Pater Daniel Hörnemann über Feuer, Sturm und den Heiligen Geist

Auslegung der Lesungen von Pfingsten (Lesejahr A)

Sturm und Feuer: beide Bilder prägen diesen Sonntag. Beides kann gefährlich sein, und beides gehört zu Pfingsten und der Vorstellung vom Heiligen Geist. Pater Daniel Hörnemann aus der Abtei Gerleve deutet diese Zeichen und die Lesungen dieses Festes.

Australien erlebte unlängst einen „Schwarzen Sommer“. Vom Klimawandel angeheizte Buschbrände führten zu Milliardenschäden. Mindestens 34 Menschen kamen zu Tode, Millionen Tiere, ein Fünftel des Waldbestands und Tausende Häuser wurden ein Fraß der Flammen. Gigantische Mengen Schadstoff-Emissionen werden weiter das Klima beeinträchtigen. Ein echter politischer Wandel hin zu mehr Klimaschutz ist paradoxerweise nicht absehbar.

Welche Macht Feuer entfalten kann, wurde hier extrem deutlich. Die unheimlichsten aller Elemente, Sturmwind und Feuersbrunst, lassen nichts so, wie es vorher war. Wo Feuer einmal Nahrung gefunden hat, wird es gewaltsam und unbändig um sich greifen. So mächtig und so gewaltig Flammen sein mögen, so schwierig und mühsam ist es jedoch, ein Feuer zu entzünden. So unbeherrschbar und vernichtend ein Flammenmeer werden kann, so angsterregend seine Gewalt auch sein mag, beim Anzünden ist jeder Lufthauch mächtiger, macht jeder kleine Windstoß den hoffnungsvollsten Anfang gleich wieder zunichte.

Eine der größten Entdeckungen

Die Lesungen von Pfingsten (Lesejahr A) zum Hören finden Sie hier.

Der Umgang mit Feuer ist eine Kunst, die der Mensch mühsam erlernen musste. Ohne das Feuer gäbe es den heutigen Menschen nicht. Das Feuer ist ein wichtiger Schlüssel zur körperlichen, geistigen und kulturellen Entwicklung des Urmenschen. Von der bloßen Nutzung zufällig entstandener Brände bis zum Feuermachen und „Beherrschen“ brauchte es Hunderttausende von Jahren.

Neben der Sprache war die Zähmung des Feuers schon für Charles Darwin eine der wohl größten Entdeckungen der Menschheit. Sie musste sich auch der Ambivalenz des Feuers bewusst werden. Sein Einsatz barg immer ein Risiko, wer die Glut nicht recht kontrollierte, verlor rasch Hab und Gut.

Bedrohung da, Segen hier

Das Potenzial des Feuers ist zweischneidig, lebensförderlich und zerstörerisch. Der Mensch spielt mit dem Feuer, schafft es, die Erde immer mehr aufzuheizen, und bedroht die Existenz des Planeten wie seine eigene. Feuer ist Gefahr und Segen zugleich.

Die Apostelgeschichte rückt die Seite des Segens in den Blick. Die Apostel erleben Sturmesbraus und die Niederkunft von Feuer auf jeden einzelnen. Es hat sie nie mehr losgelassen und wirkte durch sie ansteckend in der ganzen Welt.

Jeglichen Anstand verloren?

Pater Daniel Hörnemann.
Pater Daniel Hörnemann OSB ist Mönch der Benediktinerabtei Gerleve bei Billerbeck und Theologischer Berater von "Kirche+Leben". | Foto: Markus Nolte

Das Auge sieht zu Pfings­ten Feuerzungen, das Ohr hört eine Sprachensymphonie. Das Phänomen rief sehr gemischte Reaktionen hervor. Die einen fragten: „Was bedeutet das?“, die anderen hielten die Jünger für so betrunken, dass sie jeglichen Sinn für das Heilige und allen Anstand verloren hätten.

Nach dem Johannes-Evangelium hatten sie sich zunächst aus Angst hinter verschlossenen Türen verschanzt – eine ähnliche Erfahrung wie in diesen Tagen der Seuchenkrise. Erst als Jesus die Barrikaden überwand und ihnen zweimal den Frieden zusprach, – beim ersten Mal konnten sie es wohl nicht glauben –, ihnen seine Wundmale zeigte, da sahen sie und freuten sich.

Gott bläst in die Nase

Es geschah ein Prozess der Neuschöpfung. Er hauchte sie an, wie bei der Erschaffung des Menschen. Der Erdling war noch nicht lebendig, bis Gott seinen Geist-Atem in seine Nasenlöcher blies. Der göttliche Hauch wirkt sanft lebensschaffend oder auch stürmisch verteidigend, als er die Feinde Israels beim Exodus hart anblies oder eine Furt durch das Schilfmeer freiwehte. Bereits beim Auszug aus Ägypten manifestierten Sturm und Feuer, das in leuchtender Säule die Israeliten durch die Wüstennacht geleitete, den Befreiungswillen Gottes. Am jüdischen Pfingstfest gedachte man des Bundes am Gottesberg Sinai, wo sich Gott unter Feuer und Sturm mit seinem Volk verband.

Das christliche Pfingstfest ist ebenso ein Fest der Neuanbindung an Gott, als 50. Tag führt es Ostern zur Vollendung: Heraus aus dem Tod hinein in das neue Leben. Das soll uns ergreifen, geradezu außer uns geraten lassen und dazu bringen, zu staunen und weiter zu fragen. Der Ausnahmezustand lässt den Menschen nicht bei sich selbst stehenbleiben, sondern öffnet ihn für das Größere Gottes.

Seine sieben Gaben können sich in uns entfalten: der Verstand, der uns die Welt um uns, uns selbst und Gott zu verstehen lehrt; die Wissenschaft, die uns die Größe der Gottesschöpfung immer mehr entdecken hilft; die Weisheit als Kunst, das Leben zu meistern; der Rat, den es gerade in ungewissen Zeiten braucht; die Frömmigkeit als Gottzugewandtheit; die Gottesfurcht als Respekt vor dem Größeren; die Stärke, um die Herausforderungen der Zeit und des eigenen Lebens zu bewältigen.

Sämtliche Texte der Lesungen von Pfingsten (Lesejahr A) finden Sie hier.