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Münsters Bischof stellt sich im Interview Vorwürfen von Opfern

Haben Sie die Missbrauchs-Betroffenen wirklich im Blick, Bischof Genn?

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Betroffene sexueller Gewalt im Bistum Münster haben bei ihrem ersten Vernetzungstreffen massive Vorwürfe gegen Bischof Felix Genn erhoben. „Kirche-und-Leben.de“ hat ihn mit jedem einzelnen konfrontiert.

Herr Bischof, Missbrauchsbetroffene haben bei „Kirche-und-Leben.de“ wiederholt zwar die Arbeit des Interventionsbeauftragten des Bistums gelobt, sie beklagen aber deutlich, nicht von Ihnen und der Bistumsleitung gesehen und angesprochen zu werden. Was sagen Sie dazu?

Ich höre das und nehme es als Aufforderung, mich selbst immer wieder kritisch zu hinterfragen: Tust du das Richtige? Tust du genug? Ich möchte mit denjenigen, die sich nun im Umfeld des Betroffenentreffens kritisch geäußert haben, unbedingt ins Gespräch kommen und werde auf sie zugehen. Entscheidend ist, dass die Betroffenen das möchten. Mir persönlich sind solche Gespräche ein Anliegen. Ich habe auch schon viele solcher Gespräche geführt.

Zugleich akzeptiere ich es, wenn es Betroffene gibt, die sagen, dass sie mit mir als Verantwortung tragendem Vertreter eines Systems, in dem ihnen schwerstes Leid zugefügt wurde, nicht sprechen möchten. Gerade auch von daher war es mir wichtig, im Bistum Münster eine von Weisungen unabhängige Interventionsstelle einzurichten. Mit Peter Frings und Stephan Baumers stehen den Betroffenen hier Menschen zur Verfügung, an die sie sich wenden können. Die Interventionsstelle informiert mich regelmäßig über ihre Arbeit und den Weg einer anderen, von der Institution unabhängigen Betroffenenvernetzung, den wir bewusst im Bistum Münster gehen.

Die Betroffenen bezweifeln im Gespräch mit uns Ihren ernsten Willen, Vertuscher klar zu benennen und Konsequenzen zu ziehen. Wie werden Sie mit den Erkenntnissen der Historikerkommission umgehen?

Auch hier sind wir im Bistum Münster ganz bewusst einen anderen Weg gegangen als andere Diözesen. Die Historikerkommission der Universität Münster, die den sexuellen Missbrauch im Bistum Münster untersucht, arbeitet in völliger Unabhängigkeit von uns. Sie hat freien Zugang zu allen Akten, die sie einsehen will. Sie wird wohl im Juni ihren Bericht vorlegen. Erst dann werde auch ich die Ergebnisse der Untersuchung erfahren.

Im Zwischenbericht haben die Wissenschaftler aber bereits auf Vieles, etwa die systemischen Ursachen sexuellen Missbrauchs, hingewiesen. Diese Ursachen sind im Bistum Münster keine anderen als im Erzbistum München und Freising oder in anderen Bistümern. Als Bischof von Münster ist es meine Verantwortung, diese Ursachen zu bekämpfen und konkrete Konsequenzen zu ziehen. Damit habe ich und damit haben wir im Übrigen schon begonnen. Ich erwähne hier noch einmal die Arbeit der Interventionsstelle und erinnere auch an die  Präventionsarbeit, die geleistet wird.

Hinzu kommt neben der systemischen die persönliche Verantwortung, der sich alle noch lebenden aktuellen und früheren Verantwortungsträger im Bistum Münster stellen müssen. Ich hoffe zudem, dass es uns gelingt, bis zum Juni Personen gefunden zu haben, die für eine unabhängige Aufarbeitungskommission zur Verfügung stehen. Das Land Nordrhein-Westfalen ist hier in der Pflicht, Mitglieder zu benennen. Wir warten hierauf seit Monaten. Diese Kommission soll dann, wiederum völlig weisungsunabhängig, ihre Sicht auf das Thema vorlegen. Auch damit muss ich mich dann in meiner Verantwortung auseinandersetzen. Zugleich hoffe ich sehr, dass auch Betroffene sich bereit erklären können, ihre Erwartungen deutlich zu benennen.

Welchen Wert hat die Ankündigung von Konsequenzen, wenn die Erfahrung eine ganz andere ist – angesichts erwiesener Fehler, eingereichter und doch allesamt abgelehnter Rücktritte von Bischöfen?

Die Ankündigung von Konsequenzen hat gar keinen Wert, wenn diese nicht auch gezogen werden. Erlauben Sie mir aber einige Hinweise zu Ihrer Frage: Für mich geht es nicht nur um – wie Sie fragen – „erwiesene Fehler“, die Gutachten sprechen inzwischen meist von „Pflichtverletzungen“ und weisen den einzelnen Verantwortungsträgern nach, wie viele solcher Pflichtverletzungen sie begangen haben. Die damit verbundene juristische Bewertung ist notwendig, aber unzureichend. Sollten wir an uns selbst – gerade als Christen – nicht viel strengere Maßstäbe anlegen? Was ist mit unserer Moral? Was ist mit unserer Haltung?

Aus der Beantwortung gerade auch dieser Fragen haben bereits zwei Erzbischöfe in Deutschland dem Papst ihre Rücktritte angeboten. Sie haben sich so ihrer institutionellen, aber auch ihrer persönlich-moralischen Verantwortung gestellt. Ich verstehe, dass es insbesondere für Betroffene dann unverständlich und schmerzhaft ist, wenn solche Rücktrittsangebote abgelehnt werden.

Ein Betroffener hat angesichts langwieriger Bearbeitung von Entschädigungs-Anträgen gesagt: „Ich glaube, dass so lange verzögert wird, bis die meisten von uns tot sind.“ Wie widerlegen Sie diese Befürchtung?

In der Tat ist hier viel Zeit verloren gegangen. Es ist für die Betroffenen erneut verletzend, enttäuschend und ärgerlich, dass das so lange dauert. Das ist keine Kritik an den Menschen, die bei der Unabhängigen Kommission für Anerkennungsleistungen sehr viel leisten, sondern eine Selbstkritik. Wir hätten als Bischöfe vielleicht ein einfacheres Verfahren wählen müssen oder die UKA von Beginn an personell deutlich besser ausstatten müssen. Das haben wir inzwischen getan. Von daher hoffe ich, dass die Kommission den „Antragsstau“ möglichst rasch abarbeiten wird. Natürlich ist es nicht unser Ziel, eine Verzögerungstaktik zu fahren. Aber ich verstehe, dass man uns auch das nicht glaubt.

Manche Betroffene sagen, sie hätten ihre Heimat im Glauben verloren und wünschten sich eine traumasensible Seelsorge. Wie ist das im Blick?

Nach meiner Kenntnis ist das ein Wunsch, der von einigen Betroffenen – etwa dem Betroffenenbeirat im Erzbistum München und Freising – vor allem in jüngster Zeit artikuliert wurde. Wenn auch Betroffene aus unserem Bistum sich eine solche seelsorgliche Begleitung wünschen, die ihren Schmerz vielleicht lindern kann, würde ich diesem Anliegen gerne entsprechen. Ich würde dann auf den Beraterstab in unserem Bistum zugehen und diesen bitten, mir Vorschläge für ein solches Angebot zu machen. Sexueller Missbrauch durch Priester und andere Vertreter der Kirche hat den Opfern körperlich und psychisch schwerste Verletzungen zugefügt. Er hat ihnen zudem oft auch den Glauben genommen: den Glauben an sich selbst, an andere Menschen und auch an Gott.

Das Bistum Münster will – anders als andere Diözesen – keinen Betroffenenbeirat einrichten, weil das der „Täterorganisation“ nicht zukomme. Wie sollen die Betroffenen sich dann organisieren?

Diese Entscheidung sollen die Betroffenen selbst treffen. Wir können nicht immer sagen, dass wir den Blick auf die Betroffenen richten und ihre Wünsche in den Mittelpunkt stellen, und dann errichten wir einen Betroffenenbeirat nach unseren Vorstellungen. Vielleicht möchten die Betroffenen das aber gar nicht oder eben ganz anders. Betroffene im Bistum Münster können für sich einen Weg suchen und finden, wie sie sich organisieren. Wenn sie dabei logistische oder finanzielle Unterstützung durch das Bistum haben möchten, leisten wir diese. Und möglicherweise positionieren sich Betroffene dann auch zu der Frage, wie und in welcher Gestalt sie ihre Interessen gegenüber dem Bistum vertreten möchten. Ich würde eine solche Interessenvertretung begrüßen, mache aber auch hier keine Vorgaben.

Mir ist es lieber, wir warten ab und folgen den betroffenen Menschen bei ihren Anliegen, als dass wir jetzt einen Betroffenenbeirat installieren, der dann aber keine Akzeptanz findet. Kurz: Das Bistum befürwortet eine Selbstorganisation der Betroffen sehr. Wir stellen finanzielle, logistische und koordinierende Hilfe zur Verfügung, je nach den Wünschen der Betroffenen. Aus dem Wie und dem Wer halten wir uns raus. Peter Frings, der Interventionsbeauftragte, steht dazu in engem Kontakt mit den Initiatoren des Treffens von Betroffenen.

Die Betroffenen kritisieren auch, dass Sie sich zum emeritierten Papst Benedikt XVI. noch nicht geäußert haben. Das Münchener Gutachten macht ihm ja massive Vorwürfe.

Ich wollte zunächst abwarten, dass sich der emeritierte Papst selbst zu den Vorwürfen äußert. Das hat er jetzt getan. Aus seiner Stellungnahme vom 8. Februar spricht nun wirklich er selbst und nicht seine Berater. Ich nehme ihm sein Schuldbekenntnis ab. Das ist für mich sehr authentisch. Ein weiterer Grund für meine Zurückhaltung ist die Tatsache, dass wir in der Bischofskonferenz die Vereinbarung haben, dass nicht immer jeder Bischof zu allem Stellung nimmt. Dies bedeutet nicht, dass mir ein Thema egal ist oder dass ich nicht mitgehe, denke und fühle. Dass mein Wort vermisst wurde, habe ich vernommen.

Deshalb möchte ich jetzt zwei Dinge benennen: Ich kann nicht stellvertretend für die Betroffenen eine Entschuldigung annehmen oder diese stellvertretend bewerten, das steht mir nicht zu. Sagen kann ich aber, dass die Stellungnahme für mich authentisch ist. Sein Bedauern und der Hinweis auf die übergroße Schuld sprechen dies aus.

Zweitens zeigen die sehr kritischen Reaktionen von Betroffenen für mich erneut: Wir müssen bei allem, was wir zu diesem Thema sagen und tun – und da beginne ich nicht bei Papst Benedikt, sondern bei Felix Genn –, wirklich zuerst an die Betroffenen denken. Wir sollten jede Aussage vermeiden, die als das Abschieben von Verantwortung verstanden werden kann, sondern uns zu unserer persönlichen wie institutionellen Verantwortung bekennen. Nicht die anderen hatten oder haben Verantwortung, sondern ich hatte und habe Verantwortung und bereue Fehler, die ich in dieser verantwortlichen Position gemacht habe.

Aktuell gibt es in diesem Zusammenhang massive Vorwürfe von Betroffenen gegen Weihbischof Stefan Zekorn. Betroffene werfen ihm vor, in seiner Predigt am Fest der Darstellung des Herrn am 2. Februar im Dom durch historische Einordnungen, Vergleiche und die Bezugnahme auf wissenschaftliche Erkenntnisse früherer Zeiten Schuld und Verantwortung früherer Bischöfe und Personalverantwortlicher zu relativieren. Was sagen Sie den Betroffenen, die auch an Ihre Verantwortung als Bischof von Münster appellieren?

Ich möchte das wiederholen, was ich gerade gesagt: Wir müssen bei allem, was wir sagen und tun, zuerst an die Betroffenen denken. Diese haben unvorstellbares Leid erlitten. Vergleiche und historische Einordnungen können immer als Relativierungen von Verantwortung und Schuld verstanden werden – natürlich insbesondere von den Betroffenen. Um es unmissverständlich zu sagen: Nicht psychiatrische Gutachter hatten die Verantwortung, wenn ein Missbrauchstäter weiter in der Seelsorge eingesetzt wurde, sondern die kirchlichen Verantwortungsträger, insbesondere die Bischöfe. Diese hatten, bei allem was wir wissen und was viele frühere Bischöfe heute selbst einräumen, die Opfer nicht im Blick. Das bleibt für mich nicht nur als Bischof, sondern einfach als Mensch mit moralischen Vorstellungen unbegreiflich und unvorstellbar.

Von daher verstehe ich die Kritik von Betroffenen an der Predigt des Weihbischofs sehr und kann sie in der Tiefe nachvollziehen, obwohl ich selbst so schweres Leid nie erfahren musste. Ich habe mit dem Weihbischof darüber gesprochen. Ich habe veranlasst, was der Wunsch der Betroffenen war, dass die Berichterstattung über die Predigt von unseren digitalen Plattformen entfernt wird; auch der Weihbischof hat das selbst auf seiner Facebook-Seite getan.

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