___STEADY_PAYWALL___

Pfarrer Bernd Holtkamp aus Bakum: Wie Sie sehen, sehen Sie nichts

Auslegung der Lesungen vom 5. Fastensonntag (Lesejahr B)

Anzeige

Mit diesem fünften Fastensonntag, auch "Passionssonntag" genannt, zieht die Schwere des Leidens und Sterbens Jesu in die Gottesdienste. In den Kirchen werden die Kreuze verhüllt: Das ermöglicht eine neue Perspektive. Das erfahren auch die Menschen, die die Jünger bitten: "Wir möchten Jesus sehen." Dazu die Schriftauslegung dieses Sonntags von Pfarrer Bernd Holtkamp aus Bakum.

Menschliches Leid, Gewalttaten, auch Unfälle haben auf nicht wenige Menschen eine starke Anziehungskraft: „Bitte gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen.“ Zu diesem Appell sehen sich mitunter Rettungskräfte genötigt, um Schaulustige zurückzudrängen. Worin nur mag der Reiz liegen, fremdes Leid optisch wahrzunehmen zu wollen?

In Jerusalem braut sich in jenen Tagen etwas zusammen. Viele Pilger haben sich auf den Weg in die Heilige Stadt gemacht, um das Pessachfest zu feiern. Unter ihnen ist auch Jesus, der kurz zuvor mit der Auferweckung des Lazarus unbeabsichtigt Aufsehen erregt hat; sehr zum Argwohn der religiösen Obrigkeit. Auch Griechen sind zum Paschafest angereist. Mit einer recht bescheidenen Bitte wenden sich diese an die Jünger: „Wir möchten Jesus sehen.“ Gaffer sind es nicht, die so reden. Vielmehr handelt es sich um Gottesfürchtige.

Jesu Botschaft atmet Weite

Die Lesungen vom 5. Fastensonntag (Lesejahr B) zum Hören finden Sie hier.

Diese Nichtjuden haben sich das Wort Gottes zu Herzen gehen lassen, fühlen sich zutiefst angesprochen von der Weisheit und dem Anspruch der Tora, der Weisung Gottes, und sie sehnen sich nach Erkenntnis des Herrn. Es sind Sympathisanten, die möglicherweise auch von der Weite gehört haben, die Jesu Evangelium atmet.

„Wir möchten Jesus sehen.“ Andreas, der gemeinsam mit Philippus diese Bitte an Jesus weitergibt, hatte einst ähnlich sehnsüchtig gefragt: „Herr, wo wohnst du? Worin machst du dich fest?“ Gemeinsam mit den anderen Jüngern und Jüngerinnen durfte er Schüler werden; möglicherweise konnte er bereits erahnen, dass sich in Jesus das prophetische Wort der ers­ten Lesung verwirklicht: „Ich lege meine Weisung in sie hinein und schreibe sie auf ihr Herz“ (Jer 31,33).

Gaffer kommen, Jünger gehen

Dass Schülerschaft nicht endet, dass die Erkenntnis des Herrn nicht schöngeistig, fleischlos und ungeerdet ist, wird nun offenkundig. In einer letzten öffentlichen Rede bietet Jesus einen Leseschlüssel für das jetzt heraufziehende Ungemach an. Er sieht im Hinzutreten der Heiden, die ihn sehen wollen, seine Stunde gekommen.

Die Passion vom Schauprozess bis hin zur brutalen Vollstreckung des Todesurteils wird sich vor den Augen der Öffentlichkeit ereignen. Gaffer werden sich einfinden, um sich an diesem Drama zu erfreuen. Viele seiner Schüler, selbst die scheinbar treuesten, werden es hingegen nicht mit ansehen können und das Weite suchen.

Eine besondere Schau im Petersdom

Der Autor
Bernd Holtkamp, Pfarrer in St. Johannes Bapt. Bakum.
Bernd Holtkamp, Pfarrer in St. Johannes Bapt. Bakum.

Mitleid, Kopfschütteln und Entsetzen – die Bandbreite der Reaktionen ist groß. Dass ausgerechnet einem heidnischen Soldaten die Augen aufgehen, ist bemerkenswert. In Vorausahnung seines Schicksals stellt Jesus klar: ein Unfall, ein passives Unter-die-Räder-Kommen ist all dies nicht. Im Gegenteil. Er nennt seine Passion Erhöhung und Verherrlichung.

Spätestens ab dem fünften Fastensonntag laden die in den Kirchen verhüllten Kreuze ein, die Passion des Herrn und seine Bedeutung neu zu erschließen und um tiefere Einsicht zu ringen. Im Petersdom in Rom künden Glocken am Nachmittag desselben Tages an, dass ein besonderer Gegenstand zur Anschauung ausgestellt wird.

In früheren Zeiten wird dieses Ereignis wahrscheinlich deutlich mehr Schaulustige angelockt haben. Auf der Empore des sogenannten Veronikapfeilers, auf dem die Kuppel des Petersdomes ruht, halten violett gewandete Männer für einen kurzen Augenblick eine Art Bilderahmen in die Höhe, der das vermeintliche „Schweißtuch der Veronika“ zeigen soll. Ehrlicherweise müssten die Prälaten rufen: „Bitte gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen.“ Denn auf dem ausgestellten Tuch ist tatsächlich nichts zu sehen. Was sollte man auch sehen? Für die Erkenntnis des Herrn genügt nicht eine optische Wahrnehmung.

Jesu Leid zieht Menschen an

Dennoch lässt sich nicht leugnen, dass die Passion Jesu eine anziehende Wirkung hat. Jesus kündigt es sogar selbst an: „Und ich, wenn ich von der Erde erhöht bin, werde alle zu mir ziehen.“ Was ist das? Was wirkt da so anziehend und zugleich erschütternd?

Mich persönlich berührt immer wieder die Souveränität und Konsequenz, die Jesus an den Tag legt, gerade auch in seiner letzten öffentlichen Rede. Gewiss, wir hören auch von einem inneren Ringen Jesu, von Erschütterung, von Schreien und Tränen (vgl. Hebr 5,7). Am Ende geht er aber doch seinen Weg, indem er in Freiheit Zeugnis ablegt von der Treue Gottes. Und Gott erweist sich als der, der in Treue Wort hält: Der Neue Bund ist aufgerichtet. Gottes Wort lädt uns ein, dieses Geheimnis abermals zu enthüllen.

Sämtliche Texte der Lesungen vom 5. Fastensonntag (Lesejahr B) finden Sie hier.

Drucken
Anzeige
Anzeige
Anzeige
  • Kampanile - Medieagentur