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Pater Daniel Hörnemann: Unheil hat nicht das letzte Wort

Auslegung der Lesungen vom 13. Sonntag im Jahreskreis / Lesejahr B

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Mitten im Sommer, wenn soviel zum Leben erwacht, geht es um den Tod. Nicht nur wegen Corona, auch die Lesungen dieses Sonntags konfrontieren mit der Endlichkeit des Lebens. Dazu die Auslegung von Pater Daniel Hörnemann OSB aus der Benediktinerabtei Gerleve.

„Gott hat den Tod nicht gemacht und hat keine Freude am Untergang der Lebenden“, kons­tatiert der Weisheitslehrer aus der Endzeit des Ersten Testaments und fährt fort: „Gott hat den Menschen zur Unvergänglichkeit erschaffen und ihn zum Bild seines eigenen Wesens gemacht.“ Somit dürfte kein verderbliches Gift oder etwa ein todbringendes Virus dem Menschen etwas anhaben.

„Die Wirklichkeit sieht doch ganz anders aus“, werden wir gerade in pandemischen Zeiten rasch ausrufen und das Weisheitsbuch beiseitelegen. Die Statistiken sind erschlagend: Die Zahl der bestätigten Fälle der Lungenerkrankung COVID-19 beläuft sich bis zum April 2021 auf weltweit über 138,3 Millionen, die Zahl der Todesopfer auf bis zu 3 Millionen. Können wir da noch glauben, Gott sei ein „Freund des Lebens“ (Weish 11,26) und der Tod sei „durch den Neid des Teufels in die Welt gekommen, den alle erfahren, die ihm angehören“ (Weish 2,24)? Wer religiös und moralisch richtig lebe, den könnten also Leid und Tod nicht treffen? Wenn das doch so einfach wäre!

"Krankheit ist keine Strafe Gottes"

Die Lesungen vom 13. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B) zum Hören finden Sie hier.

Der Weisheitslehrer wendet sich im 1. Jahrhundert vor Christus an seine Landsleute, deren Glaubenstreue durch die Errungenschaften der griechischen Kultur erschüttert war. Er sucht nach Antworten auf die Frage der Juden in der Diaspora, was ihr Glaube dem noch entgegensetzen könnte. Er verweist sie auf ihre eigene Verantwortlichkeit, welche Wege sie nehmen im Umgang mit sich selbst, ihren Nächsten und ihrem Glauben. Wie damals können durch kulturelle Umschwünge, aber auch durch Krankheiten verursachte Krisen den Glauben an die Güte, die Weisheit und die Gerechtigkeit Gottes zutiefst erschüttern.

So hieß es in einem gemeinsamen Wort der katholischen, evangelischen und orthodoxen Kirche in Deutschland vor über einem Jahr: „Auch wir Christen sind mit diesen Fragen nach dem Sinn menschlichen Leids konfrontiert und haben keine einfachen Antworten darauf. Die biblische Botschaft und der christliche Erlösungsglaube sagen uns Menschen jedenfalls zu: Gott ist ein Freund des Lebens. Krankheit ist keine Strafe Gottes. Gott will das Unheil nicht. Nicht das Unheil hat darum das letzte Wort, sondern das Heil, das uns von Gott verheißen ist.“

Gott ist ein Freund des Lebens

Der Autor
Pater Daniel Hörnemann.
Pater Daniel Hörnemann OSB ist Mönch der Benediktinerabtei Gerleve bei Billerbeck und Theologischer Berater von "Kirche+Leben". | Foto: Markus Nolte

Dass Gott ein Freund des Lebens ist, bezeugt Jesus immer aufs Neue. Die „blutflüssige Frau“ ist nach jüdischem Gesetz eine Unberührbare, sie wird nie Mann und Kinder haben, sie ist lebendig tot. All ihr Vermögen ist bei der Suche nach Heilung draufgegangen. So groß ihre Verzweiflung auch sein mag, sie gibt nicht auf.

Jesus durchbricht die Regeln der Trennung von Rein und Unrein, holt sie aus dem Schatten des Todes und lässt sie ihren Glauben an ihn offen bekennen. Er nimmt sich Zeit für die Frau am Rande, die bei ihm Heilung sucht und aufgrund ihres Glaubens auch findet, obwohl er auf dem Weg zu einer anderen Kranken ist. Als er endlich dort ankommt, ist das Mädchen bereits gestorben. Zu spät, da ist nichts mehr zu machen – was will er denn jetzt noch? Doch er trägt dem Vater auf: „Sei ohne Furcht, glaube nur!“

Glauben muss jeder selbst

Wie eine besorgte Mutter steht Jesus am Bett der Tochter. Das tote Kind fasst er an der Hand und fordert es in seiner Muttersprache auf „Talita kum! Mädchen, steh auf!“ Das ist Auferstehungssprache. Der Tod ist nur ein Schlaf für Jesus, der daraus zu neuem Leben erwecken kann, wie es ein flämisches modernes Kirchenlied sinngemäß besingt: „Des Jairus‘ Tochter schlief, er nahm sie bei der Hand, als seine Stimme sie rief, erwacht‘ sie –  ihm zugewandt.“

Die unbekannte Frau wie der Synagogenvorsteher Jairus sind Glaubensvorbilder, allen Anfechtungen zum Trotz behielten sie den Mut, vielleicht den Mut der Verzweiflung, immer noch nach Hilfe Ausschau zu halten. Sie hatten das Glück, Jesus zu begegnen, der sie von allem befreite, was sie bedrückte.

Der französische Autor Éric-Emmanuel Schmitt lässt Jesus in seinem „Evangelium nach Pilatus“ auf sein Leben zurückblicken. Er ist gelangweilt von seinem Ruhm als Wundertäter, der nur auf den Fällen der Geheilten und Geretteten basiere. Was aber sei mit denjenigen, die in ihrem Elend stecken blieben, weil weder er noch sie selbst etwas erreichen konnten? Er habe nur die Macht, ihnen die Tür zu öffnen, die in ihrem Innersten zu Gott führt. Glauben müsste aber jeder und jede selbst. Nur dann könnte von ihm eine Kraft ausgehen: „Dein Vertrauen ist deine Rettung, geh in Frieden und bleibe von deinem Leiden erlöst.“

Sämtliche Texte der Lesungen vom 13. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B) finden Sie hier.

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