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Pfarreiratsmitglied Cynthia Rosenberger will anderen Opfern Mut machen

Betroffene bringt Thema Missbrauch auf die Kanzel in Delmenhorst

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Auch in Delmenhorst hat ein Priester Kinder sexuell missbraucht. Deshalb will die St.-Marien-Pfarrei das Thema wachhalten. An diesem Wochenende wird eine Frau aus dem Pfarreirat in zwei Gottesdiensten über ihre Erfahrungen sprechen. Sie wurde selbst von einem engen Familienmitglied missbraucht – und will Betroffene ermutigen, über ihr Leid zu sprechen.

Sie will das Thema wachhalten. Auch, weil Cynthia Rosenberger selbst Betroffene sexuellen Missbrauchs ist. Nicht von sexuellem Missbrauch durch Priester, sondern in der Familie. Als Grundschulkind – damals lebte sie in Düsseldorf – habe sich ein „sehr naher Verwandter“ an ihr vergangen. Genauer wird sie nicht. Fast 40 Jahre ist es her, immer noch fällt es ihr schwer, darüber zu sprechen.

Ihr Täter wurde 2014 zu drei Jahren Gefängnis wegen Missbrauchs in einem anderen Fall verurteilt. Zwei Wochen vor Haftantritt nahm er sich das Leben. Für die 44-Jährige war es damit aber nicht zu Ende. Jahrelang litt sie an schweren Depressionen, brauchte intensive Therapien und einen Klinikaufenthalt, um in ein relativ normales Leben zurückzufinden.

Gesprächsabend am 28. Mai im Delmenhorster Pfarrheim

An diesem Wochenende (21./22. Mai) wird Cynthia Rosenberger über ihre Erfahrungen sprechen, in zwei Gottesdiensten in der Delmenhorster St.-Marien-Kirche. Außerdem wird sie eine Woche später bei einem Gesprächsabend im Pfarrheim für weitere Fragen zur Verfügung stehen.

„Wir wollen damit deutlich machen: Über das Thema Missbrauch muss man weiterhin reden!“, erklärt Pfarrer Guido Wachtel. „Wir wollen das als Thema wachhalten.“ Gerade in Delmenhorst. Denn dort zähle das zum Umgang mit der eigenen Geschichte. Einer der Missbrauchstäter unter den Priestern des Bistums Münster, der mittlerweile verstorben ist, war über Jahrzehnte Pfarrer in der damals noch selbstständigen Pfarrei Allerheiligen.

Zeichen gegen das Totschweigen

„Im Pfarreirat und im Kirchenausschuss ist das immer wieder Thema“, sagt Guido Wachtel. „Die Frage: Wie gehen wir mit der Geschichte um? Auch mit Blick auf die anstehende Veröffentlichung des Missbrauchsgutachtens für das Bistum Münster.“ Am 13. Juni wird eine unabhängige Historiker-Kommission der Universität Münster ihre Erkenntnisse präsentieren. Die Diözese hatte sie vor drei Jahren damit beauftragt, unabhängig den Umgang des Bistums mit Missbrauch ab 1945 zu erforschen. Die Pfarrei in Delmenhorst hat eine neue Präventionsordnung beschlossen. Außerdem hängen seit Ostern Plakate mit der Aufschrift „Wir leben Kirche anders“ vor den Kirchen. Offen, transparent, ehrlich.

Cynthia Rosenberger, die seit dem vergangenen Jahr als Mitglied im Pfarreirat mitberät, als Firmkatechetin im Einsatz ist und bis vor kurzem Lektorin war, möchte das ebenfalls zeigen. Sie versteht ihr öffentliches Auftreten auch als Zeichen gegen ein Totschweigen von sexuellem Missbrauch, egal durch wen. Sie will Betroffene ermutigen, über ihre Erfahrungen zu sprechen. „Zum Beispiel Jugendliche, die sich nicht trauen und die wissen sollen: Da ist jemand, der hat das erlebt und der weiß, wovon ich spreche.“

Betroffene sollen gehört werden

Die Delmenhorster Kirche Allerheiligen. Der mittlerweile verstorbene langjährige Pfarrer dort war Missbrauchstäter. | Foto: Michael Rottmann
Die Delmenhorster Kirche Allerheiligen. Ein mittlerweile verstorbener, langjähriger Pfarrer dort war Missbrauchstäter. | Foto: Michael Rottmann

Und sie möchte, dass Betroffene stärker gehört und mit ihren Wünschen wahrgenommen werden. „Dass sie die Möglichkeit haben, aktiv zu sagen, wie sie sich den Umgang der Gemeinde mit ihrer Situation wünschen. Vielleicht durch regelmäßige Fürbitten oder Gesprächskreise.“

Finden von sexuellem Missbrauch Betroffene denn bisher genug Beachtung in der Gemeinde? „Da kann, glaube ich, noch sehr viel wachsen“, sagt Guido Wachtel. „Aber ich habe die Hoffnung, dass der offene Umgang in der Gemeinde Räume eröffnet und einen neuen Umgang mit dem schweren Thema möglich macht. Vielleicht ergibt sich etwas. Wir gehen voran, und wir wollen uns dem stellen.“ Aber ohne Betroffenen vorzugeben, wie das gehen soll.

„Missbrauch ist Teil unseres Erbes“

Offen über Missbrauch reden und das Thema nicht wegschieben oder verdrängen, wie es Cynthia Rosenberger manchmal bei Menschen erlebt. Die sagen: „Nun ist es aber auch gut! Es ist doch schon so lange her.“ In der ersten Zeit habe sie so etwas sehr getroffen. Erst in der Klinik habe sie gelernt, damit umzugehen.

Auch Pfarrer Wachtel hört ab und zu Ähnliches. Sätze wie: „Es wird immer auf die Kirche eingeprügelt. In Sportvereinen gibt es doch ebenso viel Missbrauch. Warum steht das nicht in der Tagesschau an erster Stelle, sondern die Geschichte eines Priesters, der vor langer Zeit etwas getan hat?“

Er sage dann immer: „Das ist ein Teil unseres Erbes. Da müssen wir ran“, erzählt Wachtel. Auch an die über Jahrzehnte verfestigten Strukturen, die Missbrauch, Verschweigen und Vertuschen begünstigt haben. „Das müssen wir ändern, um diese Fallen künftig möglichst zu vermeiden.“ Dieser Prozess dauere lange, manchmal eben auch Jahrzehnte.

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