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ARD-Talk: Ist diese Kirche noch zu retten?

„Anne Will“: Druck auf katholische Kirche wächst und wächst

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Die katholische Kirche in Deutschland war gleich zweimal Thema am Sonntag in der ARD: im Presseclub und bei „Anne Will“. Die Debatten zeigen: Der Missbrauchsskandal stellt auch das Staat-Kirche-Verhältnis infrage.

Kein Lauterbach, kein Corona. Während die Krise um Russland und die Ukraine weiter köchelt und der Austritt von Jörg Meuthen die AfD ins Wanken bringt, lud Anne Will am Sonntagabend zum Talk über die Zukunft der katholischen Kirche. „Missbrauch, Lügen, Vertuschung – ist diese Kirche noch zu retten?“, lautete der durchaus doppeldeutige Titel. Schon eine Stunde nach Sendeschluss verzeichnete die Homepage 850 Zuschauer-Kommentare.

Der Einspielfilm zu Beginn machte klar: Der Wind weht der Kirche von vielen Seiten massiv ins Gesicht. Selbst unter den Katholiken vertrauen nach einer aktuellen Umfrage nur noch 29 Prozent ihrer Kirche. Schon Sonntagmittag hatte der ARD-Presseclub die katholische Kirche nach dem Münchner Missbrauchsgutachten zum Thema gemacht. Mit dem fast gleichlautenden Titel „Missbraucht, vertuscht, gelogen: das moralische Inferno der katholischen Kirche?“

Verhältnis von Staat und Kirche überprüfen

Klar ist: Der Missbrauchsskandal hat auch die seit Jahrzehnten bestehende Position der Kirche in Staat und Gesellschaft infrage gestellt. Es ging bei „Anne Will“ auch um die bislang enge Zusammenarbeit von Staat und Kirche, um Sonderrechte und Privilegien wie das kirchliche Arbeitsrecht und die Kirchensteuer.

Die Journalistin Christiane Florin von der Redaktion „Religion und Gesellschaft“ beim Deutschlandfunk sprach von einer „erstaunlichen Beißhemmung des Staats“ gegenüber den Kirchen. Matthias Katsch, Sprecher der Betroffenen-Organisation „Eckiger Tisch“, erklärte: „Mir fehlt noch ein bisschen der Glaube, dass wir es schaffen, eine Veränderung zwischen Staat und Kirchen hinbekommen.“

Matthäus-Maier fordert Bischofs-Rücktritte

Insbesondere die aus Bonn zugeschaltete Ingrid Matthäus-Maier, SPD-Politikerin, Beirat im Institut für Weltanschauungsrecht und in der kirchenkritischen Giordano-Bruno-Stiftung, setzte auf Attacke: sofortige Abschaffung aller Staatsleistungen an die Kirchen, Aufarbeitung des Missbrauchs durch Staatsanwälte, Rücktritte von Bischöfen. Nicht Atomindustrie oder Wirtschaft, sondern die Kirchen seien die schlimmsten Lobbyisten im Land, sagte sie. „Sie haben noch nie freiwillig auf Rechte verzichtet.“ Die Politik müsse „die Kumpanei mit den Kirchen“ beenden.

Dass die neue Ampelkoalition die Grundlagen für das Staat-Kirche-Verhältnis durchaus ändern will, machte Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt (Grüne) deutlich. Sie gestand, dass der Staat sich zu viel Zeit gelassen habe, sich mit Missbrauch oder kirchlichen Privilegien zu beschäftigen. Die kirchen-interne Aufarbeitung des Missbrauchsskandals sei gescheitert. Auch im kirchlichen Arbeitsrecht müssten staatliche und verfassungsrechtliche Vorgaben wie das Verbot von Diskriminierung gelten. Bislang können Mitarbeiter der Kirche, die nach einer Scheidung wieder heiraten oder in einer gleichgeschlechtlichen Ehe leben, gekündigt werden.

Bischof Bätzing will Veränderungen

Kein leichter Stand also für den Limburger Bischof Georg Bätzing, auf dessen Gesicht und Hände die Kamera mehrfach fuhr. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz blieb ruhig und versuchte nachzuweisen, dass viele der Forderungen bei ihm auf offene Ohren stoßen. Staatsleistungen? „Weg damit, sie sind heute für niemanden mehr verständlich.“ Staatliche Aufarbeitung des Missbrauchsskandals? Wenn die bisher mit dem Staat vereinbarten Wege nicht reichen – dann aber bitte auch für andere Institutionen. Reform des kirchlichen Arbeitsrechts? Auf Ebene der Bischofskonferenz bereits in Arbeit. Künftig solle die persönliche Lebenssituation von kirchlichen Mitarbeitern keine Rolle mehr spielen, so der Limburger Bischof.

Mit Blick auf den Missbrauchsskandal sprach Bätzing von einem „immensen Schaden“, den die Äußerungen von Benedikt XVI. zum Münchner Missbrauchsgutachten verursacht hätten. Das Entsetzen reiche bis tief in die Kirche hinein. Der emeritierte Papst müsse sich entschuldigen. „Er muss sich äußern, und er muss sich über seine Berater hinwegsetzen und im Grunde den schlichten, einfachen Satz sagen: ‚Ich habe Schuld auf mich geladen, ich habe Fehler gemacht, ich bitte die Betroffenen um Verzeihung.‘ Anders geht das nicht.“

Auf die Frage, ob er glaube, dass Benedikt dies tun werde, sagte der Vorsitzende der Bischofskonferenz: „Ich traue es ihm zu – wenn er es schafft, sich von Beratern zu distanzieren.“ Es sei eine Schwäche von Benedikt XVI. beziehungsweise Joseph Ratzinger, sich nicht immer mit den besten Beratern zu umgeben.

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