Pastoralreferent Georg Kleemann über die bunte Truppe des Gottesvolks

Auslegung der Lesungen vom 11. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)

Sie sind die ersten zwölf, die Jesus um sich versammelt, und schon die Truppe hat es in sich: ein früherer Bänker, zwei politische Aktivisten. Sie stehen in vielerlei Hinsicht symbolisch für viele andere Jüngerinnen und Jünger, erläutert Pastoralreferent Georg Kleemann aus Haltern in seiner Schriftauslegung.

Es ist schon eine bunte Truppe, die uns da vor Augen gestellt wird, als Jesus zwölf Jünger um sich versammelt. Darunter befinden sich immerhin so zwielichtige Gestalten wie der ehemalige Investmentbanker Matthäus, der den Leuten das Geld aus der Tasche gezogen hat, oder mit Simon K. und Judas I. zwei radikale politische Aktivisten. Sie alle werden uns mit Namen bekannt gemacht. Immer dann, wenn Namen genannt werden, wird es konkret und persönlich, bekommt das, was erzählt wird, ein Gesicht.

Diese Zwölf bekommen von Jesus einen Auftrag, der kurz gesagt nichts anderes umfasst, als genau das zu tun, was auch Jesus getan hat. Heißt es doch unmittelbar vor unserer Stelle: „Jesus zog durch alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen, verkündete das Evangelium vom Reich und heilte alle Krankheiten und Leiden.“

Vollmacht gibt es umsonst

Weil die Zwölf dann gar nicht wirklich losgeschickt werden, sondern weiter gemeinsam mit Jesus umherziehen (im Unterschied etwa zum Lukas-Evangelium, wo erst die zwölf Apostel und dann noch einmal paarweise 72 Jüngerinnen und Jünger ausgesandt werden und anschließend mit ihren Erfahrungsberichten zurückkehren), bekommt dieser Auftrag noch stärker den Charakter eines über die konkrete Erzählung hinausweisenden Vermächtnisses: Wer mit seinem eigenen Namen und Gesicht für den Glauben einsteht, macht dabei Jesus selbst erfahrbar.

Die Kraft oder „Vollmacht“, dies zu tun, nämlich heilsam für die Menschen da zu sein, die gibt es umsonst, „gratis“ – also als Gunst oder Gnadenerweis (lateinisch gratia) Gottes, als etwas, das wir uns nicht erst durch eigene Leistung („Gerechtigkeit“) verdienen müssen, sondern wie ein Geschenk empfangen dürfen. Für niemandenstand dieses Bewusstsein so im Mittelpunkt wie für Paulus, der seine Rechtfertigungstheologie besonders im Römerbrief entwirft. In unserem Ausschnitt daraus wird dabei noch ein Weiteres deutlich: „Versöhnung mit Gott“ – mit Gott und uns selbst ins Reine zu kommen – ist nichts, das wir ängstlich für ein zukünftiges Ende erhoffen müssen, sondern etwas, aus dem wir hier und jetzt schon leben können.

Dem Auftrag der Zwölf anschließen

Georg M. Kleemann
Georg M. Kleemann ist Pastoralreferent in St. Sixtus,
Haltern am See. | Foto: privat

Wenn wir uns aus diesem Bewusstsein heraus dem Auftrag der Zwölf anschließen und dem heilsam wirkungsvollen Glauben an Jesus ein konkretes Gesicht geben wollen – nämlich unser eigenes –, könnten wir allerdings auf ein Hemmnis stoßen. Die Passage, mit der unser Evangelium beginnt, liefert nämlich zwei Sprachbilder, die sich sehr wirkmächtig in unsere Vorstellung eingeprägt haben: Die Rede von den Schafen und den Hirten, der Ernte und den Arbeitern verlockt dazu, einen Gegensatz von passiv und aktiv in den Auftrag Jesu an die Zwölf hineinzulesen. Aus diesen würde dann auf einmal ein exklusiv bevollmächtigter Führungskader für ein führungsloses und -bedürftiges (Kirchen-)Volk.

Ein solches Verständnis, wenn auch nicht ohne Ausprägungen in der kirchlichen Wirklichkeit, würde der ersten Lesung nicht gerecht werden. Dort wird als Folge von Gottes Rettungshandeln das ganze Volk heilig und priesterlich. Wie wenig dieses Volk als eine passive Masse verstanden wird, wird deutlich, wenn man die Stelle im Exodus-Buch direkt weiterliest: Das Angebot des Bundesschlusses wird nämlich nicht einseitig von Gott (und Mose) über das Volk verhängt, sondern ihm zur Zustimmung vorgelegt – und dieses Volk erteilt seine Zustimmung einstimmig.

Alle bauen wieder mit auf

Wenn Matthäus von der Beauftragung von zwölf Männern berichtet, dann hat er genau das im Blick: Als Repräsentanten der zwölf Stämme Israels symbolisieren sie die Wiederherstellung des heiligen, priesterlichen Gottesvolkes als Ganzes.

Es gibt im dritten Kapitel des weithin unbekannten Buches Nehemia eine seitenlange Namensliste, die all die verzeichnet, die bei dem Wiederaufbau der Jerusalemer Stadtmauer geholfen haben. Das ist vielleicht ermüdend zu lesen, aber doch ein schönes Bild dafür, wie sich das ganze Gottesvolk aus den konkreten Einzelnen zusammensetzt, die tatkräftig und heilsam mitwirken und dem Glauben ihr Gesicht geben.

Im Verlauf der Coronakrise sind viele Collagen oder Aktionen entstanden, die das in ganz ähnlicher Weise verdeutlichen; und wenn wir dieses Bewusstsein auch für „die Zeit danach“ bewahren und weiterentwickeln könnten, wäre das sicher nicht die schlechteste Folgewirkung dieser Krise.

Sämtliche Texte der Lesungen vom 11. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A) finden Sie hier.