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Pater Elmar Salmann aus der Abtei Gerleve: Ja, dieser Jesus ist von Sinnen

Auslegung der Lesungen vom 10. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)

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Von Dämonen-Austreibung, Beelzebul und dem Satan höchstpersönlich ist im Evangelium dieses Sonntags die Rede. Die Schriftgelehrten werfen Jesus allerlei Verschwörungen vor - sogar, er sei von Sinnen. Stimmt, sagt Pater Elmar Salmann aus der Abtei Gerleve in seiner Schriftauslegung. Und natürlich auch, warum.

Es ist alles zu viel, das Los der Menschen, ihre Freiheit und Schuld, die Religion inmitten des banalen Lebens, die Gestalt Jesu in Nazareth und angesichts der jüdischen Alltagspraxis. Allein schon diese Einsicht ist erhellend, erschreckend und entlastend zugleich.

Da haben wir die Szene aus dem Buch Genesis. Der Mensch fühlt sich nackt den Blicken der anderen und Gottes ausgesetzt, weiß, dass er nicht zu rechtfertigen ist; ihm widerfährt eine untilgbare Scham vor und jenseits und in aller Schuld. ‚Ich‘ bin bloß ‚ich‘, bestreitbar, beschränkt, ein tragikomischer, unwürdiger Erdenkloß. Deswegen versteckt er sich gern hinter tausend Masken, Vorwänden, Beteuerungen, fühlt sich schnell ertappt, muss Schuld von sich wegschieben auf die anderen, auf die Umstände.

Zu weit und zu eng zugleich

Die Lesungen vom 10. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B) zum Hören finden Sie hier.

Beeindruckend ist die unentrinnbare Kette der Entschuldigungen und Umschuldungen, der An- und Vorwürfe. Und wie gut kennen wir dieses Spiel aus der Politik, der Kirche, den Medien, der Gesellschaft, im dunklen Internetuntergrund.

Schließlich projiziert der Mensch seine Ambivalenz gern auf Gott, den letzten großen Schirm, in dem er sich spiegelt, ohne sich doch zu entkommen. Fast unvermeidlich scheint dies alles, denn sein Leben ist zu weit, zu groß und zu eng zugleich. Unendliche Horizonte eröffnen sich vor seinem Auge und zugleich kriecht er am Boden, eingeschlossen in den umgrenzten Kreis seiner Vorstellungswelt, die er für den unendlichen Kosmos hält.

Fremde Religion

Ein solches verzerrtes Spiel der Anwürfe scheint sich mit dem Kommen Jesu fast noch zuzuspitzen. Auch er ist zu viel für seine Umgebung, die Verwandten, die gängige institutionelle Religion – und dies ist bis heute so. Was für eine bestürzende Fremdheit!

Ja, dieser Jesus ist von Sinnen; was er sagt und tut, sprengt die üblichen Maßstäbe und Kriterien des Handelns und Urteilens, des Gottes- und Menschenbildes, und weckt die Frage: Wer ist hier nun verrückt, der unerhörte Prediger oder die Alltagsmenschen, die Priester, Schriftgelehrten und Machthaber?

Heilsames statt Hirnrissiges

Bis heute greifen die Menschen dann gern zu Verschwörungstheorien, sehen unheimliche, dämonische Mächte am Werk. Selbst das Gute, das bewirkt wird, soll dann vom Bösen abstammen, den Teufelskreis undurchdringlicher und enger machen und erscheinen lassen.

Dagegen setzt Jesus die einfache Evidenz, das Heilsame seines Wirkens, das Stimmige und Schöne der neuen Gemeinschaft, die sich auf seine Gegenwart und sein Wort stützt. Er entlarvt das Hirnrissige solcher Spekulationen und Urteile, die aus Abwehr, Angst und Spaß an Denunziation kommen, welche jeden Zugang zur Wirklichkeit ungut filtern und damit sogar unzugänglich für die Gnade, das Verzeihen sind.

Fremdheit ermöglicht Nähe

Der Autor
Elmar Salmann OSB
Pater Elmar Salmann war lange Jahre Theologieprofessor in Rom. Er lebt als Mönch in der Benediktinerabtei Gerleve. | Foto: P. Bartholomäus Denz.

Der Lügner und Denunziant schließt sich selbst aus dem Reich des Geistes, der Freude, der Teilnahme am Leben aus. Er verpuppt sich in sein Unglück, das er rechthaberisch für ideologisch unfehlbar hält. Jesu Fremdheit hingegen soll und kann eine neue unbefangene Nähe ermöglichen, die von den alten Mustern des Verhaltens und Verurteilens verstellt ist. Sie ermöglicht eine Urverbundenheit im Namen von Wort und Geist und neuer Verwandtschaft.

Paulus trägt das alles aus; in seinem Leben wie seiner Predigt wohnen wir der Verwandlung von Leid in neues Leben, Schwäche in Stärke, Fremde in Vertrautheit, Schuld in Vergebung, Enge in Weite bei.

Brief an die heutige Kirche

Die Korintherbriefe sind eine Schule der Einübung in die unabsehbare Weite und konkrete Fülle des Lebens im Raum Gottes, Christi, des Geistes. Die Kapitel vier bis sechs des zweiten Korintherbriefs einmal als Brief an die heutige Kirche von Rom und Münster zu lesen, wäre ein sinnvolles Unterfangen, könnte ein anderes Verständnis unserer vertrackten Lage und uns Hoffnungskräfte und Verheißungshorizonte erschließen. Uns aber auch ahnen lassen, wie hoch der Kaufpreis ist, den es für ein christliches Leben und Denken unter den Bedingungen ihrer Unwahrscheinlichkeit und Verstellung zu entrichten gilt.

Da kommt uns womöglich das Tagesgebet zu Hilfe, das um Gottes Inspiration und sein Geleit bittet: „Gott unser Vater, alles Gute kommt allein von dir. Schenke uns deinen Geist, damit wir erkennen, was recht ist, und es unter deinem Geleit auch vollbringen.” Mehr kann man kaum erbitten, mehr kaum tun.

Sämtliche Texte der Lesungen vom 10. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B) finden Sie hier.

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