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Altabt Laurentius Schlieker OSB: Gott misst nicht nach Leistung

Auslegung der Lesungen vom 25. Sonntag im Jahreskreis (A)

 Foto: aslysun (Shutterstock)

Es ist ein merkwürdiges Evangelium: das Gleichnis vom ungerechten Lohn. Laurentius Schlieker, Altabt der Benediktinerabtei Gerleve, schreibt in seiner Schriftauslegung über die ganz eigenen Rechenkünste Gottes.

Mit seinen Gleichnissen im Matthäus-Evangelium versucht uns Jesus auf die Wellenlänge seines Denkens zu bringen. Damit führt er uns immer weiter weg von unseren Vorstellungen und Gedanken, vor allem von unserem religiösen Besitzdenken. Jesus lädt ein, in den unüberschaubaren Raum der barmherzigen Liebe Gottes einzutreten, dessen Gedanken nicht unsere Gedanken, dessen Wege nicht unsere Wege sind, wie es in der Jesaja-Lesung heißt.

Die erste Gemeinde Jesu, die jüdisch war, lässt sich mit den Arbeitern vergleichen, die stundenlang im Weinberg tätig waren und einen schweren Arbeitstag hinter sich gebracht haben. Und dann kamen jene der letzten Stunde, die neuen Christen, viele von ihnen heidnischer Herkunft.

Der Gutsherr ein Ausbeuter?

Die Lesungen vom 25. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A) zum Hören finden Sie hier.

Ob der Neid auf die Neuankömmlinge eine Rolle spielte, denen ohne die Befolgung der Thora die Fülle der pfingstlichen Gaben geschenkt wurde? Wenn zumindest gefühlt die Ersten die Letzten werden und die Letzten die Ersten, muss das verkraftet werden. Der gleiche ausgezahlte Lohn scheint auf den ersten Blick unfair zu sein. Wer mehr von sich gegeben hat, sollte doch mehr bekommen! Ist der Gutsherr ein Ausbeuter?

In diesem Gleichnis wie in Jesu Lehre überhaupt geht es um Gerechtigkeit – aus dem Blickwinkel seines Vaters. Gottes Gerechtigkeit besteht aus dem grenzenlosen Geschenk seiner Liebe, die Barmherzigkeit und Mitgefühl ist. Im Gleichnis bekommen jene, die lange gearbeitet haben, nicht weniger als ihnen zusteht, vielmehr erhalten die spät Angeworbenen genau die gleiche Behandlung. Gott misst nicht nach der Leistung, sondern nach unserem Bedürfnis. 

Bitte kein Stress!

Alle, die Gerufenen der ersten bis zur letzten Stunde, haben das gleiche Bedürfnis nach Gottes Barmherzigkeit und Liebe. Jede und Jeder bekommt alles davon, in reichem, überfließendem Maß, maßlos! Die Haltung Jesu stimmt mich dankbar: Welch ein Glück, mich an der Freude Gottes beteiligen zu dürfen! Wir alle zehren von der Liebe, die nicht zählt. Falls ich mich in denen wiederfinde, die die Hitze des Tages ertragen, das heißt, über viele Jahre hinweg versucht haben, den Anforderungen des Evangeliums gerecht zu werden, bin ich doch nicht anders dran als ein Mensch, der in letzter Minute „die Kurve kriegt“ und in Gottes Liebe hinein sterben kann. 

.Jesus hat am Kreuz dem Verbrecher, der sich ihm anvertraute, zugesagt: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ Gott scheint ein notorisch kurzes Gedächtnis zu haben, was unsere Vergangenheit betrifft. Wir vertiefen unsere Verbundenheit, wenn wir voreinander ohne die Anmaßung und den Stress auskommen, immer die Ersten sein zu müssen. Jesus verwirft unser Überlegenheitsdenken. Wertschätzung erhalten jene, die als letzte oder am Ende ankommen.

Mit Zuversicht zur Abrechnung

Der Autor
Laurentius Schlieker OSB
Laurentius Schlieker OSB ist Altabt der Benediktinerabtei Gerleve. | Foto: Michael Bönte

Wenn doch in unseren Gefühlen und Gedanken die Suche nach Gott und unsere Treue zum Evangelium die Maßstäbe setzte! Zugleich dürfen wir zuversichtlich auf die „Abrechnung“ zugehen. Die Barmherzigen werden bei Gott Erbarmen finden. Und der ausgezahlte Lohn, der Gewinn, das ist das Leben mit Jesus Christus, kann nicht anders sein als für alle gleich.

Der Neutestamentler Klaus Berger beschließt sein Jesusbuch so: Wird uns einmal die Rechnung präsentiert für all das Gute das wir erlebt haben, für das, was wir aus unserem Leben gemacht haben? Es wird der Tag kommen, an dem wir aufstehen und bezahlen: Bitte die Rechnung! Doch wir haben sie ohne den Wirt gemacht. „Ich habe euch eingeladen”, sagt er und lacht. „Ich habe euch alle eingeladen, soweit die Erde reicht. Es war mir ein Vergnügen!” 

Der göttliche Schwerstarbeiter

Leben und Tod liegen in Gottes Hand. Es ist tröstlich, dass der Herr, der ein Leben lang mit uns wandert, über den Moment unserer Heimkehr entscheidet. Wenn wir immer noch hier sind, dann, weil er uns in seinem Weinberg haben will. In dieser apokalyptischen Zeit kommt es auf das Gestalten an, und auf die Gestalt, die hinter allem steht. „Sucht den Herrn, da er sich finden lässt, ruft ihn an, da er nahe ist.” Wir dürfen seinem Geist vertrauen, dem göttlichen Schwerst­arbeiter, der in uns gegenwärtig ist und arbeitet.

Hanns-Josef Ortheil beschreibt im Buch „Der Stift und das Papier“, wie er auf dem Friedhof das Grab der Eltern und eines seiner Brüder besucht: „Na?“, frage ich, „wie geht es Euch?“ Und ich höre, dass mein Vater als Ers­ter antwortet: „Du erfährst es, wenn du bei uns bist.“ Ich lasse nicht nach und frage: „Und wann bin ich bei Euch?“ Worauf meine Mutter antwortet: „Du hast noch viel zu schreiben. Aber überanstrenge dich nicht.“ 

Sämtliche Texte der Lesungen vom 23. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A) finden Sie hier.

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