Dominik Blum über Nachfolge mit dem Gesicht im Dreck

Auslegung der Lesungen vom 22. Sonntag im Jahreskreis (A)

Nichts auf sich selbst geben - das klingt nicht eben nach einer zeitgemäßen Form von Selbstverwirklichung. Oder vielleicht doch? Was meint das Evangelium dieses Sonntags? Dominik Blum aus Vechta über Nachfolge mit dem Gesicht im Dreck.

„Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen.“ Auch wenn die Niedersachsen im Bistum Münster schon seit einigen Wochen wieder im Alltagsmodus laufen, in Nordrhein-Westfalen ist heute der erste Sonntag nach den großen Ferien. Selbstverleugnung, Kreuzesnachfolge, sein Leben verlieren – ist das die frohe Botschaft des Matthäus-Evangeliums zum Ende der Sommerpause?

Das Evangelium vom 22. Sonntag im Jahreskreis (A) zum Sehen und Hören auf unserem Youtube-Kanal.

Ferien hießen schon in römischer Zeit die Fest- und Feiertage. Der wichtigste Nutzen für die Menschen war die Arbeitsruhe. Ich weiß nicht, was Sie in den Ferien gemacht haben oder sich von ihrer Urlaubszeit erhoffen. Eine unbeschwerte Zeit, die Freiheit, tun und lassen zu können, was ich will, das wünsche ich mir vom Sommer. Manchmal scheint es, als könnte ich mein beruflich und privat völlig verplantes Leben damit vor Belastung und Fremdbestimmung retten.

Jesus am Wendepunkt

Jesus steht im Matthäus-Evangelium an einem ganz anderen Punkt, einem Wendepunkt. Seinen Jüngern, also auch Ihnen und mir, erzählt er zum ersten Mal von dem, was ihn erwartet: der Weg nach Jerusalem bringt Leiden, Tod – und dann auch die Auferstehung. Diese Leidensankündigung wird Jesus noch zweimal wiederholen (Mt 17,12 und 20,18f).

Dabei ist für ihn klar, dass es zu diesem Leidensweg keine Alternative gibt. Was in der deutschen Übersetzung heißt, Jesus „müsse“ nach Jerusalem gehen, ist im griechischen Text als eine von Gott verhängte Notwendigkeit formuliert. Gott will es so, es muss sein, das ist der Plan, den der Vater für seinen Sohn hat.

„Das Leben hat 'ne Eisefaust“

„Das Leben hat 'ne Eisenfaust, / weich den harten Schlägen aus.“ Diese Zeile stammt aus einem Lied der jungen deutschen Sängerin Alexa Feser. Es heißt „Das Gold von morgen“. Petrus könnte diese Liedzeile zu Jesus sagen, Petrus, der gerade noch bekennen konnte: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!“ (Mt 16,16). Jetzt denkt der „Fels“, dem die Schlüssel zum Himmelreich anvertraut sind, wieder nüchtern wie ein Mensch, liebevoll wie ein Freund: „Das darf nicht mit dir geschehen! Weich doch diesen harten Schlägen aus, geh nicht nach Jerusalem, nicht ins Leid, nicht in den Tod.“

Der Autor
Dominik BlumDominik Blum ist Stellvertretender Leiter der Abteilung Seelsorge im Bischöflichen Offizialat Vechta.|Foto: Privat

Wer wollte Petrus das verdenken? Jesus. Für ihn steht das göttliche Muss, der Plan seines Vaters, über allem. Über freier Zeit, über Selbstbestimmung, über dem eigenen Wohlergehen und Willen. Und wer ihm auf diesem Weg nachfolgen will, von dem verlangt Jesus dasselbe.

Deshalb fährt er Petrus so scharf an: „Tritt hinter mich, du Satan!“ (neue Einheitsübersetzung). Geh wieder in meiner Spur, heißt das. Und versuche nicht – wie der Versucher selbst – deinen eigenen Willen über die göttliche Notwendigkeit, über seinen Willen für mich zu stellen.

Soll ich mich selbst nicht ernst nehmen?

Ist das also die frohe Botschaft des Sonntags, dieses Evangelium nach den Sommerferien? Warum, so könnten wir uns gemeinsam fragen, sollten wir uns darauf einlassen – auf das göttliche Muss, das meinen Willen durchkreuzt? Was gewinne ich in einer Nachfolge hinter diesem Jesus Christus her, die erfordert, dass ich mich selbst viel weniger ernst und wichtig nehme, ja mich vielleicht sogar verleugnen und verlieren muss mit meinen Plänen, meinem Willen, meinen Zielen?

Jesus behauptet: Du gewinnst das Leben, du rettest es sogar. Aber du kannst es eben nur retten, wenn du es – wie ich – vorher verlierst. Ganz ehrlich: Das geht an die Grenze meines Verständnisses und meines Glaubens. Aber es gibt Menschen, die genau diese Erfahrung gemacht haben. Alexa Feser scheint dazuzugehören, die junge Sängerin. Denn in ihrem Lied, das mir durch ganz dunkle Stunden geholfen hat, heißt es: „Wenn dich das Leben wieder niederstreckt / Und du liegst mit dem Gesicht im Dreck, / Fang an zu graben. / Denn dort ist es verborgen, / Genau da findest du das Gold von morgen.“

Hohn und Spott

Wo alles verloren scheint, mit dem Gesicht im Dreck, da lauert das Beste, was man finden kann. Oder Jeremia, der alte Prophet. Mehr als 600 Jahre früher als Jesus wird er für die kompromisslose Nachfolge auf der Spur seines Gottes verhöhnt und verspottet (Jer 20,7). Da kann auch ein Gottesmann auf die Idee kommen, nicht mehr an den zu denken, für den er unterwegs ist, nicht mehr in seinem Namen zu sprechen, sondern doch lieber den Spöttern nach dem Mund zu reden.

Dann aber brennt in seinem Herzen und in seinen Gebeinen ein Feuer, das er nicht aushalten kann.

Gott betört, Gott ist packend. Gott überwältigt. Davon zeugt Jesus, davon berichtet Jeremia. Vielleicht findet sich eine Spur davon auch in dem Lied von Alexa Feser. Ich will versuchen, das Leben zu gewinnen, sein Gold von morgen. Auch wenn ich dabei manchmal verliere.

Sämtliche Texte der Lesungen und des Evangeliums vom 22. Sonntag im Jahreskreis (A) finden Sie hier.