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Interview mit dem Leiter des Pilgerhospizes in Tabgha am See Gennesareth

Gibt es eine Chance auf Waffenruhe im Heiligen Land, Herr Röwekamp?

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Georg Röwekamp lebt seit fünf Jahren im Heiligen Land - zunächst als Repräsentant des Deutschen Vereins vom Heiligen Lande in Jerusalem, seit einigen Monaten als Leiter des Pilgerhospizes in Tabgha am See Gennesareth in Galiläa, rund 200 Kilometer nördlich von Jerusalem. Syrien und Libanon sind hingegen fast in Sichtweite. Wie er die Situation im Heiligen Land angesichts der erneuten Angriffe von Israel einerseits und der radikalislamischen Palästinenserorganisation Hamas anderseits sieht, berichtet er im Interview mit "Kirche-und-Leben.de".

Herr Röwekamp, wie nehmen Sie die Situation im Heiligen Land wahr?

Das hat verschiedene Dimensionen. Kollegen in Jerusalem berichten mir, wie irritierend es ist, dass tagsüber das Leben ganz normal weitergeht, während es nachts heftige Auseinandersetzungen und Straßenkämpfe gibt. Gäste aus Tel Aviv erzählen mir nach wie vor: „Das ist hier die Normalität unseres Landes, uns ist zum Glück bisher nichts passiert.“ Diese Gelassenheit ist schon erstaunlich.

Für Israel selbst sind die Auseinandersetzungen zwischen jüdischen Israelis und arabischen Israelis und auch in der Westbank dramatisch. Man fragt sich, wie diese Gruppen hier in Zukunft wieder miteinander leben und arbeiten wollen, wenn sich Nachbarn als Feinde herausgestellt haben. Auch Mitarbeiter hier bei uns hatten mitunter Angst, nach Hause zu fahren, weil sie von fanatischen Gruppen wussten, die nur auf Autos „der anderen“ gewartet haben.

Was bekommen Sie in Tabgha von den Angriffen zwischen Israel und der Hamas mit?

Georg Röwekamp Georg Röwekamp (62) stammt aus Duisburg, studierte Philosophie und Theologie. Von 1998 bis 2016 war er Geschäftsführer der Biblische Reisen GmbH. Seit fünf Jahren arbeitet er im Heiligen Land, viereinhalb Jahre als Repräsentant des Deutschen Vereins vom Heiligen Lande (DVHL) in Jerusalem; seit acht Monaten lebt er mit seiner Frau in Tabgha und leitet dort das DVHL-Pilgerhospiz. | Foto: privat

Die aktuelle Bedrohungslage ist hier in Tabgha nicht so akut wie in Tel Aviv oder Ashdod, aber auch hier hat es Raketen gegeben, die vom Libanon und von Syrienabgeschossen wurden. Gott sei Dank haben sie keine Schäden angerichtet, weil sie – wie vor drei Tagen – im Meer gelandet sind oder – wie gestern Nacht – noch im Libanon oder auf den Golanhöhen niedergegangen sind. Trotzdem haben wir unsere Bunker hergerichtet, die bislang wie in allen israelischen Haushalten als Abstellräume genutzt waren. Und natürlich bleiben Gäste aus dem Land aus. Wir wären am letzten Wochenende, an dem hier das Shavuot-Fest gefeiert wurde, nach über einem Jahr endlich wieder ausgebucht gewesen. Jetzt kamen statt 140 Leuten nur gut 50, weil vielen nicht nach Feiern und Ferien zumute ist und sie ihr Haus nicht allein lassen wollen.

Was geht in Ihnen persönlich angesichts des erneuten Ausbruchs von Gewalt vor?

In mir überwiegt vor allem die Dankbarkeit dafür, dass wir in Tabgha relativ weit weg sind vom direkten Beschuss etwa in Tel Aviv oder im und am Gazastreifen. Meine Angst wäre sicherlich größer, wenn wir in Jerusalem wären, zumal in Ost-Jerusalem niemand richtige Schutzräume hat. Mich beunruhigt aber schon lange, dass unter der Oberfläche sämtliche Konflikte im Land ungelöst sind. Dass die Gewalt jetzt derart ausbricht, konnte niemand vorhersagen. Trotzdem ist es sehr beunruhigend zu sehen, wie zerbrechlich der Boden ist, auf dem wir hier alle leben.

Welche Perspektive geben Sie dem Heiligen Land in nächster Zeit?

Ich glaube schon, dass es einen Waffenstillstand geben wird – ob in einigen Tagen oder in zwei, drei Wochen, wird man sehen. Das Problem wird dasselbe wie bei den zurückliegenden Gazakriegen auch sein: Es wird eine gewisse Erschöpfung eintreten, jede Seite wird behaupten, gewonnen und die Kriegsziele erreicht zu haben, aber kein Problem wird gelöst sein. Auch die Proteste und Krawalle in Israel und Palästina werden vermutlich irgendwann enden – ob aus Erschöpfung oder weil deren Unterdrückung gelungen ist. Ob danach dann eine Art Friedhofsruhe herrschen oder die Situation weiter köcheln und es an vielen Orten und immer wieder zu Ausbrüchen kommen wird, kann man jetzt noch nicht voraussagen. Denn auch da werden die Gründe nicht beseitigt sein.

Tabgha ist dafür bekannt, dass jüdische, muslimische und christliche Menschen gemeinsam bei Ihnen im Pilgerhaus arbeiten. Wie macht sich der Konflikt bei ihnen bemerkbar?

Gott sei Dank funktioniert dieses Zusammenarbeiten und -leben, zu dem neben den von Ihnen genannten Glaubensgemeinschaften auch noch die Drusen gehören. Sie alle sind entsetzt über das, was sich im Land abspielt und über die gewaltbereiten Gruppen. Unsere Leute hier haben sich entschieden, anders mit Problemen umzugehen. Von daher sind sie auch sie besorgt, aber mitunter auch (noch) recht gelassen.

Wie sieht es mit Ihrem Gastbetrieb aus?

Wir haben vor allem israelische Gäste im Haus, seit wir im März wieder öffnen konnten. Darauf habe ich bewusst gesetzt, weil klar ist, dass vor dem Herbst sicherlich keine Deutschen ins Heilige Land kommen werden – wegen der Corona-Situation in Deutschland und den Regelungen hier im Land. Kürzlich hatten wir zum Beispiel 55 jüdische Israelis bei uns, die sich drei Tage lang unter Anleitung einer jüdischen Dozentin mit dem Neuen Testament beschäftigt haben. Danach hatten wir eine Gruppe israelischer Studienreisender hier - unter dem Motto „Europa in Galiläa“ haben sie ihr eigenes Land neu entdeckt. Das ist etwas so Neues, dass sogar die große israelische Tageszeitung „Haaretz“ darüber berichtet hat. So versuchen wir, nicht nur über die Zeit zu kommen, sondern auch dauerhaft mit den Menschen in unserer Umgebung im Kontakt zu bleiben.

Wie sehen sie die Zukunft für deutsche Heilig-Land-Pilger?

Ich hoffe sehr, dass die ersten Gruppen im September oder Oktober wieder kommen können – vorausgesetzt, Deutschland ist einigermaßen durchgeimpft und es gibt einen europäischen Impfpass, den Israel anerkennt. Die Infektionsrate hier im Land ist so niedrig, dass man wieder reisen könnte, das öffentliche Leben geht fast normal weiter.

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