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Theologie-Professor Michael Seewald: Höchste Zeit, umzudenken!

Auslegung der Lesungen vom 1. Fastensonntag (Lesejahr B)

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„Jetzt ist es so weit!“, mit dieser Ansage beginnt das Markus-Evangelium am ersten Sonntag der Fastenzeit. Der Ruf Jesu besitzt eine Dringlichkeit, deutet es der Dogmatiker Michael Seewald. Auch für uns Christen heute.

Die vier Evangelien des Neuen Testamentes sind keine Biografien Jesu. Es handelt sich um Schriften, deren Verfasser erzählerisch Zeugnis davon ablegen, was die frühen Gemeinden über Jesus glaubten. Dabei kommt den Anfängen der jeweiligen Evangelien programmatische Bedeutung zu.

Matthäus beginnt mit dem Stammbaum Jesu, um ihn als Nachkommen Abrahams und königlichen Spross Davids auszuweisen. Lukas setzt zwei durch Engel mitgeteilte Geburts­ankündigungen an den Beginn seines Evangeliums. Sowohl die Geburt Johannes des Täufers als auch diejenige Jesu Christi verdanken sich demnach göttlichen Eingriffen. Der Evangelist Johannes schlägt philosophisch feierliche Töne an. Er geht zurück zum Anfang aller Dinge, bei dem Gottes Wort, das in Jesus Fleisch geworden sei, schon gewirkt habe.

Der Ruf Jesu besitzt eine Dringlichkeit

Die Lesungen vom 1. Fastensonntag (Lesejahr B) zum Hören finden Sie hier.

Im Vergleich zu seinen drei Mit-Evangelisten kommt Markus, der uns am Ersten Fastensonntag in die Österliche Bußzeit geleitet, bescheiden und erzählerisch mit scheinbar spartanischen Mitteln ausgestattet daher. Jesus rückt erst als erwachsener Mann, nachdem er sich Johannes dem Täufer angeschlossen hatte und von ihm getauft wurde, in den Fokus der Aufmerksamkeit.

„Erfüllt ist die Zeit und herangekommen das Reich Gottes. Kehrt um und glaubt an das Evangelium“ (Mk 1,15). Diese Worte sind die ersten, die Jesus im Markus-Evangelium spricht. Sie stehen programmatisch am Beginn seines Wirkens und fassen seine Botschaft in einer Kurzformel zusammen. „Erfüllt ist die Zeit“ – etwas einfacher könnte man auch sagen „jetzt ist es so weit“. Der Ruf Jesu besitzt eine Dringlichkeit. Er sucht die Ansprache im Hier und Jetzt.

Der Glaube ist eine Stütze

Dieses Hier und Jetzt ist nicht nur das der erzählten Zeit des Markus-Evangeliums oder der markinischen Gemeinde, sondern auch das Hier und Jetzt unserer Kirche, die das Evangelium im Glauben bedenkt. Menschen und Institutionen können jedoch nicht in einem Zustand dauerhafter Dringlichkeit leben. Den allermeisten gelingt es, sich in einem Alltag einzurichten, der feste Routinen und Abläufe kennt, die Erwartungs- und Handlungssicherheit bieten.

Der christliche Glaube ist einerseits durch seine geprägten Formen – sich wiederholende Gebete, die regelmäßige Feier von Gottesdiensten oder den zyklischen Fortgang des Kirchenjahres – eine Stütze, die dem Alltag Ordnung und Struktur gibt.

Der Glaube verunsichert

Der christliche Glaube hat andererseits aber eine den Alltag verunsichernde, ihn unterbrechende Kraft, die wirksam wird, wenn der Ruf Jesu von einem „Immer und Überall“ des Routinierten zurück in ein dringliches „Hier und Jetzt“ überführt wird.

Die Fastenzeit versucht, eine solche Überführung zu ermöglichen und das Wort Jesu in seiner Dringlichkeit wieder freizulegen. Dabei stehen zwei Aspekte im Vordergrund, die stets zusammengehören. Jesu Wort ist Ruf zur Umkehr und Zusage des Evangeliums. Was wir im Deutschen mit „umkehren“ übersetzen, heißt im Griechischen wörtlich „umdenken“ oder „überdenken“.

Umkehr hat die Kirche als Gemeinschaft nötig

Der Autor
Professor Michael Seewald.
Michael Seewald ist Professor für Dogmatik an der Universität Münster.

Umzukehren heißt, eine selbstkritische Distanz zum eigenen Tun zu suchen, es zu überdenken, wo nötig auch umzudenken und anders zu handeln. Umkehr hat die Kirche als Gemeinschaft nötig, die, so das Zweite Vatikanische Konzil, „stets der Reinigung bedürftig“ ist. Umkehr geht aber auch jeden Einzelnen an, der sich bewusst wird, kein Gott zu sein.

Vielleicht ist das die kürzeste Beschreibung dessen, worauf die Fastenzeit uns mit ihren Zeichen der Vergänglichkeit und ihrem Aufruf zur Reduktion hinweisen will: dass wir keine Götter sind und die Menschen um uns herum das leider nur allzu oft zu spüren bekommen.

Was wir vom Gott Jesu Christi zu erwarten haben

Wo wir weder uns selbst noch die Institutionen, in denen wir leben, vergöttlichen, schaffen wir Raum dafür, dass Gott unser Gott sein kann. Was wir vom Gott Jesu Christi zu erwarten haben, findet sich auch in der Kurzformel, die Markus überliefert. Jesu Wort ist nicht nur die Aufforderung, unser Leben zu überdenken, sondern auch Verkündigung des Evangeliums, wörtlich: die Ansage einer Frohen Botschaft.

Gott umfängt das Glauben, Hoffen und Lieben aller Menschen auch dann mit seiner Nähe, wenn sie selbst den Eindruck haben, in ihrem Glauben, ihrer Hoffnung und ihrer Liebe gescheitert zu sein. Stets aus dieser Zuversicht heraus leben zu dürfen, gehört ebenfalls zur Dringlichkeit von Jesu Ruf, den die Fastenzeit uns zu Gehör bringen will.

Sämtliche Texte der Lesungen vom 1. Fastensonntag (Lesejahr B) finden Sie hier.

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