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Interview mit der Chefärztin des Caritas-Baby-Hospitals in Bethlehem

Ärztin: Menschen im Westjordanland sind am Ende ihrer Kräfte

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Dr. Hiyam Marzouqa ist Chefärztin des Caritas-Baby-Hospitals in Bethlehem. Es ist das einzige Krankenhaus im Westjordanland, das ausschließlich Kinder behandelt. Die Katholikin hat in Würzburg Medizin studiert, ist verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne. Sie lebt im Westjordanland auf palästinensischem Gebiet. Im Interview mit „Kirche-und-Leben.de“ berichtet sie, wie sie die aktuelle Eskalation erlebt.

Frau Marzouqa, wie nehmen Sie die aktuelle Situation im Heiligen Land wahr?

Die Stimmung im Westjordanland ist sehr angespannt und gleichzeitig sehr deprimierend. Ich erlebe die Menschen am Ende ihrer Kräfte. Alle hatten gehofft, dass sich nach der langen Zeit, die von Corona-Restriktionen geprägt war, der Alltag wieder etwas normalisiert, dass man miteinander Feste feiert, sich als Familie trifft, der Lebensmut wieder steigt. Besonders hatten sich alle darauf gefreut, dass endlich auch wieder Touristen ins Land kommen und die Menschen hier Arbeit haben. Aber das ist in weite Ferne gerückt.

Was bekommen Sie davon in Bethlehem mit?

In Bethlehem ist es momentan relativ ruhig. Es gibt, was hier nicht ungewöhnlich ist, kleinere, lokal begrenzte Auseinandersetzungen zwischen palästinensischen Jugendlichen und israelischen Soldaten. Hingegen treten die Auswirkungen der Besatzung in diesen Tagen deutlicher zutage. Es gibt zum Beispiel mehr Checkpoints und Kontrollen im Westjordanland. Ganz besonders durchleben wir die Sorge um unsere Freunde und Verwandten im Gazastreifen oder in Städten in Israel. Wir bekommen von ihnen per Facebook rund um die Uhr schreckliche Bilder, hören am Telefon schlimme Geschichten.

Was geht in Ihnen persönlich angesichts des erneuten Ausbruchs von Gewalt vor?

Mich macht besonders traurig, dass sich die Geschichte wiederholt. Es ist nicht die erste kriegerische Eskalation in dieser Region. Immer und immer wieder türmen sich diese Wellen der Gewalt auf. In mir kommen die Bilder der Zweiten Intifada hoch, die Angst, die ich damals um meine Familie hatte. Ich sehe vor mir wieder die Schreckensgesichter der Eltern, die ihre Kinder zu uns ins Spital brachten. Ich spüre Hilflosigkeit, Wut, Frustration. Diese Gewalt kann keinen Frieden bringen, keine Versöhnung, kein Aufeinander-Zugehen, kein besseres Morgen.

Welche Chance geben Sie dem Heiligen Land in nächster Zeit, zur Ruhe zu kommen?

Natürlich müssen zuallererst die Kampfhandlungen enden. Für die nahe Zukunft ist es wichtig, dass wieder Touristen in unsere Region kommen, weil viele Menschen hier von diesem Wirtschaftszweig leben. Aber damit das Heilige Land langfristig zur Ruhe kommt, müssen sich die Lebensbedingungen im Gazastreifen und im weiteren palästinensischen Gebiet verbessern. Die Menschen hier müssen die Möglichkeit haben, ihre Grundrechte wahrzunehmen. Nur ein Leben in Freiheit und Gleichheit schafft Perspektiven und langfristig Frieden in unserer geliebten Heimat.

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