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Barbara Kockmann: Ein Blick, der Ansehen schenkt

Auslegung der Lesungen vom 31. Sonntag im Jahreskreis / Lesejahr C

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Viel zu oft kommen im Alltag persönliche Begegnungen zu kurz. Dabei hat Jesus uns bei der Begegnung mit Zachäus gezeigt, wie wichtig so ein Gesehen-werden ist, sagt Barbara Kockmann und legt die Lesungen dieses Sonntags aus.

Bestimmt ist uns allen die Erzählung des Zachäus schon begegnet – sei es im Familiengottesdienst, bei der Erstkommunionvorbereitung oder im Religionsunterricht. Das Leben des Zachäus, des obersten Zollwächters, ist durch Ungerechtigkeit, Bestechung und Erpressung gekennzeichnet. Da wundert es nicht, dass er bei seinen Mitmenschen sehr unbeliebt ist.

Jesus kommt in die Stadt, und viele Menschen möchten ihn sehen. Auch Zachäus – aber er ist zu klein, um Jesus in der Menge erblicken zu können. Der Zöllner will jedoch unbedingt sehen, wer Jesus ist. An strategisch güns­tiger Stelle klettert er auf einen Baum, um seine Chancen zu erhöhen. Selbst vermögend und einflussreich, ist ihm sein Vorhaben einige Mühe wert. Was erhofft er sich, in Jesus zu sehen? Was ist für ihn, der viel hat, das „Mehr“, das ihn antreibt? Ist es Neugier, weil so viele andere auch kommen? Zachäus möchte sich selbst überzeugen, wer dieser Jesus ist.

Gesehen werden verleiht Ansehen

Die Lesungen vom 31. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C) zum Hören finden Sie hier.

Jesus entdeckt ihn im Baum. Er sieht zu ihm hinauf und spricht ihn mit seinem Namen an. Woher wusste er, wie Zachäus heißt? Die Unmittelbarkeit, in der Lukas die Begegnung erzählt, trifft mich: Mit dem Namen angesprochen zu werden, öffnet Ohr und Herz. Im Augen-Blick mit Jesus erfährt Zachäus: Er sieht mich an, gibt mir An-Sehen – kennt mich mit meinem Namen und ruft mich. Zachäus entdeckt, dass er in den Augen von Jesus es wert ist, sein Gastgeber zu sein.

Face to face, Begegnung im Augen-Blick: Im Alltag nehme ich mir dafür kaum Zeit. Da ist es für mich eher ein Passieren, ein Aneinander-vorbei-gehen. Die eigentliche Begegnung geht oft unter, in Zeiten dieser Corona-Pandemie sowieso.

Wie nehmen wir andere Menschen wahr?

Wann ist mir das zuletzt passiert? Jemanden suchen im Sinn eines Sehens und Entdecken-Wollens, wer die, wer der andere ist? Und in dieser Begegnung selbst gefunden werden? Wer die und der andere ist, erfahre ich im Gespräch, in der persönlichen Begegnung. Im Zuhören und weiter Zuhören, im Zeit-füreinander-nehmen. Angesichts der Menschenmenge, die um Jesus ist, kann Zachäus damit nicht rechnen.

Wie hätten wir gehandelt? In der Lesung aus dem Buch der Weisheit hören wir, dass der Herr alles liebt, was ist und nichts verabscheut von dem, was er gemacht hat. Die Lesung fordert uns heraus, zu überprüfen, wie wir andere Menschen ansehen, wahrnehmen und mit ihnen umgehen. Schützen wir sie als etwas, das Gott gemacht hat, und sehen wir mit dem Blick der Liebe auf unsere Mitmenschen? Weiter noch: Prägt dieser Blick unser Verhalten als Kirche? Für mich als junge Frau in der Kirche stellt sich, und das seit dem Synodalen Weg mehr denn je, die Frage: Was für eine Kirche will ich, wollen wir sein?

Wenn Begegnungen zur Umkehr bewegen

Die Autorin
Barbara Kockmann
Barbara Kockmann ist Pastoralreferentin in Dülmen und Schulseelsorgerin an der bischöflichen Marienschule. | Foto: privat

Viele Menschen haben sich von ihr abgewendet, weil sie jenen Vertrauensvorschuss vermissen, der Zachäus zuteilwird. Viele fühlen sich nicht beheimatet oder gar obdachlos, weil sie den Eindruck haben, erst einmal eine ganze Liste von Vorgaben erfüllen zu müssen, um dazugehören zu dürfen. Sie fühlen sich nicht in den Blick genommen mit ihren Lebenssituationen und fühlen sich eher gemus­tert, verurteilt als auf Augenhöhe angesehen. Jesus aber weist einen ganz anderen Weg: Bei ihm müssen die Menschen nicht erst einen Katalog von Fehlern korrigieren, um seiner Nähe würdig zu sein. Er schenkt ihnen seine Zuwendung vorbehaltlos.

Zachäus wird von Jesus auf dem Baum gesehen, als ganze Person. Jesus nimmt ihn ernst – mit allem, was ihn ausmacht. So bekommt er durch die Begegnung mit Jesus seine Würde, seine Selbstachtung, sein Ansehen als Mensch zurück. Dieser Blick Jesu verwandelt Zachäus: Er selbst wandelt durch die Begegnung mit Jesus sein Leben, verschenkt einen Teil seiner Einnahmen und zahlt vorher erpresstes Geld vielfach zurück. Die Umkehr des Zachäus gewährt Zukunft in der Begegnung mit Jesus, der uns anschaut und eine liebende, versöhnende Erneuerung unseres Lebens bewirkt.

Mit Zachäus sehen, wer Jesus ist: Das kann für uns heute eine Einladung sein, mit den Menschen um uns herum in Kontakt und in Begegnung zu kommen. Lassen auch wir uns von Jesus bei unserem Namen, in unserem Mensch-Sein rufen, damit wir in der Tiefe unseres Herzens seine Stimme hören, die sagt: „Heute muss ich in deinem Haus zu Gast sein“ – das heißt, in Deinem Herzen und in Deinem Leben.

Sämtliche Texte der Lesungen vom 31. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C) finden Sie hier.

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