück zu den Fahrrädern. Den Gedanken nachhängend setzt sich die Gruppe über die Promenade, die Fahrradstraße um die Altstadt, in Bewegung. Und sofort tritt ein Phänomen ein, dass bei fast allen Menschen zu beobachten ist, die in Gruppen daherkommen: Sie haben Vorfahrt. Wenn der erste losfährt, folgen alle, komme, was da wolle.

Hebräischer Gesang begeistert

Gegenüber der Synagoge wird der nächste Stopp eingelegt. Es regnet immer noch. „Nicht Herren der Erde sollen wir sein, sondern Hirtinnen und Hirten“, liest Deborah Williger aus der Thora vor. Das bedeute, dass das Erbarmen alles menschliche Handeln durchdringen müsse, um die Welt zu retten. „Wir brauchen eine Umkehr zur radikalen Barmherzigkeit“, ruft sie den Teilnehmenden entgegen. Die Aufforderung nach Erbarmen sei in allen drei monotheistischen Weltreligionen zu finden. „So gibt es im Christentum die Geschichte des barmherzigen Samariters, einer der 99 Namen Allahs lautet Ar-Rahman, was übersetzt der Barmherzige heißt. Und im Judentum gibt es das hebräische Wort rakhamim, was so viel wie Nachfolge Gottes durch Erbarmen bedeutet.“

Plötzlich wird Williger ganz still, holt Atem und beginnt auf Hebräisch einen Teil der Noah-Geschichte in den Regen hinein zu singen. Ihr Gesang erfüllt die Luft, schwebt durch die Straße und zieht alle in ihren Bann. Menschen bleiben mit ihren Samstagseinkäufen in den Händen auf dem Bürgersteig stehen und lauschen ergriffen den ungewohnten Klängen. Nachdem der letzte Ton verklungen ist, dauert es ein wenig, bis sich die Zuhörenden von dem Zauber des Gesangs lösen können. Aber dann fangen sie heftig an zu klatschen.

Endlich interreligiös handeln

Die jüdische Theologin lächelt und erklärt, warum das Konzept der Radtour interreligiös angelegt ist. „Naja, der interreligiöse Dialog ist ja schön und gut. Aber wir müssen langsam auch mal anfangen, interreligiös zu handeln“, bringt sie es kurz und knackig auf den Punkt. „Letztendlich ist die Bewahrung der Schöpfung ja ein gemeinsames Anliegen aller Religionen“, führt Rodin Baltaci, Student der islamischen Theologie, den Gedanken weiter aus. „Wir leben alle in derselben Schöpfung. Also sind wir alle auch verantwortlich dafür.“

Mittlerweile ist die Gruppe an der renaturierten Aa an der Kanalstraße angekommen und erhält eine Einführung ins Jesidentum, einer monotheistischen Religion aus dem Nordirak, die 2.000 Jahre älter ist „und auch die Noah-Geschichte kennt“, erzählt die Studentin Berfin Erdem, die Mitglied des Teams ist und kurdische Wurzeln hat. „Die schwarze Schlange ist uns heilig, weil laut Überlieferung diese Schlange das Schiff Noahs vor dem Untergang bewahrt hat“, berichtet sie der erstaunten Zuhörerschaft. Das Schiff hätte nämlich ein Loch gehabt, das die Schlange mit ihrem Körper verschlossen hätte. „Deswegen findet man an unseren heiligen Stätten das Symbol der schwarzen Schlange.“

Mischung zwischen Gotteshäusern und Gärten

Und als ob die Wendung in der Geschichte nicht schon Überraschung genug gewesen ist, übertrumpft Erdems nächste Aktion die Erwartungen: Sie fordert alle Teilnehmenden auf, still zu werden und einfach nur den Regen auf der Haut wahrzunehmen. So einfach die Methode, so durchschlagend der Erfolg. Der Regen, der bis dato eher störend war, wird plötzlich positiv wahrgenommen, als eine leichte Berührung der Haut. Begeisterte und erstaunte Reaktionen zaubern ein Lächeln auf Erdems Gesicht.

„Wir bekommen oft die Frage gestellt, was Umweltschutz denn mit Religion zu tun hat“, sagt Baltaci, der Student der islamischen Theologie und Teammitglied. „Wir wollen auf dieser Tour zeigen, dass der Glaube Motivation für den Umweltschutz sein kann. Und dass diese Ressource, dieser Aspekt des Glaubens, in Vergessenheit geraten ist.“ Sein Team-Kollege Tobias Isaak, Student der evangelischen Theologie, führt noch einen weiteren Aspekt an. „Zum einen sind wir natürlich zu Orten unterwegs, die aufgrund ihrer Anlage Artenvielfalt ermöglichen, wie der Botanische Garten. Andererseits können aber auch Gebetshäuser Orte für Artenschutz sein. Nur, dass dort der Artenschutz im Kopf anfängt, oder im Herzen.“ Deshalb habe man ja bewusst sechs Orte ausgesucht, die eine gelungene Mischung zwischen Gotteshäusern und Gärten darstellen.

Religionen können wertvolle Impulse geben

Von der Aa geht es weiter zur Arrahman Moschee. Mittlerweile hat der Regen aufgehört und sogar die Sonne lässt sich wieder blicken. Vor Betreten des Gebetsraumes ist Schuhe ausziehen angesagt. „Schließlich betreten wir heiligen Boden“, sagt Rodin Baltaci. Wie selbstverständlich setzt er sich auf einen Stuhl, der vor der Holznische des Vorbeters steht. Die Teilnehmenden setzen sich im Halbkreis um ihn herum. Stille senkt sich über den Raum, bis plötzlich Baltacis Stimme erklingt. Er singt auf Arabisch eine Sure, in der es um den barmherzigen und gnädigen Umgang mit der Natur geht. „Der Mensch ist als Statthalter Gottes auf Erden. Dementsprechend verantwortungsvoll soll er mit ihr umgehen.“ Eine klare Ansage des Theologiestudenten.

„Aus den Religionen können eigentlich wertvolle Impulse in die gesamte Gesellschaft ausgehen“, bricht auch Deborah Williger eine Lanze für die Religionen. „Sie sind eben nicht etwas Verstaubtes, sondern im Gegenteil höchst aktuell. Von ihnen können richtungsweisende Impulse ausgehen. Und die haben wir dringend nötig, angesichts der Sackgasse der Evolution, in der wir uns befinden.“

Religionen können Frieden bringen

„Ich bin total begeistert“, freut sich Gabriele Peus-Bispinck aus Münster. „Ganz besonders waren der Impuls an der renaturierten Aa, die Stille und der Regen. Die Tour war eine super Mischung aus Info und Impuls.“ Gleichzeitig fordert sie, „dass die Menschen stärker erkennen lassen, wofür die Religionen eigentlich gut sind. Nämlich für den Frieden.“ Und der müsse vor Ort anfangen, „bei jedem einzelnen von uns.“

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