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Ralph Greis zum Thema Moralpredigt mit Kinderaugen

Auslegung der Lesungen vom 25. Sonntag im Jahreskreis / Lesejahr B

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Jesus ist nicht der von vielen erwartete politische Messias, der die Macht an sich reißt. Dennoch planen die Jünger bereits ihre Rangfolge im Hofstaat. Statt einer Standpauke stellt Jesus ein Kind in ihre Mitte. Welche Botschaft damit einhergeht, erklärt Pater Ralph Greis und legt die Lesungen dieses Sonntags aus.

Die Evangelien erzählen eine eigene Art von „Apostel­geschichte“ – kein Helden­epos, sondern eine mitunter mühsame Geschichte des Lernens. Ganz allmählich und nicht ohne Schwierigkeiten verstehen die Jünger, dass der Herr nicht der von vielen erwartete politische Messias ist, dass es keine Machtübernahme in Jerusalem geben wird, nach der die Besten dann als Thron­elefanten rechts und links neben dem Meister sitzen dürfen.

An diesem Sonntag planen die Jünger aber schon einmal die Rangfolge im Hofstaat und diskutieren, wer von ihnen der Größte sei. Ausgerechnet jetzt, denn nur wenige Verse zuvor sind sie bei dem Versuch, einen Dämon auszutreiben, kläglich und vor großem Publikum gescheitert.

Statt nun Jesu Klage über ihren Unglauben und seine Mahnung zum Gebet in ihre Herzen zu lassen, blasen sie diese offensichtlichen Hohlräume mit den Abgasen ihrer Selbstgefälligkeit auf. Ein alter Bewältigungsmechanismus, der auch heute noch beliebt ist.

Jesus hält keine Standpauke

Die Lesungen vom 25. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B) zum Hören finden Sie hier.

Und doch: Gerade diese Jünger hat der Herr berufen. Sie sind kein Kontrastmittel, um seine Botschaft zu verdeutlichen, sie sind Menschen mit allem Guten und mit allem, was der Heilung bedarf. Jesu Geduld, die ihnen das Lernen ermöglicht, gehört zum Evangelium dazu.

Der Herr hält seinen Jüngern keine Standpauke. Er stellt ein Kind in ihre Mitte. Mitten hinein, nicht gegenüber. Er macht kein abstraktes Ideal aus dem Kind und richtet nun den Zeigestock auf die Tafel, sondern er nimmt ein lebendiges Menschenwesen in die Arme. Kein erhobener Alpha-Finger, sondern eine Umarmung. Es geht nicht um eine Eigenschaft an diesem Kind, die nachzuahmen wäre, sondern es geht um dieses Kind selbst, um die lebendigen Kinder dieser Welt.

Verantwortung für Mitmenschen übernehmen

Ohne die Augen der Kinder kann das Reich Gottes, das doch schon begonnen hat, nicht aufleuchten. Es kann erst dann Gestalt gewinnen, wenn wir Verantwortung für unsere lebendigen Mitmenschen übernehmen, wenn wir durch Aufmerksamkeit, Zuneigung und Liebe die selbst angelegten Minenfelder unserer Eitelkeit wieder passierbar machen.

Vielleicht vermag es ein Kind statt einer Moralpredigt, dass aus manch aufgeblasenem Ego der Stöpsel von ganz allein herausrutscht, und wie wohltuend mag es sein, von solchen metaphysischen Blähungen befreit zu werden. Das könnte uns als Einzelnen wie im Zusammenleben eine ungeahnte Bewegungsfreiheit schenken.

Der Jakobusbrief gehört zu den Ergebnissen einer apostolischen Lerngeschichte – und bleibt aktuell: Eifersucht, Streit und unbeherrschte Leidenschaften vergiften in der Kirche wie in der bürgerlichen Gesellschaft die Luft, wenn wir lieber unser eigenes, oft rußendes Licht leuchten lassen wollen, als uns den Glanz der Gotteskindschaft schenken zu lassen. Die Alternative des Friedens kann aber nur dann wachsen, wenn wir Gott die Saat seiner statt unserer kleinen Gerechtigkeit ausstreuen lassen.

Verantwortung ist gewaltig

Der Autor
Ralph Greis ist Mönch der Benediktinerabtei Gerleve. | Foto: privat
Ralph Greis ist Mönch der Benediktinerabtei Gerleve. | Foto: privat

Davon spricht auch die erste Lesung aus dem Buch der Weisheit. Sie ist nicht nur eine Prophetie über Leiden und Tod Jesu, sondern stellt uns die Frage, wer uns denn ein Dorn im Auge ist, im Weg steht, uns das, was wir als unser gutes Recht ansehen, scheinbar nicht gönnt und deshalb weg muss. Auch heute wird der Herr in manchen Mitmenschen beseitigt, die anders sind, als wir sie gern hätten.

„Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf.“ Es geht um dieses Kind und um die Kinder in ihrer Angewiesenheit auf Hilfe. Gerade in ihrer Bedürftigkeit nach Zuwendung und Liebe, in ihrem Ausgeliefert-Sein will der Herr uns und unserer Fähigkeit zur Liebe begegnen. Die Verantwortung ist gewaltig. Aber der Herr traut uns das zu. Wer dagegen ein Kind ausnutzt, manipuliert und missbraucht, wer ihm Gewalt antut, der schändet das Kind und mit ihm den lebendigen Gott.

Wir lernen mit den Jüngern

Wir alle sind Kinder Gottes des Vaters und Glieder seines Reiches. Wir sollen einander wie Kinder, ja als Kinder annehmen und füreinander Sorge tragen. Mit den Jüngern dürfen wir das lernen. Erst dann werden wir wirklich erfahren, dass Gott uns in die Arme schließt, dass Jesus als Menschensohn unser Bruder ist, dass mit seiner Gegenwart in unseren Geschwis­tern sein Reich Wirklichkeit ist. Kein noch so großes Ego, kein Selbst-Etwas-Gelten-Wollen kann das aufwiegen, was der Herr uns Kindern schenkt.

Das Kind in Jesu Armen ist die Gegenwart seines Reiches. Wenn wir wollen, sind wir mitten darin.

Sämtliche Texte der Lesungen vom 25. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B) finden Sie hier.

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