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Pastor Reinhard Kleinewiese aus Ahlen sucht gute Hirtinnen und Hirten

Auslegung der Lesungen vom 4. Sonntag der Osterzeit (Lesejahr B)

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„Ich bin der gute Hirt”, sagt Jesus im Evangelium dieses Sonntags. Doch müssen dabei immer nur männliche Hirten gemeint sein? Nur Priester? Was ist mit den Christinnen und Christen und dem Hirtendienst füreinander? Schriftauslegung von Pastor Reinhard Kleinewiese aus Ahlen.

Sie war Titelmotiv eines Adventskalenders vor vielen Jahren: Eine Hirtin. Gestützt auf einen langen Hirtenstab, geht ihr offener weiter Blick über die Schafherde in die Ferne. So selten wie die Berufswahl, ist das Bildmotiv mit einer Frau – und gerade dies lässt mich beim Bild bleiben und tiefer eintauchen. Mich verzaubert die Natürlichkeit ihres Ausdrucks in Gesicht und Haltung; der wind- und wettertaugliche Umhang, der Hut im Nacken.

Ich mag ihr zerzaustes Haar, den konzentrierten Blick aus halb geschlossenen Augen. Aus besonderem Holz ist ihr Hirtenstab gearbeitet: Ein mittelstarker Ast, natürlich, ohne Schnörkel. Aufrecht ist die Hirtin, in sich ruhend. Sie ist nah bei ihrer Herde und zugleich weit auf ein Ziel hin ausgerichtet; so als beobachte sie die Wetterlage, die Landschaft oder etwas sehr konkret auf sie und die Herde Zukommendes.

Sie kennt jedes Schaf

Die Lesungen vom 4. Sonntag der Osterzeit (Lesejahr B) zum Hören finden Sie hier.

Jeglicher romantisierende Rahmen fehlt diesem Bild, auch jegliche Künstlichkeit oder Weltfremdheit. Hier ist eine „auf der Hut”– eine gute Hirtin: Hüten und schützen, sorgen und führen, fühlen und wissen. Ich traue ihr zu, jedes ihrer Schafe mit Namen zu kennen; und mit absoluter Sicherheit weiß sie um Eigenarten und Bockigkeiten, Stärken und Schwachstellen, Schutzbedürftigkeit und Lieblingsorte ihrer Tiere.

Die Erfahrung hat sie gelehrt, wo die nächste Weidefläche wartet und wie der Weg dorthin sicher zu finden ist. Nur zu gut kennt sie die Gefahren, die im Innen und Außen lauern: Müdigkeit und Schwerfälligkeit, Sturheit und Perspektivlosigkeit. Sie hat Erfahrung im Umgang mit Räubern und Dieben, also mit allem, was dem Leben das Leben rauben oder den Sinn stehlen kann. Mit Eindringlingen und Wegelagerern, Wölfen in Schafspelzen – zum Verwechseln ähnlich. Allein der richtige Hirte, die wahre Hirtin kommt durch die Tür; alle anderen dringen durch Seitenfenster, Hintereingänge, Schlupflöcher und Notausgänge ein.

Wem gehörst du?

Wen lässt du ein? Wen erwartest du? Auf wen hörst du? Wem gehörst du? In Zeiten hochgradiger Individualisierung der westlichen Gesellschaften, die sich auch in Kirche und Gemeinden abbildet, gerät die Frage nach guten Hirten und Hirtinnen, nach kompetenter und sorgsamer Leitung neu in den Blick und auf den Prüfstand.

Was „amtlich bestellt” ist an Hirten, wird in ihrer Qualität heute deutlich kritischer gesehen als es noch vor 40 Jahren geschah: Zuviel geschah aus Profilierungssucht, Machtgebaren, Angst oder Engstirnigkeit. Leider überschatten die Negativschlagzeilen das vielfach Geglückte und Liebevolle, das erst Namen und Grundauftrag der Hirten begründet.

Jesus, der Urtyp des Hirten

Der Autor
Reinhard Kleinewiese
Reinhard Kleinewiese ist Pastor in St. Bartholomäus Ahlen. | Foto: privat

Dabei liegt der Maßstab klar vor: Alle Gemeinten sind in Wort und Tat zu messen an dem Einen, den Petrus – erfüllt vom Heiligen Geist – klar bekennt: Alles geschieht „im Namen Jesu Christi, des Nazoräers, den ihr gekreuzigt habt und den Gott von den Toten auferweckt hat” (Apg 4,10).

Es sind jene untrüglichen Kriterien, die dem Urtyp des guten Hirten, Jesus Christus, wichtig waren und sind: Die Liebe – als unbedingte Hinwendung zum Nächsten und Allernächsten; eine freimachende und freisetzende Wahrhaftigkeit; der Verzicht auf Macht­gelüs­te und dafür das Vermögen, in die Weite und die Tiefe zu schauen; die Sehnsucht nach Gottes grünen Weiden und Weiten offen zu halten; der Mut, gemeinsam zu suchen, zu probieren und zu finden; den Räubern die Stirn zu bieten und immer die Tür zu benutzen.

Frischer Wind im Weideland

„Ich bin der gute Hirte” (Joh 10,11) – Steilvorlage klassischer johanneischer Christologie: Die „Ich-bin-Worte”. Hier redet einer, der ist, was er sagt und definiert, was er bedeutet. „Es ist uns Menschen kein anderer Name unter dem Himmel gegeben, durch den wir gerettet werden sollen“ (Apg 4,12). Klare Kante.

Die Hirtin des Ausgangsbildes lässt mich ein wenig weiter träumen: Dass es möglich wird, ja werden muss, möglichst viele solcher Frauen und Männer neu aufzuspüren und – jenseits klassischer und festgefahrener Rollenbilder und Klischees – frischen Wind durchs grüne Weideland streichen zu lassen.

Dazu erkenne ich jetzt schon im Wasserzeichen der Taufe viele gute Hirtinnen und etliche gute Hirten. Denn – nicht zuletzt, sondern vor allem gilt: Sie und ich, wir können im Namen Jesu füreinander solche guten Hirtinnen und Hirten sein.

Sämtliche Texte der Lesungen vom 4. Sonntag der Osterzeit (Lesejahr B) finden Sie hier.

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