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Doppel-Interview mit Betroffenen-Vertreter Martin Schmitz und Bistums-Vertreter Stephan Baumers

Betroffene im Bistum Münster: Wir wollen selbstbestimmte Beteiligung

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Das ist einzigartig in Deutschland: Von Missbrauch durch Geistliche im Bistum Münster Betroffene organisieren sich selbst. Martin Schmitz von der Selbsthilfegruppe Rhede und Stephan Baumers von der Stabsstelle Intervention und Prävention des Bistums sprechen im gemeinsamen Interview über die Pläne, heftige Rückschläge und zu viel Nähe zur „Täter-Organisation“.

Herr Schmitz, manche Bistümer haben Betroffenenbeiräte gegründet, Sie stehen im Bistum Münster kurz vor einer ganz anderen Art der Beteiligung, wenn es um die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt geht. Was haben Sie vor?

Martin Schmitz: Wir möchten ein Betroffenen-Treffen organisieren, zu dem möglichst alle im Bistum Münster von Missbrauch Betroffene eingeladen werden – unabhängig davon, ob sie noch im Kontakt zu Kirche stehen oder nicht. Aus dieser Versammlung heraus wollen wir schauen, wie wir eine Betroffenen-Vertretung organisieren können. Bislang ist es so, wie Sie sagen, dass Bistümer Betroffenen-Beiräte eingerichtet haben, deren Mitglieder durch den Bischof oder ein Gremium bestimmt wurden. Dieses Modell hat an vielen Stellen – siehe Köln – gnadenlos versagt. Das Problem ist: Betroffene werden instrumentalisiert, sie werden begutachtet, sie werden abgelehnt. Eine Beteiligung kann aber nur dann funktionieren, wenn die Betroffenen sich selbst organisieren und von sich aus sagen, wie und was sie gemeinsam mit dem Bistum angehen.

Wer soll sich wo melden?

Hier finden Sie den Einladungs-Brief an Missbrauchs-Betroffene.

Martin Schmitz: Es gibt verschiedene Adressen (siehe Kasten unten). Melden sollen sich allerdings ausschließlich Betroffene, nicht aber Angehörige oder Bekannte von Betroffenen. Der Hintergrund: Betroffene sprechen anders miteinander. Wir wünschen uns, dass wir viele Betroffene erreichen – daher der Weg nicht nur über die Presse, sondern auch durch einen Brief. An der Stelle brauchen wir die Zusammenarbeit mit dem Bistum, das verständlicherweise die Adressen von Betroffenen aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht weitergeben darf. Daher verschickt das Bistum unseren Brief.

Wie stellen Sie sich eine Beteiligung der Betroffenen vor?

Martin Schmitz Martin Schmitz ist Sprecher der Betroffenen-Selbsthilfegruppe Rhede. | Foto: Markus Nolte

Martin Schmitz: Es geht uns um unsere Beteiligung bei der Aufarbeitung von Missbrauch im Bistum Münster. Wir halten es auch grundsätzlich für wichtig, dass durch unsere Beteiligung die Perspektive der Betroffenen in ganz unterschiedlichen Bereichen im Blick bleibt. Vor allem wollen wir eine Selbstbestimmtheit der Betroffenen, sodass sie sagen, wie mit Betroffenen umgegangen wird, mit Fällen, mit den Akten, mit der Aktenführung. Sie müssen sagen können, was schief läuft und was gut läuft. Das geht nicht in der klassisch hierarchischen Weise der Kirche, in der das Bistum oben steht und die Betroffenen unten.

Wie schwierig ist es für Betroffene, mit der „Täter-Organisation“ zusammenzuarbeiten?

Mehr Informationen zur Betroffenen-Initiative im Bistum Münster.

Martin Schmitz: Das ist für viele Betroffene in der Tat extrem schwierig. Bei mir persönlich geht das, ich engagiere mich ja schon seit mehreren Jahren im Kontakt zur Kirche, die definitiv Täter-Organisation ist. Aber es nützt nichts, ausschließlich gegen die Kirche zu agieren. Wir brauchen einen gemeinsamen Weg. Ich setze mich für Veränderungen ein – auch wenn ich selber nicht mehr in der katholischen Kirche zuhause bin.

Herr Baumers, wie bewerten Sie aus Sicht des Bistums eine solche Beteiligungs-Initiative von Betroffenen? Der anderswo gängige Begriff „Beirat“ wird ja offensichtlich in Münster vermieden.

Stephan Baumers: In der Tat ist der Begriff „Beirat“ negativ besetzt, weil das bedeutet, dass jemand berufen werden muss. Wenn die Täter-Organisation nun Menschen in einen Beirat beruft, kann von Unabhängigkeit keine Rede mehr sein. Unsere Stabsstelle und der Interventionsbeauftragte verstehen sich als Katalysator und Ermöglicher: Wir wollen unterstützen, ohne Einfluss zu nehmen. Der erste Schritt ist jetzt wohl gelungen. Dann kann wirklich etwas entstehen, das es in dieser Form in einem deutschen Bistum noch nicht gibt.

Zur ganzen Wahrheit gehört aber auch, dass Anfang dieses Jahres zwei Betroffenengruppen die Zusammenarbeit mit dem Bistum Münster beendet haben – darunter auch die Selbsthilfegruppe Rhede, zu der Sie, Herr Schmitz, gehören. Was war da los – und was hat sich seitdem geändert?

Martin Schmitz: Die Idee der unabhängigen Betroffenen-Zusammenkunft gibt es schon lange. Herr Genn hat in einem Gespräch zu uns gesagt: „So machen wir das jetzt.“ Dann gab es aber doch deutliche Abstriche. Auf einmal war nicht mehr von einer schriftlichen Einladung an alle die Rede, sondern nur an jene, die auch Interesse an einer Mitarbeit haben. Aber genau das wollten wir nicht. Wir wollten, dass zunächst wirklich alle zusammenkommen. Das führte zu Unstimmigkeiten, so wollten wir nicht mit uns umgehen lassen. Offen gesagt: Für uns als engagierte Betroffene fühlte sich das so an, als würden wir instrumentalisiert für Interessen des Bistums, nicht aber der Betroffenen. Und das geht nicht. Das ist erneuter Missbrauch. Darum sind wir damit an die Öffentlichkeit gegangen – nicht zuletzt vor dem Hintergrund des Umgangs mit dem damaligen Betroffenenbeirat im Erzbistum Köln.

Wie haben Sie auf Bistumsseite den Bruch wahrgenommen? Hatten Sie Sorge, dass Ihnen die Beteiligung der Betroffenen ähnlich entgleitet wie in Köln?

Stephan BaumersStephan Baumers ist Mitarbeiter in der Stabsstelle Intervention und Prävention im Bischöflichen Generalvikariat Münster. | Foto: Markus Nolte

Stephan Baumers: Ich habe zum 1. Juli vergangenen Jahres diese Aufgabe übernommen, zu der der Aufbau einer Betroffenenbeteiligung gehört. Das stand von Anfang an unter einem ziemlichen zeitlichen Druck – zum einen von den anderen Bistümern, die bereits einen Beirat eingerichtet hatten, zum anderen vom Unabhängigen Missbrauchs-Beauftragten der Bundesregierung. Mir war aber klar, dass ich erst einmal mit den Betroffenen ins Gespräch kommen musste. Auch nach dem Gespräch mit dem Bischof, das Herr Schmitz erwähnte, dachte ich: Wir sind auf einem guten Weg, auch wenn der zeitliche Druck nach wie vor groß war.

Aber wir waren zu schnell unterwegs und haben aus dem Blick verloren, was für die Betroffenen wirklich wichtig ist. Da haben wir Herrn Schmitz und Herrn Kock und andere Betroffene völlig überrannt, sodass die beiden uns zu Recht ausgebremst haben. Wir haben uns dann schriftlich bei den Selbsthilfegruppen entschuldigt und sind dankbar, dass die Entschuldigung ernstgenommen wurde. Sonst säßen wir heute sicherlich nicht zusammen hier.

Wie klar muss die Trennung zwischen Bistum und Betroffenen sein – und wo brauchen Sie dennoch dessen Unterstützung?

Martin Schmitz: Beim ersten Treffen erfahren wir durchaus Unterstützung durch das Bistum, etwa wenn es um die Räumlichkeiten geht. Das machen wir ganz transparent. Dann wird man sehen, was daraus wird. Das soll ja erst noch besprochen werden.

Wird das Bistum dieses Treffen in irgendeiner Weise begleiten?

Stephan Baumers: Wir werden als Bistum natürlich nicht dabei sein. Wo wir bei der Organisation unterstützen können, machen wir das – etwa in der Raumfrage oder auch was die finanziellen Mittel angeht, die dafür nötig sind. Wir hören ganz auf das, was bei dem Treffen geschieht und was von uns erwartet wird.

Kontakte für Betroffene

Sara Wiese
Postfach 200242
45632 Recklinghausen
betroffenenbeteiligung@gmail.com
Tel./WhatsApp: 0170 5412243

Selbsthilfe Rhede
Martin Schmitz
Am Fildeken 7, 46414 Rhede
sh-rhede@web.de
Tel.: 0171 4785602

Selbsthilfe Münster
Antonius Kock
Peppermühl 1f
48249 Dülmen
akock-selbsthilfe@web.de
Tel.: 0162 6958239

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