Vor 25 Jahren wurde die erste Tafel gegründet

Caritas: Tafeln sollten nur Ergänzung sein

Vor 25 Jahren wurde die erste Tafel gegründet. Mittlerweile gibt es deutschlandweit fast 1.000 gemeinnützige Tafel-­Einrichtungen. Wo es immer noch hakt, weiß Heinz-Josef Kessmann, Direktor des Caritasverbandes im Bistum Münster.

„Kirche+Leben.de“: Wie sieht die Situation der Tafeln heute aus?

Heinz-Josef Kessmann: Nachdem in den Jahren nach 2000 die Zahl der Tafeln, Tafelläden oder vergleichbare Angebote in Trägerschaft der Caritas und der Kirchengemeinden kontinuierlich angestiegen ist, gibt es in den letzten Jahren keine vergleichbare Zunahme mehr. Angebot und Nachfrage scheinen sich aufeinander eingestellt zu haben. Natürlich würden die Helferinnen und Helfer der Tafeln ihren Kunden häufig gerne ein umfangreicheres und vielfältigeres Angebot machen, aber dafür stehen dann auch oft nicht genügend gespendete Produkte zur Verfügung. Dies ist insbesondere in den letzten beiden Jahren deutlich geworden, als durch die geflüchteten Menschen, die bei uns leben, die Zahl der Kunden in den einzelnen Tafeln häufig zugenommen hat. Allerdings muss man auch berücksichtigen, dass die Tafeln immer nur ein ergänzendes Angebot sein können und die eigentliche Unterstützung durch die Leistungen der Sozialhilfe erfolgen müssen.

Hat sich das Klientel geändert? Wie sieht die Gruppe der Tafel-Besucher heute aus?

Die Kunden der Tafeln sind die Menschen in unserer Gesellschaft, die am stärksten von Unterversorgung betroffen sind und am Rande der Gesellschaft stehen. Dies sind von Anfang an vielfach Familien mit mehreren Kindern und Alleinerziehende, ältere Menschen mit kleinen Renten und langzeitarbeitslose Menschen, die Arbeitslosengeld II beziehen. Aber auch Arbeitnehmer, die nur einen Teilzeitjob oder einen Minijob haben, werden häufig Kunden unserer Tafeln.

Mehr Informationen zu Tafeln in Nordrhein-Westfalen unter www.tafeln-nrw.de.

In den letzten Jahren sind zwei Personengruppen stärker hervorgetreten, das sind zum einen geflüchtete Menschen, die Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz erhalten und Personen, die aufgrund er hohen Wohnungspreise nicht genügend Geld für das alltägliche Leben zur Verfügung haben.

Darf es überhaupt Aufgabe von freien Trägern sein, für die Grundversorgung der Bevölkerung mit zu sorgen?

Natürlich hat die Caritas den Anspruch, dass Menschen in Not auch durch unsere Hilfe das Nötige zum Leben erhalten – und eben auch das tägliche Brot. Aber, wir leben in einem Sozialstaat, in dem diese Grundversorgung vor allem eine staatliche Aufgabe darstellt. Tafelangebote sind da Ausfallbürgen für eine ungenügende sozialstaatliche Vorsorge in der Sozialpolitik. Deswegen ist es von Anfang an notwendige Verpflichtung für die Caritas, das Engagement in der Tafelarbeit sozialpolitisch intensiv zu begleiten und die Verantwortung des Staates für die Daseinsvorsorge einzufordern. In diesem Sinne setzen wir uns in der Caritas immer für eine ausreichende Höhe der staatlichen Grundsicherungsleistungen ein. Eine weitere Dimension, die wir auch mit der Jahreskampagne 2018 ansprechen, ist die ausreichende Versorgung mit preiswertem Wohnraum. Hier tut sich angesichts der aktuellen Wohnungsmarktsituation ein sehr erhebliches Armutsrisiko auf.

Heinz-Josef Kessmann. | Foto: Michael BönteHeinz-Josef Kessmann. | Foto: Michael Bönte

Bereits 2010 hat die Caritas in Nordrhein-Westfalen eine breit angelegte Untersuchung zur Situation in den Tafeln und Tafelläden gemacht. Ein Ergebnis war, dass die Menschen, die solche Angebote nutzen, dies vielfach für sich selbst als beschämend, ausgrenzend oder sogar erniedrigend erleben. Dies widerspricht deutlich dem Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben und der Vorstellung, sein eigenes Schicksal in die Hand nehmen zu können. Deshalb ist es ein großes Anliegen für die Caritas, in den Tafelangeboten Betroffenen auch Mitwirkungsmöglichkeiten anzubieten und das Angebot der Tafeln mit Beratungsdiensten zu kombinieren, um so die eigenen Kräfte der Betroffenen zu stärken.

Was ist in den vergangenen Jahren falsch gemacht worden?

Die Politik hat dabei versagt, die Regelsätze in den einschlägigen Gesetzen, wie zum Beispiel im Sozialgesetzbuch II (Hartz IV) ausreichend auszugestalten und zeitnah an Preisentwicklungen anzupassen. Aktuell wird die Situation durch die unzureichende Wohnraumversorgung weiter verschärft. Besonders kritisiert die Caritas, dass nach wie vor die Situation von Familien mit Kindern nicht genügend im Blick ist und so Kinder zum Armutsrisiko werden. Hier ist dringend durch gezielte Förderung benachteiligter Familien dafür Sorge zu tragen, dass zum Beispiel durch entsprechende Bildungsangebote Nachteile ausgeglichen und „Armutskarieren“ vermieden werden.

Tafeln im Bistum Münster
73 Tafel-Einrichtungen mit mehr als 100 Ausgabestellen bestehen nach einer Recherche von „Kirche+Leben“ im Bistum Münster. Von den 73 Tafeln sind 26 in kirchlicher Trägerschaft. Das entspricht etwa 35 Prozent. Viele davon werden von den Caritas-Verbänden getragen; andere haben ihren Ursprung in ökumenischen Projekten katholischer und evangelischer Kirchengemeinden.
Auch in nicht-kirchlichen Tafeln engagieren sich viele Christen und Kirchengemeinden. Bestückt werden die Tafeln vor allem aus Spenden der örtlichen Lebensmittelhändler. Doch auch von finanziellen Spenden sind die Einrichtungen abhängig, etwa für die Anschaffung der Lieferwagen.
Teilweise gibt es im Bistum  Ausgabestellen, deren Hauptsitz in einem Nachbarbistum liegt, wie bei der Hammer Tafel (Erzbistum Paderborn) mit der Ausgabestelle in Bockum-Hövel (Bistum Münster).
Die Zahlen in den Regionen unterscheiden sich wenig: Zehn Tafeln und 15 Ausgabestellen befinden sich in der Region Münster/Warendorf, 18 Tafeln und 19 Ausgaben in Coesfeld/Recklinghausen, 15 Tafel-Einrichtungen mit 19 Ausgaben in Borken/Steinfurt, 17 Tafeln und 25 Ausgabestellen am Niederrhein und 13 Tafeln mit 27 Ausgaben im Offizialatsbezirk Oldenburg. (mpl)