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Kürzung von Finanzmitteln für „Gemeinden, die das Thema Prävention nicht ernstnehmen“

Bischof Timmerevers räumt Fehler bei Missbrauchsaufarbeitung ein

  • Bischof Heinrich Timmerevers hat Fehler des Bistums Dresden-Meißen bei der Aufarbeitung von Missbrauchstaten des Heidenauer Priesters Herbert Jungnitsch eingeräumt.
  • Einen Grund für den späten Beginn der Aufarbeitung nannte der Bischof nicht, beteuerte aber, „dass wir die weitere Aufarbeitung nun mit Hochdruck angehen werden“.
  • Für „Gemeinden, die das Thema Prävention nicht ernstnehmen“, werde nun geprüft, „inwieweit wir die geldlichen Regelzuweisungen an eine Pfarrei einkürzen können“.
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Bischof Heinrich Timmerevers hat Fehler des Bistums Dresden-Meißen bei der Aufarbeitung von Missbrauchstaten des Heidenauer Priesters Herbert Jungnitsch (1898-1971) eingeräumt. Warum man den Vorwürfen vor seinem Amtsantritt 2016 nicht stärker nachgegangen sei, sei ihm „nicht im Detail bekannt“, sagte Timmerevers in einem am Mittwoch verbreiteten Interview des Portals „katholisch.de“. „Ich kann aber versprechen, dass wir die weitere Aufarbeitung nun mit Hochdruck angehen werden“, betonte er.

Laut Bistum hat Jungnitsch nachweislich Kinder sexuell missbraucht. Die „Sächsische Zeitung“, die als erste über den Fall berichtete, spricht von vier bislang bekannten Opfern sowie mindestens sechs weiteren mutmaßlichen Beteiligten aus dem Umfeld der Pfarrgemeinde. Dem Bistum ist der Fall seit über zehn Jahren bekannt. Es hat nach eigenen Angaben auch an drei Opfer aus Heidenau Anerkennungszahlungen geleistet.

 

Seelsorger ohne Weiheamt brachte Aufarbeitung in Gang

 

Timmerevers räumte ein, dass „zentrale Fragen des Falls zuerst in der Gemeinde Heidenau diskutiert“ worden seien. Die Initiative dazu kam vor allem vom dortigen Gemeindereferenten Benno Kirtzel, einem Seelsorger ohne kirchliches Weiheamt. „Wir wollen die Gemeinde bei dem nun anstehenden Prozess so gut wie möglich unterstützen und tragen die Ideen zur Aufarbeitung mit“, kündigte der Bischof an.

Er versprach, dass er „in dieser Sache ganz klar an der Seite der Betroffenen“ stehe. „Ihnen wollen wir durch die verschiedenen Aufarbeitungsschritte die Chance geben, dieses schreckliche Kapitel ihres Lebens besser verarbeiten und eventuell sogar ein Stück weit abschließen zu können.“

 

Timmerevers überrascht vom Echo auf die Einebnung

 

In diesem Zusammenhang halte er auch die Einebnung des Grabes von Jungnitsch für eine gute Idee, „da es an dem Grab sonst zu Retraumatisierungen kommen könnte“. Es gehe nicht um ein Tabuisieren oder ein Auslöschen einer Erinnerung, sondern um ein Zeichen der Veränderung. „Ob und was an dieser Grabstelle nach einer Einebnung stehen soll, können wir nur im Rahmen der Aufarbeitung vor Ort mit der Gemeinde und den Betroffenen klären.“

Über das Echo auf diesen Vorstoß zeigte sich Bischof Timmerevers in einem Interview der „Sächsischen Zeitung“ am vergangenen Samstag überrascht. „Ich hatte nicht erwartet, dass die Einebnung so weite Kreise in der Öffentlichkeit ziehen würde“, sagte er. „In meiner Heimat wurde eine Straße nach einem Priester benannt (Anm. d. Redaktion: Kaplan-Meyer-Straße in Sedelsberg, Kreis Cloppenburg), da gab es jetzt ein eindeutiges Votum, das zurückzunehmen, weil er Missbrauch verübt hat. Aber das Entfernen eines Grabsteins ist offenbar ein noch stärkeres Symbol.“

 

Timmerevers bedauert knappe Ressourcen seines Bistums

 

Das Vorgehen der Gemeinde in Heidenau habe Pilotcharakter, so Timmerevers. „Meine Vorstellung ist so, dass wir das, was wir in Heidenau lernen, auch für andere Gemeinden umsetzen können.“

Auf die Frage, welche finanziellen und personellen Ressourcen das Bistum der Gemeinde für die weitere Aufarbeitung zur Verfügung stelle, antwortete der Dresdner Bischof: „So weit sind wir noch nicht. Wir nutzen auf Bistumsebene externe Fachleute, da investieren wir schon eine Menge rein. Auch ich lasse mich coachen. Und das ist jetzt nicht so, dass diese Experten uns in ihrer Freizeit helfen. Wir sind so ein kleiner Laden hier – andere Bistümer hätten vermutlich viel mehr Ressourcen.“

 

Timmerevers nimmt nicht am Treffen in Heidenau teil

 

Timmerevers räumte weiter ein, dass der Fall seit elf Jahren im Bistum bekannt sei, eine „wirkliche Aufarbeitung“ von Missbrauchsfällen wie in anderen Bistümern aber erst nach 2018 begonnen habe. Der Bischof versprach, dass das Bistum „die weitere Aufarbeitung nun mit Hochdruck angehen“ werde. So wolle es gemeinsam mit anderen Bistümern zeitnah eine unabhängige Aufarbeitungskommission auf den Weg bringen und einen Betroffenenbeirat einrichten.

An einem im kommenden Juni geplanten Informationsabend in Heidenau werde nach derzeitigem Stand der Planungen Generalvikar Andreas Kutschke teilnehmen, sagte Timmerevers. Er selbst habe „grundsätzlich nicht die Schwierigkeit“ auch selbst zu der Zusammenkunft zu kommen, aber es gebe Gründe, die dagegen sprächen, so der Bischof. „Vielleicht konzentriert sich die Veranstaltung dann zu sehr auf meine Person und weniger auf das Thema. Vielleicht pusche ich mit meiner Anwesenheit die Polarisierung in der Gemeinde.“

 

Sanktionen gegen Pfarreien ohne Präventionskonzept

 

Im Interview der „Sächsischen Zeitung“ kündigte Timmerevers überdies Sanktionen gegen Gemeinden des Bistums an, die noch kein Präventionskonzept erstellt haben. „Bei Gemeinden, die das Thema Prävention nicht ernstnehmen, lassen wir derzeit als Ultima Ratio prüfen, inwieweit wir die geldlichen Regelzuweisungen an eine Pfarrei einkürzen können.“

Bistum korrigiert Aussagen von Bischof Timmerevers
Das Bistum Dresden-Meißen hat die Aussagen von Bischof Heinrich Timmerevers zu einem der schwersten Missbrauchsfälle im Bistum korrigiert. Timmerevers hatte im Interview des Portals katholisch.de gesagt (Beitrag oben), dass sich "im Zuge der Recherchen der 'Sächsischen Zeitung' neue Betroffene bei uns gemeldet haben und wir über Vorfälle informiert wurden, von denen wir vorher nichts wussten". Auf Nachfrage der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) erklärte das Bistum heute hingegen: "Neue Betroffene im Fall Jungnitsch sind dem Bistum nicht bekannt." Auch neue Fälle sind offenbar nicht bekannt. | KNA, 01.03.2021

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