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Pater Elmar Salmann: Ein Stall wird zur Weltbühne

Auslegung der Lesungen vom Neujahr/Hochfest der Gottesmutter / Lesejahr A

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Der 1. Januar ist nicht nur Neujahr. Kirchlich gesehen ist es das Fest der Gottesmutter. Und in diesem Jahr zugleich ein Sonntag. Festlicher könnte ein neues Jahr gar nicht beginnen, sagt Pater Elmar Salmann aus der Abtei Gerleve in seiner Schriftauslegung. Und erklärt, dass das weit mehr als reine Feierei meint.

Bei den Bundesbürgern wird es kaum jemanden geben, der beim Datum des 1. Januar an die Gottesmutter denkt, allen wird als erstes und oft einziges Stichwort „Neujahr“ einfallen. Und tatsächlich: Es ist Neujahr. Der Tag steht mit dem großen Segenswort aus dem Buch Numeri unter dem Zuspruch der Zuwendung Gottes. Das wird knapp und reich entfaltet: Wir seien behütet, in der Huld Gottes, sein Angesicht leuchte über uns und gewähre uns Ansehen, endlich solle der Name dieses Gottes das Geschick Israels begleiten, ihm „aufliegen“ und angelegen sein. All das sammelt sich in Wort und Gestalt des Segens, des bene-dicere, also des Bundes von Gutheißung, Zuwendung, Rühmung. Das Neue Jahr steht, so unwahrscheinlich es uns vorkommen mag, unter dem guten Vorzeichen einer Neugeburt von Gott her. Das ist die offene Wette, mit der alles anfängt.

Tag der Erinnerung

Die Lesungen vom Neujahr/Hochfest der Gottesmutter (Lesejahr A) zum Hören finden Sie hier.

Es ist zugleich der Tag der Erinnerung an eine solche Geburt und der Offenbarung der Spannweite und des Sich-Einlassens Gottes, so der Galaterbrief. Gott ist kein Patriarch oder Einmannbetrieb, also monoton, sondern Sohn, Wort, dialogisch, vielstimmig und vielgesichtig. Er erscheint als menschliches Antlitz und Geschick, damit auch wir einbezogen würden in den göttlichen Lebenskreislauf. Mehrfach geschieht hier die Neugeburt: ewig in Gott, zeitlich in der Gestalt Jesu, endlich in der erneuerten Existenz des Menschen als Kind und Erbe.

Es ist ein Marienfest. Beiläufig und doch auffällig betont Paulus die Geburt aus einer Frau, freilich nicht aus einer beliebigen, sondern aus jener, die Gott gegenüber besonders aufgeschlossen war und sich seiner Ankunft zu öffnen und sie auszutragen wusste. Sie meditierte das Wort Gottes und das der Menschen, die sie über­raschenden Ereignisse und das ihr zugekommene göttliche Wort, das die Gestalt ihres Sohnes annahm. Ein Fest der Mutter des Gottes- und Menschensohnes also.

Misstrauische Politiker, prunkvolle Weise

Langsam dringt das besondere Geheimnis dieser Geburt über die Intimität der Familie hinaus, zu den Armen, den Hirten, bis zu den misstrauischen Politikern und den prunkvollen Weisen aus dem fernen Morgenland. Aus dem Stall wird die Weltbühne, aus dem unscheinbaren Geschehen am Rande der Welt eine Weltreligion, aus dem zerbrechlichen Geheimnis ein Glaubensbekenntnis, gar ein Dogma, also eine geistige Durchdringung und Beschreibung des Innenwesens Jesu und damit seiner Mutter. So gehört in den Umkreis dieses Tages das Konzil von Ephesus (431), das den Begriff der „Gottesmutter“ definiert und die entscheidenden christologischen Wegmarken der Synode von Chalcedon (451) vorbereitet.

Es ist der Tag des Eintritts in die „Öffentlichkeit“, der Beschneidung und Namensgebung Jesu. Dieser Akt der Initiation gab dem Tag früher Namen und Gehalt, mit dem kürzesten Evangelium des ganzen Kirchenjahres (Vers 21, dem Schlusssatz des heutigen Textes), was mir als Kind immer Eindruck machte.

Viel Lärm und tiefes Schweigen

Pater Elmar Salmann war lange Jahre Theologieprofessor in Rom. Er lebt als Mönch in der Benediktinerabtei Gerleve. | Foto: P. Bartholomäus Denz
Pater Elmar Salmann war lange Jahre Theologieprofessor in Rom. Er lebt als Mönch in der Benediktinerabtei Gerleve. | Foto: P. Bartholomäus Denz

Es schien, als wolle die Kirche Rücksicht nehmen auf die an diesem Morgen meist beschränkte Aufnahme­fähigkeit der Leute. Im anfänglichen Segen aus Numeri hieß es, der Name Gottes solle sich auf das Volk legen; hier nun empfängt der ewige Sohn Gottes seinen irdischen Namen , der Gottes Hut, Huld und Heil ankündigt und vergegenwärtigt.

Es ist in diesem Jahr ein Sonntag, der von Gott her zugesprochene und eingeräumte Segens- und Ruhetag der Woche. Dass das Jahr mit einer Nacht und einem Tag des Festes anhebt, mit viel Lärm und tiefem Schweigen, einem Übergang, den wir nie hinter uns lassen und jedes Jahr begehen, als Wiederholung – und doch kindlich frisch und anders, allen Zeitläuften zum Trotz und zugleich ihrer eingedenk.

Wichtige Lebens-Riten

Das sagt viel über den Menschen, der Riten braucht, um leben zu können. Der schwache, der Geschichte ausgelieferte Mensch braucht die Betäubung, das lautstarke Vertreiben der Dämonen, das Miteinander, das Schenken und Empfangen, auch das Überflüssige, den kleinen Luxus, das Mehr, die Bilder erlösten Lebens, der Neugeburt, die Erinnerung Gottes, das Schweigen, die Einsamkeit, das Gebet.

Was ein Tag alles in sich birgt und offenbart; Weltliches und Religiöses, alltägliche und göttliche Weisheit. In der Gottmutter Maria haben viele Generationen ein Sinnbild dieser Konstellation gesehen und sie als Ikone des Trostes angeschaut und verehrt, in ihr eigenes Leben aufgenommen und verinnerlicht.

Sämtliche Texte der Lesungen vom Neujahr/Hochfest der Gottesmutter (Lesejahr A) finden Sie hier.

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