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Heinz-Josef Kessmann war fast 25 Jahre Diözesancaritasdirektor

Ein Lobbyarbeiter für Benachteiligte - Caritas-Chef geht in Ruhestand

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Fast 25 Jahre hat Heinz-Josef Kessmann die Caritas im Bistum Münster geleitet. Mitte Juni geht der 65-Jährige in den Ruhestand. Im Gespräch mit „Kirche-und-Leben.de“ verrät er, auf welchen Feldern der Caritasverband aktiv bleiben muss und welche sozialpolitischen Herausforderungen zu meistern sind.

Es werden viele anerkennende Worte gesprochen, wenn Heinz-Josef Kessmann am 15. Juni 2022 als Caritasdirektor im Bistum Münster in den Ruhestand verabschiedet wird. „Ich habe diese Aufgabe gern ausgefüllt. Es war mein Ding“, sagt der 65-Jährige.

Kessmann hat viel dafür getan, den Dachverband der katholischen Wohlfahrtspflege zukunftsfähig zu machen und für Mitarbeitende attraktiv zu gestalten. Auf Bundes- und Landesebene, nicht zuletzt als Vizepräsident des Deutschen Caritasverbands und als Vorsitzender der Arbeitsrechtlichen Kommission, hat er die Interessen der Caritas in der Diözese Münster auch bundesweit engagiert vertreten.

Soziale Arbeit im Wandel

Als vor einigen Jahren der Diözesanverband unter seinen 50 örtlichen Verbänden und 400 Einrichtungen, in denen 80.000 Mitarbeitende hauptamtlich und zahllose weitere Menschen freiwillig engagiert sind, die Umfrage „Caritas 2025 – die Zukunft sozial gestalten“ startete, begleitete Kessmann den Prozess maßgeblich.

„Auch die soziale Arbeit ist einem ständigen Wandel unterworfen und muss sich den Gegebenheiten der Zeit anpassen. Ich habe versucht, so gut ich konnte, an der Zukunftsentwicklung mitzuarbeiten“, sagt der scheidende Caritasdirektor.

Liste der Herausforderungen ist lang

Digitalisierung der Berufswelt, Einsatz der sozialen Medien, demografischer Wandel, Stellung des Verbands in einer Gesellschaft, in der der kirchliche Einfluss schwindet – die Liste der Herausforderungen eines modernen kirchlichen Wohlfahrtsverbands ist lang. Trotz aller Notwendigkeit, soziale Berufe attraktiv zu gestalten, müsse sich die Caritas dennoch immer wieder auf ihre Kernkompetenzen besinnen, meint Kessmann: „Die Caritas hat den besonderen Auftrag, für die benachteiligten Menschen am Rand der Gesellschaft da zu sein: für die Armen, Einsamen, Bedürftigen und Arbeitslosen.“

Die Caritas sieht Kessmann als Fürsprecherin benachteiligter Menschen und in der Lobbyarbeit als politische Interessenvertretung. Unzählige Male hat Kessmann deshalb an Anhörungen im Düsseldorfer Landtag teilgenommen, wenn es darum ging, Gesetzesänderungen zu begutachten und Finanzierungsfragen zu klären.

Engpässe bei den Pflegeberufen

„Die Stimme der Caritas ist gefragt. Politiker aller Fraktionen wissen, wie verlässlich die Caritas arbeitet“, sagt Kessmann. In Nordrhein-Westfalen gebe es ein starkes Bewusstsein für eine aktive Sozialpolitik.

Und dennoch gibt es Schwachstellen. Bereits lange vor der Corona-Pandemie warnte Kessmann vor den Engpässen bei den Pflegeberufen. Auch wenn die Caritas mehr junge Menschen denn je in Pflegeberufen ausbildet, reicht das aber bei Weitem nicht aus, um der stark ansteigenden Zahl der Pflegebedürftigen gerecht zu werden.

Engagement im BDKJ

Kessmann hat sich in seinem Arbeitsleben als „Mann der Kirche“ verstanden, der sich bereits in jungen Jahren in der katholischen Verbandsarbeit zuhause fühlte. So arbeitete der aus Greven im Kreis Steinfurt stammende Kessmann in den 1980er und 1990er Jahren im Diözesanvorstand des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) mit, wurde Referent für politische Bildung der Arbeitsstelle für Jugendseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz in Düsseldorf und dann Geschäftsführender Direktor des Jugendhauses Düsseldorf, der Bundeszentrale der Katholischen Jugendarbeit.

Gerade weil die Kirche mit ihren Caritasverbänden eine starke Kompetenz und Glaubwürdigkeit besitzt, hofft Kessmann auf kirchliche Reformen. Es gelte, das kirchliche Arbeitsrecht grundlegend weiterzuentwickeln hinsichtlich einer eindeutigen Akzeptanz für die private Lebensgestaltung der Mitarbeitenden. „Der Reformwille ist da. Ich sehe viele Fortschritte, die ich sehr begrüße und auf die ich hingearbeitet habe.“

Jubiläen und Katastrophen

Der Grevener blickt mit großer Freude auf die Höhepunkte seiner Dienstzeit: Beim Jubiläum „1200 Jahre Bistum Münster“ im Jahr 2005 unternahm er zusammen mit dem damaligen Vorsitzenden des Diözesancaritasverbands, Dieter Geerlings, eine Radtour durchs Bistum. 800 Kilometer radelten die beiden, um an 50 Caritas-Veranstaltungen teilzunehmen. Die Feiern zum 100-jährigen Bestehen des Diözesancaritasverbands 2016 und den Katholikentag 2018 in Münster sieht er als besondere Wegmarken an.

Anstrengende Zeiten erlebte Kessmann bei den Katastrophen und Notlagen, als schnelle Caritas-Hilfen, Einsätze und Spendensammlungen notwendig wurden, etwa beim Tsunami 2004 in Thailand, bei der Flüchtlingsbewegung 2015, beim Hochwasser im Ahrtal und nicht zuletzt während der Corona-Pandemie, als Corona-Ausbrüche in den Alten- und Pflegeheimen auch die Mitarbeitenden arbeitsmäßig und emotional bis an die Grenzen der Belastung brachten.

Dienstleister für die örtliche Caritas

Besonders schätzt Kessmann die Verbundenheit der Verbandsmitglieder, zu denen die örtlichen Caritasverbände gehören: „Nur durch ihre jährlichen Beiträge kann der Diözesancaritasverband als Dienstleister tätig werden. Ich bin dankbar, dass in allen meinen Dienstjahren einstimmige Beschlüsse über die Mitgliedsbeiträge gefasst wurden.“ Jährlich erhält der Diözesancaritasverband als sogenannter „Spitzenverband“ von den Mitgliedern rund 1,5 Millionen Euro für seine Aufgaben.

Dass die Lobbyarbeit der Caritas weitergehen muss, ist für den scheidenden Caritasdirektor klar. Dass Kinder und Jugendliche am stärksten von Armut betroffen sind, bezeichnet er als „Skandal“ an sich. „Dass der Zustand so lange währt, ist erst recht ein Skandal.“

Gleiche Rechte für alle Flüchtlinge

Auch in der Flüchtlings- und Asylpolitik sieht Kessmann Defizite und Ungerechtigkeiten: „Alle Flüchtenden sollten gleich behandelt werden, egal, woher sie kommen.“

Wenn Heinz-Josef Kessmann mit einem Gottesdienst mit Weihbischof Dieter Geerlings im Paulusdom in Münster und später in einer Feierstunde verabschiedet wird, weiß er den Verband in guten Händen: Pia Stapel und Dominique Hopfenzitz werden am 1. August die Leitung des Caritasverbands für die Diözese Münster übernehmen. Zusammen mit dem Vorsitzenden, Pfarrer Christian Schmitt, werden sie den künftig dreiköpfigen Vorstand bilden.

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