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Gemeinde Liebfrauen Bocholt will für sexualisierte Gewalt sensibilisieren

Podcast, Kino, Gespräche: Wie eine Pfarrei Missbrauch aufarbeitet

  • 2022 wird die unabhängige Kommission unter der Leitung des Historikers Thomas Großbölting ihre Ergebnisse zu den Missbrauchsfällen im Bistum Münster vorstellen.
  • Die Pfarrei Liebfrauen in Bocholt ist unmittelbar durch einen Täter betroffen. Die Gemeinde möchte das Thema bei sich wachhalten und für sexualisierte Gewalt sensibilisieren.
  • Es gibt einen eigenen Podcast, Vorträge und einen Kinoabend
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Es ist zwei Jahre her, dass das Bistum Münster auf einer Gemeindeversammlung in Bocholt-Barlo die Aufklärung der Missbrauchstaten des verstorbenen Pfarrers W. und des Umgangs des Bistums damit zugesagt hat. Ein weiters Jahr wird vergehen, bis 2022 die unabhängige Kommission, die mit der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle im Bistum Münster betraut ist, ihre Ergebnisse vorstellen wird.

Eine Zeit, die die Pfarrei Liebfrauen in Bocholt nicht ungenutzt verstreichen lassen möchte. „2019 wurde unsere Pfarrei mit der Tatsache konfrontiert, dass der verstorbene Pfarrer, langjähriger Pfarrer eines Gemeindeteils, sexuellen Missbrauch begangen hatte“, sagt Pfarrer Rafael van Straelen im Gespräch mit „Kirche-und-Leben.de“.

Erst da wurde auch bekannt, dass der zuvor beliebte Priester schon 1976 wegen sexueller Handlungen an Minderjährigen verurteilt worden war, aber weiter in der Gemeindeearbeit eingesetzt wurde.

„Wie können wir mit der Tatsache umgehen?“

"Hörmal - der Podcast von Liebfrauen Bocholt".
Der Podcast „Hörmal – der Podcast von Liebfrauen Bocholt“ wurde aus der Not geboren und hilft jetzt, die Ohren auf zu halten zum Thema sexualisierte Gewalt. | Foto: Screenshot

Es habe viele Irritationen, Fragen und Wut nicht nur an diesem Gemeindeabend gegeben, blickt der Pfarrer zurück, doch die Haltung der Pfarrei war klar: „Wir möchten das Thema bei uns präsent halten. Wir haben dann weiter überlegt, wie können wir eigentlich mit dieser Tatsache umgehen?“

Aus dem Pfarreirat ging daraufhin der Arbeitskreis „Aufarbeitung“ hervor. Gemeint sei damit nicht der rechtliche oder historische Hintergrund im Fall des verstorbenen Pfarrers W., sondern die grundsätzliche Auseinandersetzung mit dem Thema „sexuelle Gewalt“. Die Pfarrei hofft, durch die Untersuchungskommission unter der Leitung des Historikers Thomas Großbölting, Direktor an der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg, die Ergebnisse im Laufe des Jahres 2022 auch zu dem Missbrauchstäter in ihrer Pfarrei erklärt zu bekommen.

Kein Gras über den Fall W. wachsen lassen

„Wir möchten dieses Thema sexualisierte Gewalt aber weiterhin bei uns präsent halten. Wir möchten nicht, dass Menschen von uns denken, wir wollen Gras über die Sache wachsen lassen, das ist auf keinen Fall unser Anliegen“, erklärt Pfarrer van Straelen. Den Anfang machte nach dem ersten Lockdown im September 2020 ein Gesprächsabend mit der Referentin und Betroffenen Erika Kerstner zum Thema Täterstrategien und sexuelle Gewalt. Dieser Termin sollte eigentlich im März stattfinden und musste auf Grund der Pandemie verschoben werden. Weitere Abende waren geplant, auch unter Beteiligung der Selbsthilfegruppe Rhede, die sich unabhängig für die Belange Betroffener im Bistum Münster einsetzt.

„Es ist ein dauerndes Thema, nicht nur in den Gremien, dass durch die Arbeitsgruppe wachgehalten wird. Uns ist daran gelegen, die Menschen zu befähigen, sich über das Thema zu unterhalten, auch dass sie den Mut haben, sich diesem Thema zu stellen“, ergänzt Jutta Rademacher, Vorsitzende des Pfarreirats.

Gemeinsam mit Birgit Kumpmann und Pastoralreferentin Ute Gertz engagiert sie sich in der „Podcast-Gruppe.“ Der Podcast „Hörmal – der Podcast von Liebfrauen Bocholt“ wurde aus der Not geboren, nachdem im Zuge der Pandemie klar wurde, dass ein Austausch und weitere Treffen kaum mehr möglich sein würden.

Buchvorstellungen zum Thema sexualisierte Gewalt

Jutta Rademacher, Rafael van Straelen, Birgit Kumpmann und Ute Gertz.
Jutta Rademacher, Rafael van Straelen, Birgit Kumpmann und Ute Gertz informierten über den Aufarbeitungsprozess in ihrer Pfarrei Liebfrauen Bocholt. | Foto: mth

Über Buchvorstellungen zum Thema Missbrauch möchte die Pfarrei weiter aufklären, informieren und zur Reflexion
anregen: „Wir haben uns Beratung eingeholt, Literaturlisten erstellt und mit Hilfe von Ehrenamtlichen kleine Audios aufgenommen“, berichtet Ute Gertz. Birgit Kumpmann, Mitglied im Pfarreirat, hat weitere Ehrenamtliche angesprochen, die bereit waren, einen Text einzusprechen: „Die Vorleser fanden es gut, dass wir das Thema nicht einschlafen lassen und wollten es unterstützen. Wir haben für den Podcast unterschiedliche Bücher ausgewählt, also nicht nur Erfahrungsberichte, die wirklich schwer zu lesen sind, sondern eben auch präventive Kinderbücher.“

Mittlerweile spielt der Ausschuss „Öffentlichkeitsarbeit“ die Podcasts auf fünf verschiedenen Plattformen aus. Vorgestellt wurden per vorgelesenen Klappentext unter anderem „Mein Fall“ von Josef Hasslinger, Fischer-Verlag, und „Bruder, was hast du getan? Kloster Ettal. Die Täter, die Opfer, das System“ von Bastian Obermayer/Rainer Stadler, Verlag Kiepenheuer und Witsch.

Mit im Boot: Präventionsbeauftragte an den Kitas

Christina Giesing, Leiterin einer Kita und eine der Präventionsbeauftragten für die acht Kitas und Familienzentren der Pfarrei, stellt schwerpunktmäßig Literatur vor, mit der Kinder behutsam an das Thema sexualisierte Gewalt herangeführt werden können, zum Beispiel „Nein, ich will das nicht“ von Manuela Dirolf, aus ihrer Sicht als Kriminalhauptkommissarin. „Wir haben auch unsere beiden Büchereien St. Martin und St. Helena mit im Boot, die die im Podcast vorgestellten Bücher bereit halten“, berichtet Ute Gertz.

Die Idee ist, über den Podcast auch möglichst viele Pfarreimitglieder zu beteiligen, die dann wiederum anderen von dem Thema berichten: „Je mehr Menschen von diesem Thema sexualisierte Gewalt wissen, je mehr gelingt es, hinzugucken und nicht wegzugucken oder ein offenes Ohr zu haben und nicht über eventuelle Sachen hinwegzuhören“, ist Ute Gertz überzeugt.

Die Gemeinde Liebfrauen Bocholt lädt am 15. September, 19.30 Uhr im Rahmen der Reihe „besondere Filme“ in das Kinodrom Bocholt, Meckenemstr. 8, 46395 Bocholt ein.
Gegen einen Euro Eintritt und wer mag, eine Tüte Popcorn, wird an diesem Abend das Drama „Gelobt sei Gott“ (Frankreich 2019) gezeigt. Alexandre (Melvil Poupaud) lebt mitsamt Frau und Kindern in Lyon. Er ist Katholik und erfährt eines Tages durch Zufall, dass der Priester, der ihn einst missbrauchte, als er noch bei den Pfadfindern war, noch immer mit Kindern arbeitet. Diesen Gedanken kann Alexandre nicht ertragen und beschließt, etwas dagegen zu unternehmen.
Sebastian Aperdannier vom Bischöflichen Generalvikariat wird in den Film einführen. Der Referent für Freiwilligendienste im Ausland konzipiert in seiner Freizeit Kulturprogramme, so zum Beispiel die „Corona-Tagebücher aus aller Welt“.

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