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Gast-Kommentar von Holger Zaborowski zum neuen Jahr

Wir brauchen Hoffnungserzählungen – gegen die Angst

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Ein Jahr voller Krisen liegt hinter uns, neue Kriege und Probleme könnte das neue Jahr bringen. Allerdings ist Angst ein schlechter Ratgeber, sagt Holger Zaborowski in seinem Gast-Kommentar.

Der Monat Januar ist nach dem römischen Gott Janus benannt. Dies war der Gott des Endes und des Anfangs. Dementsprechend hatte er ein Doppelgesicht und schaute sowohl zurück als auch nach vorne. Ähnlich verhalten wir uns im Januar. Wir halten Rückschau – auf ein Jahr mit vielen Krisen. Die Corona-Pandemie liegt immer noch nicht hinter uns. Die Gesellschaft zeigt sich zerrissen und gespalten. Weltweit tauchen neuen Konflikte auf. Hungersnöte verschärfen sich. Armut nimmt wieder zu.

Was wird das neue Jahr bringen? Am Rand Europas könnte es einen neuen Krieg geben. Von der Klimakrise und vielen anderen Herausforderungen ganz zu schweigen. Ob wir zurück oder nach vorne schauen, Angst bestimmt unser Denken und Handeln.

Hoffnung als Gegenmittel zur Angst

Der Autor
Holger Zaborowski ist Professor für Philosophie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt. Er wurde in Rees-Haldern geboren und wuchs in Bocholt auf.

Doch ist die Angst ein schlechter Ratgeber. Wir benötigen etwas, das wir der Angst entgegensetzen können. Das Gegenmittel zur Angst ist allerdings nicht einfach der Mut, sondern die Hoffnung. Fehlt uns aber nicht gerade die Hoffnung? Ideen, für die es sich zu leben lohnt? Anliegen, die einen radikalen Einsatz rechtfertigen? Visionen einer menschenfreundlicheren Zukunft?

Gewiss, man kann falsche Hoffnungen hegen oder zu viel Hoffnung haben und dadurch den Blick für die Wirklichkeit, für das Mögliche und Machbare verlieren. Doch kommen wir ohne Erzählungen, die uns hoffen lassen, ohne Hoffnungsgründe nicht aus. Wir würden zunehmend gelähmt sein und, wenn überhaupt, lustlos nur noch das Allernötigste tun.

Idee eines „praise storm“ für das Positive

Es gibt die großen Hoffnungserzählungen im Christentum und anderen Religionen. Gerade religiöse Hoffnung kann auch die Welt zu einem besseren Ort machen. Es gibt auch säkulare Varianten, die sich etwa im Gedanken einer allen Menschen eigenen Würde zeigen. Aber es gibt auch die kleinen Geschichten, die uns hoffen lassen. In ihnen zeigen sich Beispiele der Nächs­tenliebe, Solidarität und Selbstlosigkeit.

Im Rückblick auf ein Jahr oder wenn wir in die Zukunft blicken, übersehen wir diese oft. Vieles von dem, was uns hoffen lässt, macht nämlich selten Schlagzeilen und geschieht im Verborgenen.

Es gibt einen „shit storm“, also eine massenhafte Kritik an jemand oder etwas. Müsste es nicht manchmal auch einen „praise storm“ geben, also von vielen Menschen ausgesprochenes und geteiltes Lob für eine Person oder eine Sache? Würde dann das Positive nicht eine eigene Dynamik entwickeln? Wäre das zu viel der Hoffnung?

Die Positionen der Gast-Kommentare spiegeln nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von „Kirche-und-Leben.de“ wider.

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